In vielen Bereichen wie in der Kultur. Künstler und Publikum suchen einander und neue Wege. Wohin führt das?

Die Welt verändert sich. Ständig. Manchmal sehr langsam, doch jetzt gerade so gravierend, dass es weh tut. In vielen Bereichen wie in der Kultur. Künstler und Publikum suchen einander und neue Wege. Wohin führt das? Von Birgit Ahlert

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Dann macht doch digital!, ist vielerorts zu hören. Jede/r geht in den Live-Stream oder überträgt Aufzeichnungen. Jedenfalls gefühlt jede/r. Da habt ihr doch eure Kultur!, scheint es durch die unendlichen Weiten des world wide web zu schallen … Wer suchet, der findet. Oder eben nicht. Natürlich war es zunächst eine große Freude, Veranstaltungen im Internet live zu erleben wie Aufführungen vom Schlosspark-Theater Berlin, für das man sonst kaum mal eine Eintrittskarte ergattern konnte oder die Zeit fehlte. Oder der virtuelle Gang durch eine internationale Ausstellung. Wunderbar! Zunächst. Mit der Zeit nimmt das Gänsehaut-Feeling ab. Die Freude verflacht. Und Einzelnes geht zunehmend im Wust der Angebote unter.

Hinzu kommt: Wer auf dem Handy mal ein Video aufgenommen hat, glaubt Regisseur der Zukunft zu sein. Ihr Gläubigen! Es ist nicht umsonst ein Studienberuf, denn Kunst kommt von Können, um eine alte Weisheit zu bemühen. Langweilige Filme gibt es bereits genug. Und jetzt soll es plötzlich genügen, eine Kamera aufzustellen (bestenfalls) oder mit einem Handy ein Selfie-Video festzuhalten – sehet, es gibt uns noch und wir sind kreativ. Ja, zum einen mag das hilfreich sein, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und was er nicht sieht, verschwindet schnell im Vergessen des Hinterzimmers der Hirnsäle. Zum anderen kann es ein Live-Erlebnis nicht ersetzen. Auf beiden Seiten.

Kunst lebt vom Miteinander. Emotionen werden von beiden Seiten übertragen. Schauspieler wissen, wie sich die Stimmung vom Publikum auf das Spiel auf der Bühne auswirkt. Bands laufen zu Hochtouren auf, wenn die Fans bei Konzerten jubeln. Im Kabarett entwickeln sich die Programme durch die Rückkopplung der Zuschauerreaktion. Die Aufzählung ließe sich fortführen …
Doch seit einem Jahr dürfen wir – mit kurzer Ausnahme – nicht mehr zueinander. Lediglich ein Lichtschimmer erhellte die Sommermonate, mit Kultur-Picknick an der Festung Mark oder etwas Theater. Wenn auch mit viel Abstand, war doch die Freude groß. Endlich wieder beieinander! Welch ein Erlebnis! Es heißt nicht umsonst Kunsterlebnis.

Wie also soll es weitergehen? Je länger wir abstinent leben, desto stärker stellt sich die Frage: Was passiert, wenn wieder was passieren kann? Werden wirklich wieder ausreichend Besucher zu Veranstaltungen gehen oder bleiben sie fern aus mittlerweile verankerter Angst oder gar kultureller Entwöhnung? Wohin führt uns das? Droht die Kulturverödung?

Nein, an dieser Stelle wird nicht gejammert über fehlende finanzielle Unterstützung. Auch wenn diese sich dramatisch auf alle auswirkt, die in der Kultur- und Kreativbranche tätig sind. Fast zwei Millionen Menschen betrifft das, die seit rund einem Jahr im Prinzip keine Einnahmen mehr haben. Vielmehr geht es um die Frage der Alternative. Wie können wir uns Kultur erhalten? Streaming mit Bezahlschranke funktioniert nur begrenzt, wie die Praxis zeigt. Der Wille fürs Bezahlen schwindet mit dem Solidargedanken, einzelne Künstler zu unterstützen. Letztlich ist so eine Kulturübertragung via Internet nichts anderes als Fernsehen. Nett anzuschauen, aber auf Dauer unbefriedigend. Es ist ja auch nicht dasselbe, sich ein Bild von einem Wald anzusehen oder dort zu spazieren, die Natur zu fühlen, zu riechen – zu erleben. Die Ansicht via Computerbildschirm setzt nicht dieselben Glückshormone frei wie ein direkt erlebtes Konzert, ein Theaterstück, Kabarett oder Ausstellungsbesuch, woraus pure Emotionen entstehen. Ohne Kultur droht uns die emotionale Leere.