Imke Wübbenhorst übernahm das Traineramt bei einem Männer-Viertligisten

Frauen sind in Führungsposition im Sport, insbesondere im Fußball, eine rare Spezies – auch in Sachsen-Anhalt. Dass es anders geht, zeigt Imke Wübbenhorst. Sie übernahm jetzt das Traineramt bei einem Männer-Viertligisten. | Von Rudi Bartlitz

Ein internationaler Frauentag weit und breit nicht in Sicht, nicht mal ein nationaler. Und dennoch, das Thema Frauen und Sport ließ sich in den zurückliegenden Monaten nicht einmal durch Corona (klingt zumindest auch ziemlich weiblich) völlig aus dem Sichtfeld verbannen. Als alles nur noch auf die Pandemie starrte und sich über Geisterspiele in die Haare geriet, tat sich tief im Westen, im Tecklenburger Land, Ungewöhnliches.

Beim Fußball-Regionalligisten Sportfreunde Lotte übernahm mit Imke Wübbenhorst (31), so meldete es die Nachrichtenagentur dpa am 17. April gewissermaßen im Schutz der Covid-19-Dunkelheit, eine Frau das Amt des Cheftrainers einer Männermannschaft. Oder muss es genderkorrekt heißen: Cheftrainerin? Es ist erst das zweite Mal in der bewegten über 100-jährigen Geschichte des teutonischen Kickerwesens, dass einem Nicht-Mann derartiges widerfährt. Oder eben zugetraut wird. Wohlgemerkt in Liga vier, nicht etwa in der zweiten oder gar ganz oben. Davor bewahre uns, so die Stoßgebete der Traditionalisten, der liebe Fußball-Gott. Dass eine Frau Chefin ausgerechnet bei einem Verein mit dem Namen Lotte werde, das sage doch schon einiges, hahaha.

Noch wissen sich die Gralshüter des Männertums auf der relativ sicheren Seite. Noch stürzt ihre Welt längst nicht ein. Noch droht kein Ungemach vom anderen Geschlecht. Denn in den 56 Klubs der drei Profiligen ist die Welt weiterhin in Ordnung: kein weiblicher Chefcoach, nirgends. Nicht einmal ein Co-Trainer, der außerhalb der Arena zuweilen High Heels oder Röcke trägt. Was für die Coachs zutrifft, gilt ebenso für die Funktionärsebene. In der gesamten Führung des Deutschen Fußball-Bundes findet sich der Name einer einzigen Frau. Ein ähnliches Bild vermitteln die Profiligen. Erst in den Corona-Wirren übernahm beim immer noch unter Insolvenz-Verwaltung stehenden Chemnitzer FC Romy Polster den Chefposten.

Beim 1. FC Magdeburg samt seinen Vorgängern hat es noch nie eine Vereinsvorsitzende gegeben. Ausrufezeichen. Selbst im Präsidium suchte man über Jahrzehnte bis Februar 2020 vergebens eine Frau, bis Simone Borris, Sportbeigeordnete der Landeshauptstadt, in das erlauchte Gremium berufen wurde. Zuständig für Nachwuchs und Mitgliederbewegung … Zumindest an Stallgeruch mangelt es der 57-Jährigen nicht: Sie jagte selbst zwei Jahrzehnte dem Leder hinterher.

Häme vom Nachbarn SC Magdeburg – obzwar kein Fußballverein, dafür stellt man aber u. a. ein Spitzenteam im deutschen Handball – verbietet sich jedoch. Denn bei den Grün-Roten herrscht in der Führungsetage seit über einem Jahrzehnt „Frauenfreiheit“. Wenn die Chroniken nicht trügen, muss man bis zum Anfang des neuen Jahrtausends zurückblättern, um auf eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts zu stoßen. Inge Wilhelm, einst Vorstand eines Magdeburger Handelsunternehmens, firmierte seinerzeit als Vizepräsidentin. So sehr sie sich nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt bemühte, eine Nachfolgerin für sich durchzusetzen – vergebens. Schwenkt der Blick in Sachsen-Anhalt einmal von Fußball und Handball weg – das Bild wird nicht besser. Etwa 40 Prozent aller Mitglieder im Landessportbund sind Frauen und Mädchen. Dennoch, so der LSB selbstkritisch, „in Führungspositionen des organisierten Sports sind Frauen trotz vielfacher Bemühungen und Initiativen immer noch unterrepräsentiert“. Dies zu verändern sei „eine zentrale Aufgabe“. Zumindest an der Spitze tat sich etwas: Seit Ende vergangenen Jahres führt Silke Renk, 1992 Olympiasiegerin im Speerwurf, die Organisation an. Allerdings nur im Ehrenamt …

Am Fußball scheint der spätestens nach der Wende begonnene gesellschaftliche Wandel – was die Rolle der Frauen in der Gesellschaft betrifft – vorbeigegangen zu sein. Es herrscht Nachholbedarf. Weniger auf dem Spielfeld, da sind die Frauen Vorzeigeobjekte, heimsten internationale Titel und einen Olympiasieg ein. Nein, die Führungs-Positionen sind das schwache Glied. Da dominieren weiter alte Rollenbilder und Denkmuster. Vor allem in den Köpfen der Entscheider und auch der Fans, wo sich immer noch zu viel „ja, aber“ findet, scheint sich das Rad nur sehr langsam weiter zu drehen. Bis auf Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus oder Bayern Münchens Teammanagerin Kathleen Krüger war da zuletzt nicht viel vorzuweisen.

Nun also Imke Wübbenhorst – und Inka Grings. Ex-Nationalspieler Grings schrieb im April 2019 Geschichte. Sie war in Deutschland die erste Frau überhaupt, die mit dem SV Straelen einen Viertligisten übernahm. Übernehmen durfte, werden jetzt die Gralshüter sicher korrigieren. Dass die Westdeutschen unter Grings postwendend abstiegen, war vielen eine sichtliche Genugtuung. Motto: Da seht ihr es! Frauen bringen es eben nicht! Doch Grings (sie war der erste Gast, dem es im April 2019 nach 20-jähriger Pause im ZDF-Sportstudio an der Torwand gelang, fünf Treffer zu erzielen) blieb in Straelen. Und steht, falls Corona ihr keinen Strich durch die Rechnung macht, nun wieder vor dem Aufstieg in die Regionalliga.

Wübbenhorst ihrerseits wählt zum Aufstieg in der Welt des Männerfußballs einen Weg, der echter Kärrnerarbeit gleichkommt. Die Ex-Junioren-Nationalspielerin hatte es sich unbedingt in den Kopf gesetzt, die Fußballlehrer-Lizenz zu erwerben, um später einmal höherklassige Männerteams trainieren zu können. Um die Kosten von über 10.000 Euro aufzubringen, gab sie ihren Lehrerberuf auf, verzichtete auf eine eigene Wohnung, lebt abwechselnd bei Eltern und Freunden. Eines ihrer Vorbilder könnte die Schweizer Ex-Eishockey-Nationaltorhüterin Florence Schelling sein, die in diesen Tagen den Aufstieg in eine absolute Führungsposition schaffte: Sie ist neue General Managerin beim SC Bern. Und der wiederum ist nicht irgendwer. Er gilt als so etwas wie der FC Bayern München der eidgenössischen Puckjäger.

Noch einmal zu Imke Wübbenhorst. Verbal zumindest kann sie in einer absoluten Männerdomäne durchaus mithalten. Ob sie denn eine Sirene auf dem Kopf trage, wurde sie einst beim Amtsantritt beim Männer-Oberligisten BV Cloppenburg gefragt, damit ihre Spieler schnell eine Hose anziehen könnten, bevor sie die Kabine betrete. Coole Antwort: „Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.” Eine feine Aussage, die prompt zum Fußballspruch des Jahres 2019 gekürt wurde.

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