Im Zwielicht des Gewissheitsgens?

Fragen über Fragen, zum Sein, zur Existenz und natürlich auch zum Covid-19-Virus. Warum es keine abschließende Antwort auf alles gibt und krause Theorien zu einem Schlüssel werden sollen? Es irrt der Mensch so lang er strebt, und er fehlt im Guten wie im Schlechten. | Von Thomas Wischnewski

Das Leben stellt uns Fragen bzw. wir richten Fragen ans Leben. Diesem Phänomen kann man kaum entfliehen. So große philosophische Fragen, wie alles, das Universum und das Sein, einen Ursprung genommen haben, wo die Quelle des Bewusstseins zu finden wäre und vieles andere mehr. Natürlich beschäftigen uns solche Probleme nicht permanent, im Mittelpunkt stehen eher solche Fragen, die mit unserer persönlichen Existenz, unserem Umfeld oder mit Alltagsdingen zu tun haben. Finden wir eine schlüssige Erklärung zur aufgeworfenen Thematik, stellt sich ein Zustand der Ruhe ein, manchmal ist das Ganze aber nur ein Ausgangspunkt für die weitere Suche. Die von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufene Pandemie zum Covid-19-Virus beschäftigt jeden. Schließlich führen die Eindämmungsmaßnahmen zu Lebensumständen, wie sie die Menschheit derart radikal noch nie durchlebt hat. Die Fahndung nach verständlichen Ursachen hat mittlerweile eine Kraft erreicht, wie es sie noch nie gab. Aus diesen Erkundungsversuchen blühen die wunderlichsten Erklärungsversuche bis hin zu krudesten Verschwörungstheorien. Und dieser Trend ist nur möglich, weil eben viele Schlussfolgerungen – selbst solche mit wissenschaftlichem Hintergrund – den eigentlichen Grundstein nicht ans Licht holen können.

Alles ist Bewegung, auch geistige

Hier kann der Ausgangspunkt ebenfalls nicht aufdeckt werden. Es geht vielmehr um die sichtbar gewordene Auseinandersetzung und die Grundlagen solcher Klärungsprozesse. Vielleicht könnte man sich zunächst grundsätzlich darauf einigen, dass unser Bewusstsein ein Spiegel der Natur ist bzw. selbst nur Teil natürlicher Prozesse. Wir wissen, dass nichts still steht, dass Bewegung – oder nennen wir es Energiefluss – der Kern aller Erscheinungsformen ist, egal, ob man physikalisch, biologisch, chemisch, psychisch oder in Kombination dieser wissenschaftlichen Methoden an eine Untersuchung gehen wollte. Genau deshalb kommt auch unser Geist nie wirklich zur Ruhe.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie quälend ein ungeklärter Zustand in einer Beziehung sein kann. Der oder die Partnerin geben über ihr Handeln oder Versagen nicht ausreichend Auskunft. Wenn man auf die Bewertung einer Arbeit warten muss oder vom Vorgesetzten Fragen über die weitere Perspektive unbeantwortet bleiben. In all solchen Umständen laufen dieselben psychischen Mechanismen ab, wie im aktuellen Stochern, Gründe für die Virus-Ausbreitung zu finden und die strikte politische Regulierung deuten zu können. Manche geben sich mit den Argumenten der Regierungen zufrieden, andere wiederum nicht. Das statistische Material zum Virus-Phänomen ist interpretierbar. Andere Forscher kommen zu anderen Ergebnissen. Niemand hat den Stein der Weisen in der Hand. Genau deshalb ist die Infektion mit nebligen Prophezeiungen nicht eindämmbar.

Etwas anderes ist wirklich neu an dieser Corona-Krise: Der massenhafte Zugang zu Informationen, die Möglichkeiten, jede Geschichte ins Netz zu stellen und dass sich solche exponentiell verbreiten. Nicht allein die Neuartigkeit von Covid-19, sondern die multiple Ideen-Invasion und Massendiskussion lassen eine völlig neue Qualität erkennen. Von 1968 bis 1970 grassierte die sogenannte Hongkong-Grippe in der Welt. Bis heute ist unklar, ob der Stadtstaat Hongkong wirklich Ausgangspunkt war oder ob das Influenzavirus nicht doch erstmals in China ansteckend wirkte. Die Zahlen über die Todesopfer schwanken zwischen weltweit einer bis zwei Millionen Menschen. In der Bundesrepublik (ohne DDR) wurden für 1969 im Nachhinein rund 40.000 zusätzliche Verstorbene gegenüber der statistischen Sterblichkeit registriert. Vergleiche mit vergangenen Epidemien verbieten sich heute bzw. sie werden einfach zurückgewiesen. Damit wird allerdings Covid-19 zu einem besonderen Todes-Virus stilisiert. Die Infektionen mit Angst nehmen ihren sichtbaren Verlauf. Jedes Virus, das seine fatale Wirkung zeigte, war der Menschheit am Anfang unbekannt. Neu sind tatsächlich nur die Reaktionen.

Informations-Kontamination

Deshalb zurück zur Informations-Kontamination. Um 1970 herum konsumierten Menschen pro Tag manchmal eine Zeitung, vielleicht 15 Minuten lang die Tagesschau oder sie hörten ein paar Mal die sich oft wiederholenden Radionachrichten. Man kann annehmen, dass das gesamte bedeutsame nationale und Weltgeschehen innerhalb einer Stunde berichtet und verarbeitet war. Die Nachrichten lieferten die Erklärungen natürlich stets mit. Festgelegte Begriffe wie Naturkatastrophe, Seperatisten, Aktivisten, Freiheitskämpfer oder eben Emidemie genügten, um Schicksalhaftigkeit von Ereignissen erfasst zu haben. Das hat sich enorm verändert. Im Prinzip flimmern Berichte über die Schrecken auf der Erde oder des Lebens permanent auf Bildschirmen. Kaum ein Blick aufs Smartphone, ohne dass darauf nicht eine Meldung zu Corona erschiene. Dazu kommt noch, dass die allumfassenden Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 jeden Tag aufs Neue bestimmen, bis hin zu realen Auswirkungen auf die Arbeit und den Alltag.

Auch der letzte Kritiker müsste doch endlich begreifen, dass alle politischen und behördlichen Verordnungen nur zum Schutz von Leben und Gesundheit erlassen wurden. So lauten Zurückweisungen, wenn sich manche noch nicht mit einem aktuellen Stand der Erklärungen zufriedengeben wollen. Und diese Motivsuche ist zutiefst menschlich. Häufig folgen dann sogenannte Todschlagargumente, mit denen man Einwände unterdrücken will. „Du willst doch nicht für den Tod deiner Eltern verantwortlich sein?!“ So heißt ein Satz, dem niemand mehr widersprechen wollte. Doch wer mit dem Tod diskutiert, müsste sich die Bemerkung gefallen lassen, dass schließlich alle Eltern für den Tod ihrer Kinder verantwortlich sind. Wer nicht geboren wird, muss auch nicht sterben.

Gottes- oder Gewissheitsgen?

Wir können von Natur aus gar nicht anders, als dem Leben immer wieder mit Fragen zu begegnen. Man darf wohl annehmen, dass alle Religiosität und jeder Glaube an welche Götter auch immer, ihre Quelle im fortwährenden Erklärungsdrang und in den zur Verfügung stehenden Geschichten bzw. Erkenntnissen finden. Selbst der Atheismus ist nur eine mögliche Variante, um bestehenden Glaubensrichtungen, die den Beweis für ihre Gültigkeit schuldig bleiben, mit einer Beschreibung zu begegnen. Wissenschaftler haben bereits versucht, die Religiosität oder auch Spiritualität in unserem genetischen Code zu finden. Es sollte vielleicht so etwas wie ein Gottesgen geben. Verschwörerische Theorien sind aus demselben Stoff, um die eigene Lage, einer Vorherbestimmung zuzuordnen und eine Antwort darauf zu finden, warum man sich ohnmächtig gegenüber Veränderungen wähnt.

Wenn man schon einen Begriff wie Gottesgen für die ewige Suche nach Antworten und die unaufhörliche Deutungssucht braucht, könnte man dies eher im Ausdruck Gewissheitsgen zusammenfassen. Denn erst die Gewissheit über etwas lässt Menschen in einer Situation entweder zur Ruhe kommen oder sie gibt den Weg für konkretes Handeln vor. Selbst Träume können als Suche unseres Unterbewusstseins nach Antworten begriffen werden. Ob Bewusstsein oder Unterbewusstsein – beides sind Phänomene ein und desselben Gehirns. Wir unterscheiden doch beides nur, weil wir dem Nichtbewussten nicht mit bewussten Denkprozessen auf die Spur kommen. Alle Funktionsweisen im Hirn – so weiß es die moderne Hirnforschung – lassen sich als energetische Mechanismen fassen. Also wird es permanente Energiedifferenzen geben. Was wir als Antworten und Fragen bezeichnen, ist in unserem Denkapparat nicht anderes als elektrochemischer Austausch. Bildgebende Verfahren machen das sichtbar. Sie geben uns Hinweise darauf, in welcher Region unser Hirn versucht, die Reize aus der Umgebung oder aus uns selbst zu verarbeiten. Allerdings ist die Wissenschaft weit davon entfernt, Antworten zu finden, wie eine Frage bewusst beantwortet wird, wie der uns zur Verfügung stehende Wortschatz abgespeichert ist. Noch nicht einmal den eigenen Vornamen kann man an einer bestimmbaren Stelle als verbalisierte Vorstellung ausmachen. Obwohl uns die Selbstbezeichnung doch so vertraut vorkommt.

Die Wahrheitsanspruchsgefahr

In jedem Augenblick macht sich unser Hirn irgendwie auf den Weg von einer Ungewissheit zur Gewissheit. Ob der Fuß mit dem nächsten Schritt auf sicherem Boden aufsetzt, ist im Moment des Auftretens eine Gewissheit. Nur stellen wir dazu keine Fragen mehr. Dennoch ist jeder Ablauf körperlicher Bewegungen offenbar ähnlich wie eine vorausgehende Frage, die Gewissheit in der Beantwortung findet. Genau deshalb entwickeln sich fortlaufend neue Mythen, politische oder wirtschaftliche Verschwörungen, fantastische Erzählungen, Märchen und andere Ideenkonstrukte.

Wir tragen nun einmal diesen Begriffs- und Bedeutungsschatz mit uns herum. Jedes dieser Worte haben wir gelernt, vermittelt bekommen und wenden es ganz automatisch auf die uns begegnenden realen Situationen an, aber eben auch auf alle uns nicht wirklich fassbaren Erscheinungen. Dass also Menschen nach Motiven suchen, die ihre Ungewissheit überwinden, bleibt bestehen. Verändert haben sich nur die Quantität und die Potenziale, mit der sich aufgrund der Onlinewelt solche Erzählungen verbreiten. Und es docken deshalb so viele daran an, weil die Behauptungen in ihrem Verstand schlüssig erscheinen und sie ihnen eine Art Gewissheit schenken. Das Naheliegendste, nämlich die Ohnmacht vor der Schicksalhaftigkeit des Lebens, möchte man nicht annehmen. Die Verbreitung solcher Scheinerklärungen lassen sich wohl kaum noch zurückdrängen. In ihnen lebt die Gefahr zu Wahrheits- und Machtansprüchen und es kann sich daran gar Gewalt entzünden. Was hilft nun im Fall von Covid-19 gegen destruktive Erklärungsversuche? Wahrscheinlich eher, diesen mit Fragen oder Ungewissheit zu begegnen als sie schlichtweg abzuurteilen. Denn niemand kann jede Frage letztgültig beantworten. Wer das Gegenteil behauptet, dem sollte man nicht trauen.

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