Samstag, November 26, 2022
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Im Netz einer Moral-Industrie

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Investitionen in die akademische Bildung gelten als ausgemacht gute Investition. Deshalb hört man ständig, dass diese Bereiche weiter wachsen sollen. Akademisches Wachstum ist überall zu finden. Ein Blick auf nackte Zahlen offenbart ein gewaltiges Wachstum der deutschen Denk-Industrie. Bringt das immer nur Fortschritt? | Von Thomas Wischnewski

Kapitalismuskritik erscheint als ein Gebot der Stunde. Entfesselte Produktivkräfte, endloses Wirtschaftswachstum und permanente Effektivitätssteigerungen lassen uns heute Lebensraumzerstörung, Vernichtung natürlicher Ressourcen und Umweltvernichtung gewahr werden. Nur der Corona-Lockdown hat dem allgemeinen Wirtschaftswachstum eine temporäre Delle verpasst. Die Kritik über das kapitalistische Wirtschaften prangert die Entwicklung an, die auf einem kapitalbildenden Finanzsystem mit schwindelerregenden Zins- und Anlageerlösen fusst. So wie wachsende Rendite und Vermögen in den Händen einiger Tausend Milliardäre als Motor dieser destruktiven Entwicklung identifiziert sind, so wenig wird jedoch die anzahlmäßige Zunahme der Weltbevölkerung nicht als eine weitere Quelle dieser Expansionserscheinungen benannt. Und ideelle Kräfte, die sich ebenso auf dem Fundament des erfolgreichen Wirtschaftens entfalten, werden gleich gar nicht berücksichtigt. Im Grunde genommen betrachtet man solche ausschließlich als positiv.

Wir kennen alle die Klage über ein angeblich kaputt gespartes Bildungssystem. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Gewerkschafter oder Kultur- und Bildungsakteure ein wirksameres Engagement für den Bereich des Lernens und Forschens fordern. Wer nicht ins selbe Horn stößt, muss als Verhinderer oder ewig Gestriger gelten. Natürlich erscheint es nur allzu logisch, dass Wissenszuwachs grundsätzlich mit Fortschritt eingeht. Doch so wie immer effektivere Produktionsmethoden und Rohstoffgewinnung im Bereich natürlicher Ressourcen mittlerweile als Übel wahrgenommen werden, gilt dies nicht in der Sphäre einer „Denk-Industrie“. Genau deshalb sollen hier ein paar Aspekte und Fakten aus dem kaum mehr überschaubaren Wachstumspotenzial der geistigen Bildungs- und Forschungswirtschaft betrachtet werden. Was dieser Beitrag nicht leisten kann, ist, Teilbereiche, einzelne Theorien oder den Forschungsstand auf den vielen Spezialgebieten der weiten Geistes-, Sozial- und psychologischen Wissenschaften qualitativ zu bewerten. Es geht um den Blick auf Quantitäten, Potenziale und theoretische Expansionen.

In 20 Jahren stieg die Anzahl der Professoren um über 10.000

In Deutschland existieren derzeit 426 Hochschulen und Universitäten. Dazu kommen noch einmal 240 Fachhochschulen. Allein seit dem Jahr 2000 wurden insgesamt 90 neue wissenschaftliche Spitzeneinrichtungen gegründet. Die Anzahl der Professorinnen und Professoren stieg vom Jahr 1999 bis Ende 2018 von 37.874 auf 48.128. An allen deutschen Hochschulen arbeiteten insgesamt 719.310 Mitarbeiter (31.12.2018). Davon waren etwa 311.487 hauptamtliche Mitarbeiter des Verwaltungs-, technischen und sonstigen Personals. Über 400.000 Menschen sind also irgendwie in der Lehre und Forschung tätig. Summiert man die Professoren der Bereiche Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die der Geisteswissenschaften sowie der Kunst und Kunstwissensschaften kommt man auf die Zahl 22.741. Die Mehrheit der Hochschulelite ist also noch in Ingenieur-, Naturwissenschaften, in der Mathematik und den Humanwissenschaften tätig. Allerdings verweist der Trend darauf, dass die ideelle Sphäre weiter expandiert. Irgendwann wird der Bereich die Mehrheit der Wissenschaftler stellen.

Auch finanziell haben sich die heute vielfach als Humanwissenschaften bezeichneten Fachgebiete prächtig gemausert. Gaben die deutschen Hochschulen 1995 für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften knapp 1,3 Milliarden Euro aus, waren es 2017 schon fast 4,3 Milliarden Euro. Die Ausgaben haben sich also mehr als verdreifacht. Die Geisteswissenschaften legten im selben Zeitraum um rund 400 Millionen Euro zu, von 1,28 Milliarden Euro auf 1,67 Milliarden Euro. Auch der Bereich Mathematik und Naturwissenschaften stieg, allerdings verdoppelten sich hier die Ausgaben noch nicht einmal, von 2,86 auf 4,45 Milliarden Euro. Nur innerhalb der Humanmedizin und bei den Gesundheitswissenschaften stiegen die Ausgaben um mehr als das Doppelte von 11,3 Milliarden auf 25,1 Milliarden Euro. Genauso verdoppelten sich die Etats in den Kunst-Fakultäten sowie den Kunstwissenschaften. Hier kletterten die Ausgaben von rund 459 Millionen Euro auf fast 900 Millionen Euro.

Nun erklären die nackten Zahlen allein nichts. Allerdings können sie einen Eindruck vermitteln, welche Kraft der geistige und soziale Forschungsbereich mittlerweile entfacht. Von 1.000 Beschäftigten in Deutschland sind statistisch heute übrigens zehn als Wissenschaftler tätig. Bis 2030 soll sich der Anteil auf knapp 14 von 1.000 Beschäftigten erhöhen. Betrachtet man nun Zustände der deutschen Gesellschaft, nimmt man mehr und mehr Polarisierung, sich verschärfende Konflikte und politische Auseinandersetzungen wahr. Unüberhörbar sind die vielstimmigen Appelle für mehr Gerechtigkeit, Gleichstellung, für die Überwindung von Missständen und die Kampfaufrufe für die eine oder andere politische Sache.

Anstatt also die geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Lehrbereiche vorzeigbare Fortschritte in Richtung Ausgleich, Gerechtigkeit und Beseitigung von sozialen Differenzen vorzuweisen hätten, driften die Menschen – zumindest in ihren gesellschaftlichen Ansichten – offenbar weiter auseinander. Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob ein Mehr an purer Theorieausbreitung tatsächlich die Gesellschaft voranbringt oder doch eher ähnliche negative Auswirkungen hat, wie sie die Wirtschaft hervorbringt? Eine These könnte lauten: Nicht nur der Wirtschafts- und Finanzsektor zeigt den uneingeschränkten Hunger des modernen Menschen nach mehr, offenbar fusst auch die geistige Sphäre auf denselben Mechanismen.

Grenzenloses Wachstum in den Sozialwissenschaften?

Der ideologische Druck über korrekte Schreibweisen, verminte Begriffe und politisch eingeordnetes Verhalten kann wohl nur aus einer Verengung der Diskursräume erklärt werden. Liest man im Meer sozialwissenschaftlicher Batchelor- und Masterarbeiten gelten beispielsweise Grundlagen der Genderforschung bereits als gesetzt. Man kann quasi gar keine kritische These aufstellen und diese untersuchen, weil man dann das Grundgerüst infrage stellen würde. Man riskiert quasi den akademischen Abschluss. Eine Untersuchung von Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die mit politischen Koordinaten betrachtet werden, kann niemals zu einer Überwindung von gesellschaftlichen Problemen führen. Eher ermöglicht die Flut solcher zweifelhafter Forschungen die Verfestigung eigener Überzeugungen in den akademischen Bereichen und fördert wahrscheinlich eher die Abgrenzung und Zurückweisung zu „normalen“ Ansichten in der Bevölkerung. Schließlich werden Absolventen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten später in Bildungs-, Politik-, Kultur- und Medieneinrichtungen tätig. Sie bestimmen das Meinungspotenzial. Man dürfte annehmen, dass sich hier ein sich selbst speisender Teufelskreis gebildet hat.

Sicherlich lassen sich Begriffe aus der Wirtschaft nicht einfach auf geisteswissenschaftliche Bereiche anwenden. Trotzdem sollte die Entwicklung in diesen Bereichen keine kritiklose Eigendynamik entwickeln. Zumindest die quantitativen Wirkungen sollte sich die deutsche Gesellschaft näher betrachten. Zur Freiheit der Wissenschaft und zur Meinungsfreiheit gehört, dass alle möglichen Bereiche beforscht und alle Ergebnisse offen diskutiert werden können. So berechtigt wie das Ausufern kapitalistischen Wirtschaftens kritisiert wird, genauso skeptisch muss die ungebremste Ausweitung, quantitative Steigerung akademischer Geistesräume geprüft werden. Möglicherweise rühren die heute vielfach als über moralisierend erlebten Diskussionen daher, dass eine Art Moral-Industrie an den Hochschulen und Universitäten entstanden ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass Figuren der Geschichte heute rückwärts bzw. nachträglich aus aktuellen ethischen Vorstellungen heraus verurteilt werden? Man entgegne solchen Erscheinungen, dass diese selbst in der Zukunft auf demselben Prüfstand stehen werden. Das Herauslösen zeitgeschichtlicher Zusammenhänge, das Verurteilen von Toten – ohne aus heutiger Sicht deren Verhalten zu loben – sprengt jede historische Wissenschaft. Wenn Absolventen deutscher Hochschulen solche Überzeugungen tragen, muss man einfach nach negativen Auswüchsen in der deutschen Denk-Industrie suchen.

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