Sonntag, Juli 3, 2022
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Inkarnation des Mittelstürmers

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Ich habe nichts Blau-Weißes im Haus“, sind seine ersten Worte, als wir Joachim Streich in seinem Haus in Möckern besuchen. Er hält nichts von Glorifizierungen, Starallüren sind ihm fremd. Die Erinnerungen an seine aktive Zeit, Wimpel, Fotos, die kleinen Präsente von Europapokalspielen hat er seinem Neffen überlassen. Gravierte Teller, die es für bestimmte Spiele der Nationalmannschaft gab. Der FCM-Fan hält sie in Ehren. Wenige, spezielle Dinge hat der ehemalige Starspieler aufgehoben. Darunter die Erinnerung ans erste Länderspiel: Meißner Porzellan und eine Plakette. Und eine Vase, die er zum 100. Spiel bekam. Die ist nicht blau-weiß, sondern Kristall aus Weißwasser.

Auf der Suche nach einem Fotomotiv zeigt Joachims Frau Marita in Richtung Garten. Dort steht ein Strandkorb mit blau-weißem Polsterbezug! Das ist ihrer, meint der Fußballer mit Blick zu seiner Gattin. Nichtsdestotrotz nimmt er Platz und folgt den Anweisungen der Fotografin. Als diese sagt: „Tun Sie mal so, als würden Sie nichts tun“, fängt Marita an zu lachen und sagt: „Das kann er am besten“. Auch Achim muss lachen, wurde er als Spieler zwar für seine Tore gelobt, aber zusätzlich hieß es gern mal, er habe sich kaum bewegt auf dem Feld. In einem Bericht schrieb der Reporter sogar, die Mannschaft hätte „zehn Arbeiter und einen Streich“. Das war nach einem Spiel gegen England 1974. Ein langer Pass kam von links, Joachim nahm ihn und schlenzte ihn ins lange Eck zum 1:1-Endstand. So war das damals, resümiert er: „Wichtig war, an der richtigen Stelle zu stehen und dann den Ball ins Tor zu schießen.“ Und genau das konnte Joachim Streich am besten.

Beim berühmt gewordenen WM-Spiel 1974 gegen die Bundesrepublik allerdings saß Streich auf der Bank. Aus taktischen Gründen, hieß es. Vielleicht hätte er sonst das berühmte Tor geschossen? Der Fußballer winkt ab: Mit hätte-wäre-wenn habe er es noch nie gehalten. In diesem speziellen Fall sei es wahrscheinlich sogar besser. „Sonst wäre meine ganze Karriere bis heute wohl auf dieses eine Tor reduziert worden.“ Das wird sie keinesfalls. Die Karriere eines Joachim Streich zu beschreiben, würde den Platz dieses Beitrages sprengen.

Kurzgefasst: Mehr als 100 Länderspiele mit 55 Toren, erfolgreichs-ter Torjäger der DDR-Geschichte, in der DDR-Oberliga mit 229 Toren in 378 Spielen Rekordtorschütze. 1979 und 1983 wurde er zum „Fußballer des Jahres“ gekürt. „Dieser Streich ist ein Phänomen, der eigentliche Fußballer Europas“ ist ein Zitat, das es ins Online-Lexikon Wikipedia geschafft hat. Eric Beatty, Kolumnist der britischen Fachzeitschrift World Soccer, lobte: „Seit mehr als einem Dutzend Jahre behauptet er sich gegen härteste Konkurrenz, schießt trotz Sonderbewachung seine Tore …“ Als die „Inkarnation des echten Mittelstürmers“ bezeichnet ihn Stürmerkollege Jürgen Nöldner vom FC Vorwärts Berlin/Frankfurt: „Schlitzohrig und raffiniert im Abschluss mit dem Gespür selbst für die Minichance.“ (DFB-Journal 4/96)

Mit dem Fußball begann er als Sechsjähriger in Wismar, mit 16 Jahren bot er sich dem FC Hansa Rostock an. Er spielte zunächst in der Juniorenoberliga, wurde 1968 DDR-Juniorenmeister und Kader der Nationalmannschaft. Ein Jahr später wurde er bereits im Männerbereich eingesetzt, mit 18 spielte er erstmals in der A-Nationalmannschaft, zwei Jahre später gehörte er zur Olympiaauswahl und trat 1974 bei der Fußball-WM an. Insgesamt hat er 102 Länderspiele bestritten, das 100. gegen England im Wembley-Stadion 1984. Heute würde er wohl den Titel Weltfußballer tragen. Welche Karriere wäre unter jetzigen Bedingungen möglich! Joachim Streich winkt ab bei diesen Worten. „Mich interessiert nicht, was hätte sein können. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Das zählt.“ Er möchte sie nicht missen. Dennoch ist er nicht der Typ, der in der Vergangenheit lebt. Auch deshalb will er nichts Erinnerndes an der Wand, sagt er und lacht. Dann wird er ernst. „Wer weiß, ob ich dahin gekommen wäre unter anderen Voraussetzungen und was dann passiert wäre.“ Er brauche keine Millionen. „Wir haben unser Auskommen, hatten immer Arbeit und mussten nie hungern.“ Millionen habe man nicht verdient als DDR-Fußballer, aber im Vergleich zum normalen Arbeiter sehr gut. Sie hatten früh ein Telefon, konnten sich ein Auto kaufen und reisen. Auch wenn es keine Urlaubsreisen waren. „Uns ging es gut.“
Er wirkt so wunderbar normal. Bodenständig. Gelernt hat er Schaltanlagenmonteur, dann studiert und den Abschluss als Diplom-Sportlehrer gemacht. Nach der Fußballkarriere wurde er Verkäufer bei Nike in einem Magdeburger Einkaufstempel. Er nimmt das Leben, wie es kommt, sagt er.

Nach Magdeburg war er nicht ganz freiwillig gekommen. Als Hansa Rostock 1975 abstieg, wollte der ehrgeizige Spieler in der Oberliga bleiben und nach Jena wechseln. Der Fußballverband jedoch ließ das nicht zu und bot als einzige Alternative den Magdeburger Verein. Es wurde eine Glückskonstellation. Gleich im ersten Jahr wurde Joachim Streich neben Jürgen Sparwasser bester Torschütze. Bis heute ist er mit dem Club fest verwachsen.
Welche Rolle spielt Fußball noch in seinem Leben? Es dreht sich nicht mehr alles um Fußball, antwortet er und erntet das Lächeln seiner Frau. Er habe auch andere Interessen, Bekannte und Freunde für gemeinsame Aktivitäten. Klar, meint er dann, wenn Championsleague ist, Auswärtsspiele übertragen werden, schaue er schon. Und ins Stadion geht er. „Ach ja“, ein Schmunzeln überzieht sein Gesicht – ein Großteil dreht sich doch um Fußball. Wenn man so lange Fußball gespielt und damit gearbeitet hat, rund acht Jahre als Trainer, bleibt man auch dabei und verfolgt vor allem die Mannschaften, bei denen man war, sinniert Achim Streich. Bei ihm sind das Rostock, Magdeburg, Braunschweig, Zwi-ckau. Bei jedem Heimspiel des 1. FCM ist er dabei, wenn es sich einrichten lässt, auch bei Auswärtsspielen. „Ich bin keiner, der mit blau-weißem Schal rumläuft“, wirft er sofort ein. Das werde er nie tun, auch nicht im Stadion. „Zum Leidwesen unserer Tochter, die uns einen Schal geschenkt hat“, sagt er dann und meint verschmitzt: „Den nimmt dann meine Frau mit.“ Tochter und Schwiegersohn sitzen im Stadion gegenüber der Tribüne – da ist alles blau-weiß. „Daran sieht man, wie sich das entwickelt hat. Zu unserer aktiven Zeit gab es das nicht.“ Das Fangefühl ist durch „die Decke geschossen. Wahnsinn“. Überall ist Fußball Thema. Und die Frage: Wann sind wir in der ersten Liga? Fans dürfen träumen, sagt Streich, ist aber selbst wesentlich vorsichtiger: „Es wird hart in der neuen Liga. Wir werden sehen, wie es läuft.“ Joachim Streich redet langsam, gewählt, sucht nach Worten. Spricht wenig von sich. Bei jeder Frage ist er schnell wieder bei der Mannschaft. Er spricht dann generell vom „wir“. Der Aufstieg in Liga 2 ist der größte Erfolg seit der Wende. Das wird gefeiert wie ein Sieg. „Ist es ja auch“, sinniert er. „Wir haben uns von ganz unten hoch gearbeitet.“ Er lobt die gute Arbeit von Jens Härtel, Mike Franz und Mario Kallnick. „Sie haben letztendlich dafür gesorgt, dass es nach oben geht.“ In Zwickau war Streich Härtels Trainer. „Als Spieler hat er immer versucht, 100-prozentige Lösungen zu finden. So ist er als Trainer auch.“

Mit dem Erfolg der Jungen steigt die Achtung vor den Älteren, freut sich Streich. „Wir merken, dass sich die Leute jetzt erinnern und gerade uns mit anderen Augen sehen und schätzen, was wir damals geleistet haben.“ Der 1. FCM war schließlich einer der erfolgreichsten Clubs des DDR-Fußballs. „Wenn wir mal nicht gewonnen haben, wurden die Fans schon unruhig“, erinnert sich der damalige Stürmer. Dass es gar nicht so einfach ist, oben an der Tabellenspitze zu stehen, haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt.

Was war die schwerste Zeit seiner Karriere? „Da gab es zwei“, ist die spontane Antwort: Zunächst der Einstieg 1969 bei Hansa in die Oberliga und eine Mannschaft, die gespickt war mit guten Fußballern. „Da musste ich einen rausboxen, um spielen zu können. Das war schwer. Gerade, wenn man 18 ist und von den Älteren geführt werden muss.“ Als Zweites der Wechsel nach Magdeburg, in „eine Mannschaft, die mehrfach Meister und Europapokalsieger war, gespickt mit Nationalspielern wie Zapf, Seguin, Pomerenke, Tyll, Sparwasser, Hoffmann …“ Die kannte er zwar aus der Nationalmannschaft, musste sich aber im neuen Umfeld durchsetzen. In einer neuen Mannschaft, mit neuem Trainer. „War ja nicht so, dass Heinz Krügel mir um den Hals gefallen wäre. Den musste ich erst einmal überzeugen. Zeigen, dass ich eine Verstärkung bin.“ Er habe großes Glück gehabt, betont er dann. „Letztendlich war es auch die schönste Zeit. Wir waren eine Bombentruppe.“ Die Magdeburger waren berühmt für ihren Zusammenhalt. „Davon haben andere Mannschaften geträumt.“ Diesen Zusammenhalt gibt es heute noch, weiß Streich und sieht darin die Erfolgsgrundlage. Das Interesse am Fußball in der Region hat wieder stark zugenommen. „Wir sind dem näher gekommen, wo wir mal waren.“

Nicht nur der Block U macht Stimmung, „inzwischen haben die das ganze Stadion zum Kochen gebracht“. Bis zur letzten Minute wird die Mannschaft unterstützt. „Davon wirst du vorwärts getrieben“, weiß er aus Erfahrung. „Das hat für viele Siege gesorgt, gerade in der Endphase.“ Er lobt die Mannschaft für Kompaktheit, Ausdauer, Zusammenhalt. „Der Einzelne ist stark durch die Mannschaft.“

Fußball sieht er heute „auf eine andere Art“. Er schreibt Kolumnen für den „Kicker“, war während der Weltmeisterschaft beliebter Fachmann in verschiedenen Medien, schrieb für den Nordkurier, wurde zu Veranstaltungen eingeladen, kommentierte für MDR Sachsen. „Mit Abstand“, betont er. Er sei nicht mehr so fixiert wie früher und sieht einiges mit anderen Augen. Public Viewing mag er nicht, verfolgt Fußballübertragungen lieber im kleinen Kreis. Dann möchte er seine Ruhe. „Ich gucke ja nicht als Fan. Für mich zählt mehr als das Ergebnis. Da geht es um Feinheiten, was ist gut gelaufen, was könnte besser sein“, erklärt er. Dazu wolle er seine Ruhe.

Schnell wird die Plauderei zum Fachgespräch, geht es um Analysen, Spielweisen, Leidenschaften. Um Weltmeisterschaft, Nationalmannschaft. Kurz schaut seine Frau ins Zimmer, lauscht, lächelt, meint: „ach, sein Lieblingsthema“ und geht wieder. Ja, es geht um die Weltmeisterschaft und das bittere Ende. „Das war absehbar“, sagt Joachim Streich. Wir haben ein bisschen den Anschluss verloren, wie man heute erfolgreich Fußball spielen kann. Andere Länder machen das vor. Jetzt gilt es, Lehren zu ziehen und es bei der EM besser zu machen. Spieler seien mehr Ich-AGs, mit eigenen Terminen. Bei der WM umringt von 60 Betreuern bis hin zu Psychologen. Ob das die Spieler nicht erdrückt? „Wenn man nicht mal einen Schritt alleine gehen und seine Ruhe haben kann. Einerseits sollen es mündige Spieler sein mit Selbstvertrauen, andererseits haben sie ständig jemanden an der Seite.“ Letztlich sei der Misserfolg eine Trainerfrage. Das kennt er spätestens seit seiner Zeit in Braunschweig. Streich war der erste ostdeutsche Trainer in einem westdeutschen Profiklub. Bei der Mannschaftsaufstellung wurde reingeredet, wen er einsetzen soll, damit er besser für den Verkauf präsentiert ist. Obwohl er anderer Meinung war. Wenn es nicht funktioniert hat, bekam der Trainer die „Prügel“. Er hätte sich mehr durchsetzen müssen, sagt Joachim Streich heute. Doch er sei noch zu jung gewesen. Trotz vorheriger Trainertätigkeit in Magdeburg war anschließend Braunschweig Neuland, sagt er. Und so endete die Zeit nach nicht einmal einem Jahr. So ist das bei Achim Streich: Er sucht die Gründe nicht bei anderen, sondern bei sich.
Noch immer engagiert sich Achim Streich für den Magdeburger Verein, tritt in der Seniorenmannschaft an, bestreitet mit ihr Spiele in der Region. Er hat ein zweites Hobby gefunden, auch mit Ball: Golf. Er ist Mitglied bei „Gofuß“, den Golf spielenden Fußballern. Regelmäßig finden Turniere statt, deren Einnahmen wohltätigen Zwecken zugutekommen, vor allem für junge Leute: Bolzplätze, Vermittlung von Lehrstellen. Spieler aus ganz Deutschland nehmen teil. „Unter Fußballern gibt’s nicht Ost und West“, ist seine Erfahrung. Fußball verbindet.

Wir plaudern lange. Joachim Streich erzählt Episoden von früher und heute, von Doping-Kontrollen („Wir haben uns darum gestritten, weil wir Bier trinken mussten“), von Treffen der „Ehemaligen“. Auch Geschichten, die lieber nicht veröffentlicht werden sollen. Doch eine geht noch: Joachim Streich hat bis vor Kurzem die Testschuhe von Cristiano Ronaldo getragen, mit Test-Nummer drauf. Doch die haben jetzt den Geist aufgegeben bzw. den Halt. Abgelaufen hat Achim sie. Es waren die letzten aus seinem Bestand. Erzählt es, fängt an zu lachen und sagt: „Jetzt musste ich mir das erste Mal in meinem Leben selbst Fußballschuhe kaufen.“

Text: Birgit Ahlert / Foto: Viktoria Kühne

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