Infizierte Medien

Corona hat uns alle erfasst. Kaum ein Gespräch und keine Nachricht kommen an dem Thema vorbei. Für die mediale Berichterstattung erzeugt die Krise eine Ansteckungsgefahr – nämlich die mit Einseitigkeit und Übertreibung. Die Wahrheit erscheint oft jenseits der Bildschirme. Ein Infektionstest an der Krisen-Kommunikation. | Von Thomas Wischnewski

Informationen sind in Krisenzeiten eine begehrte Ware. Es steigt der Wissensdurst über Ursachen, Begleiterscheinungen und Folgen. Nun haben wir Deutschen über alle Generationen hinweg kaum Erfahrungen mit der Ausprägung einer Pandemie wie der zu Covid-19 und den damit auferlegten Auswirkungen auf das Leben. Jeder ist auf die eine oder andere Weise davon betroffen. Entsprechend groß ist der Wissensdurst über den weiteren Verlauf und Anzeigen zur Überwindung der Krise. Medien spielen in dieser Zeit eine wichtige Rolle, damit sich Mitteilungen über Regierungsentscheidungen, Hinweise zu angemessenem Verhalten und Maßnahmen für medizinische oder existenzielle Unterstützung verbreiten. Dies geschieht auf allen möglichen Kanälen. Allerdings treten unter thematischer Einseitigkeit und massenhafter Krisenberichterstattung auch Schattenseiten der medialen Welt zutage.

Täglich blicken Millionen von Menschen auf die veröffentlichten Zahlen über registrierte Infizierte, auf die Angaben zu Verstorbenen und lauschen den Erklärungen über die weitere Ausbreitung der Corona-Infektion. Selten wird in der Berichterstattung darauf hingewiesen, dass jene Zahlen eben nur die positiv Getesteten ausweisen. Es gibt jedoch keine Möglichkeit gibt, tatsächliche Infektionen im Land verlässlich auszuweisen. Da die Angaben täglich steigen, Genesungen nur mit einer Schätzung ermittelt werden können und in den Positivtestungen nicht enthalten sind, steigen die Zahlen weiter und vermitteln Angst und Unsicherheit. Sie geben auch keine Auskunft über das wirkliche Ausmaß der Infektion. Dazu müsste die gesamte Bevölkerung getestet werden oder zumindest eine repräsentative Stichprobe untersucht worden sein. Auch die Zählung Verstorbener kann eigentlich nur als vage Annahme gewertet werden. Schließlich wird jeder im Krankenhaus Gestorbene, der positiv auf Sars-Cov-2 getestet wurde – unabhängig davon, ob das Virus tatsächlich Todesursache oder ob die Infektion überhaupt ausgebrochen war – in die Sterbezählung aufgenommen. Überhaupt bauen alle Prognosen ausschließlich auf statistische Modellrechnungen und konstruierte Szenarien. Außerdem neigen Virologen – so bekennen es jedenfalls einige – dazu, den möglichst schlimmsten Fall anzunehmen. Hier soll keinesfalls das Coronavirus verharmlost werden, sondern ausschließlich die medialen Mechanismen, die unweigerlich mit der Ausbreitung der Berichterstattung verbunden sind, betrachtet werden.

Keine abweichenden Ansichten


Krisenzeit bringt Krisenberichterstattung hervor. So kann man quasi auf allen TV-Kanälen täglich Sondersendungen zu Corona verfolgen. Da die Anstalten in einer Art Selbstverpflichtung arbeiten, müssen die vorgegebenen Sendezeiten mit ständig neuen Beiträgen oder eben Wiederholungen gefüllt werden. Dadurch kann kaum ein wahrhaftiges Abbild erzeugt werden. Indem man ständig Reportagen aus Krankenhäusern und Intensivstationen erzeugt, mit Ärzten und medizinischem Personal spricht, dass hohen Belastungen ausgesetzt ist, fördern solche Berichte das Gefühl von Panik. 2012 berichtete Dr. Partic Tralls von nun täglich fünf Patienten, die mit einer Pneumonie (Lungenentzündung) in die Klinik in Solingen eingeliefert wurden. Zu anderen Zeiten wäre es nur ein oder kein Patient gewesen. Über solche Sprünge hat vor acht Jahren kein Fernsehteam berichtet. Selbst über die schlimme Influenza 2018 mit rund 28.000 Verstorbenen brach kein Nachrichtensturm in Deutschland los.

Natürlich sind die Bilder von abtransportierten Särgen in Italien Schreckensszenarien, die jeder gern verhindern will. Wiederholt man den Filmbeitrag jedoch Tag für Tag entsteht ein völlig falscher Eindruck über den Fortgang der Dinge. Was ebenso so selten erklärt wird, sind die völlig unterschiedlichen Kapazitäten der Gesundheitssysteme in den einzelnen Ländern. Italien verfügt nun einmal nur über ein Drittel der Intensivbetten wie Deutschland. Auch in Frankreich oder Spanien sind die Kapazitäten viel niedriger als in Deutschland.

Dennoch sollen die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung hier nicht infrage gestellt werden. Allerdings sorgt die vorherrschende Berichterstattung über ständige Anstiege mit einem Blick auf eine weltweite Ausbreitung zunehmend für Angst. In Interviews tauchen häufig dieselben Experten auf und geben ihre Sichtweise zu Corona zum Besten. Es ist anzunehmen, dass im täglichen Schleifenmodus solcher Befragungen wie die von Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité oder die des Chefs vom Robert-Koch-Institut, Prof. Lothar H. Wieler, diese kaum von ihren bisherigen Stellungnahmen Abstand nehmen würden, eben weil sie diese fortlaufend wiedergeben mussten.

„Systemjournalismus“

Es gibt aber teils gegenteilige oder abweichende wissenschaftliche Ansichten. Vor allem, weil das Wissen über Covid-19 noch relativ rar ist. Das wird es übrigens auch in Zukunft bei jedem neu entdeckten Virus oder einer entsprechenden Mutation sein. Allerdings kommen eben andere Wissenschaftler kaum oder gar nicht in den großen TV-Sendungen zu Wort. Das erklärt, warum im Internet eine Gegenöffentlichkeit mit anderen Vorstellungen herangewachsen ist. Das Fazit vieler Spezialisten für Virologie kann man damit zusammenfassen, dass eine breitere Expertise vielleicht zu anderen Schlüssen gekommen wäre, als sie die Regierung über die Modelle einiger Experten am Ende gefällt hat. Der Medienwissenschaftler Ortfried Jarren, emeritierter Professor am Institut für Kommunikation und Medienforschung der Universität Zürich, kritisiert allen voran die öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunkanstalten. „Seit Wochen treten immer die gleichen Experten und Politiker auf, die als Krisenmanager präsentiert werden … Dadurch inszeniere das Fernsehen zugleich Bedrohung und exekutive Macht“, schreibt Jarren. In der Berichterstattung fehlten „alle Unterscheidungen, die zu treffen und nach denen zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf?“ Gesendet würden großteils einzelne Stellungnahmen, eine echte Debatte zwischen Experten entstehe nicht. Jarren sprach sogar von „Systemjournalismus“ – ein Begriff, wie ihn sonst gern die AfD verwenden würde.

Kritisch geht auch die Medienjournalistin Vera Linß mit ihren Kollegen ins Gericht. Ihrer Meinung nach fühlten sich viele Journalisten dazu verpflichtet, die Krisenstrategie der Bundesregierung weitgehend kritiklos zu transportieren. Das sei eine Art „Service-Journalismus“, so Linß. Die anhaltende Krise lässt sehr kuriose Beiträge entstehen, an denen man den Druck, täglich Sendeplätze füllen zu müssen, ablesen kann. So wollte das ZDF in einer Sondersendung zu Corona gleich einen drohenden „Pflegenotstand“ beweisen. Interviewt wurde eine alte Dame in Nordrhein-Westfalen, deren polnische 24-Stunden-Pflegekraft abgereist sei. Allerdings hatte sie schnell Ersatz gefunden. Der Filmbericht aus dem weiträumigen, mondän eingerichteten Wohnzimmer vermittelte eher ein aufgesetztes Luxusproblem. Um die These vom Notstand jedoch zu untersetzen, zeigte das Reporterteam eine weitere Frau, die wegen der Pflege ihrer Mutter extra Urlaub hätte nehmen müssen. Laut ihrer Aussage waren die beiden zuvor vermittelten polnischen Pflegerinnen so schlecht, dass man sie wieder wegschicken musste. Wenn das Belege für Notzustände in Deutschland sein sollen, wäre dem Land wegen Dekadenz kaum noch zu helfen. Der Einsatz dramatischer Musik bei Dokumentationen und besondere Betroffenheit vermittelnde Stimmen verstärken die Emotionen, die solche Formate erzeugen sollen.

Gerade weil die Situation einzigartig ist und für viele mit einer gesundheitlichen und/oder existenziellen Folge verbunden sein kann, sollten sich Journalisten bei der Dramatisierung zurücknehmen. Eine tatsächliche Bedrohung und eine inszenierte sind zwei verschiedene Dinge. Vor allem die zusätzliche emotionale Wirkung durch die vielfache Informationsverstärkung in den sogenannten Sozialen Medien erzeugt eine destruktive Infektion der Stimmungen und führt zu erhöhten Stresspotentialen.

Wenn sich medial alles um eine Sache dreht, steckt darin das Potenzial einer explosiven Kraft. Dass ganz nebenbei, während sich Millionen von Deutschen über eine Ausbreitung der Epidemie sorgen, noch die Rundfunkgebühren angehoben werden sollen, kann wohl nur mit Unsensibilität oder gar Arroganz erklärt werden. Während aus den TV-Bildschirmen fortwährend Solidaritätsappelle und Dankesgrüße an zuhausebleibende bzw. solche mit verstärkter Arbeit konfrontierten Menschen flimmern, fragt sich der brave Bürger, wo die Solidarität der Berichterstatter ist. Die Anzahl von Krisen-Sondersendungen überwinden keine Krise. Sie vermitteln eher ein Zerrbild aber wenig Wahrhaftigkeit. Gerade die Corona-Phase zeigt, wie weit eine monothematische Informationsflut von der Realität entfernt ist. Mehr Sendezeit über unzulängliche Daten und Fakten können kein Wissen vermitteln, sondern nur Halbwissen aufblähen. Genau das scheint unter der expansiven Berichterstattung zu geschehen. Nach der Corona-Pandemie könnten dann wieder Fragen durch die TV-Talksendungen geistern, warum in einer doch so aufgeklärten Gesellschaft so viele Menschen mit intellektuellen Defiziten herumlaufen würden.

Als 2015 fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland strömten, fragte man in jeder politischen Sendung nach den Wurzeln für Fremdenfeindlichkeit. Man hatte jedoch keine Erinnerung daran, dass deutsche Medien weitestgehend einheitlich und permanent nach dem Anschlag auf die Twin-Towers in New York im September 2001 über islamistische Terroristen in muslimischen Ländern berichtet hatten. Mit dem selbst vermittelten Bild will man offenbar nicht in Verbindung gebracht werden. Die häufig proklamierte Medienvielfalt ist eben doch nicht so, wie man es in der Branche gern sehen möchte. Selbstvergewisserung und Selbstverstärkungseffekte finden in Medienhäusern genauso statt, wie es Journalisten gern politischen oder gesellschaftlichen Strömungen unterstellen. Corona liefert dafür einschlägige Infektionsbeweise.

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