Irgendwas mit Medien. Aber was?

Aufstehen oder weiterschlafen? Diese Frage stellen sich manche Menschen nicht erst, wenn sie mit ihrem Job unzufrieden sind. Es geht schon in der Schule los. Sich irgendwo hinbegeben, wo man gar nicht sein möchte und wo der gelegentliche Blick aus dem Fenster den Höhepunkt des Tages darstellt. Deshalb haben wohl so viele meiner Mitschüler in der zehnten Klasse mit Blick auf die Berufswahl gesagt, sie würden irgendwas mit Medien machen wollen. Ein eher unkonkreter Wunsch, aber mit vielen Möglichkeiten. Die Vorzüge der Medienwelt waren verführerisch. Kreativ, das hat was mit Internet und Promis zu tun und Joko und Klaas haben es auch geschafft, also warum nicht? In der zehnten Klasse wägen viele Schüler ab, ob sie eine Ausbildung antreten oder doch noch das Abi auf sich nehmen wollen. Die Vorstellung, in den Medien zu arbeiten – irgendwie – schien bei meinen Mitschülern weit verbreitet. Die Zahl derjenigen, die heute wirklich im Bereich der Medien tätig sind, ist überschaubar. Viele haben eher klassische Berufe ergriffen, haben sich zum Banker gemausert, sind Steuer- oder Bürofachangestellte geworden.

Solche „irdischen“ Probleme scheinen Influencer nicht zu haben. Mit ihren vermeintlich perfekten Leben, hinter optimierenden Filtern, mit der unendlichen Freiheit, ständig zu reisen. Deren Arbeit die Herstellung von Inhalten, meist visueller Form, ist. Schön anzusehen und schnell zu verdauen. Sie tun das, was die meisten von uns auch tun. Alltägliche Dinge. Nur dass sie sich und ihr Essen, ihre Umgebung – ob sie will oder nicht – einfangen und bis zur Perfektion inszeniert zur Verfügung stellen. Und zwar uns allen. Ganz umsonst können wir dem Leben der Influencer und Instagram-Models im Minutentakt zusehen. Aber warum sollten wir? Und warum konsumieren wir überhaupt so viele mediale Inhalte?

Wer ein Smartphone hat, hat keinen weiten Weg zu den Sozialen Medien. Twitter, Instagram, Facebook, TikTok, Snapchat und Konsorten sind nur eine Installation entfernt. Und schon bekommt man im Sekundentakt neue Bilder, Memes, Kommentare oder Videos um die Ohren gehauen. Umso schwieriger ist es geworden, diese Flut von Eindrücken und Informationen zu verarbeiten und einzuordnen.

Für die „neuen“ Medienschaffenden dreht sich alles um die Reichweite. Dagi Bee beispielsweise, die eine Ausbildung zur Industrie-Kauffrau begann, diese aber für die Influencer-Karriere abbrach, hat bei YouTube über vier Millionen Abonnenten. Doch was verbirgt sich hinter der begehrten Reichweite? Viel heiße Luft! Denn wem nützt sie am meisten? Nicht den Konsumierenden – hauptsächlich Kinder und Jugendliche im Fall der 24-jährigen Düsseldorferin – sondern lediglich den Werbefirmen und Dabi Bee selbst. Der Werbemarkt im digitalen Bereich birgt gigantische Möglichkeiten.

Auf der Seite der klassischen Medien hingegen schlägt man sich täglich mit Vorwürfen von Fake-News oder unausgewogener Berichterstattung herum. Ebenso mit der leidigen Frage über die Refinanzierung. Und jetzt auch noch diese Influencer. Aber schnappen sie den klassischen Medien tatsächlich die Konsumenten weg? Jemanden bei YouTube zu abonnieren kostet nichts, aber was man dafür bekommt, hat meist auch wenig Substanz. Doch Influencer haben sich etabliert, einige verdienen dadurch viel Geld. Und warum? Weil am anderen Ende der Leitung Menschen sitzen, die dem Aufruf zum Kauf folgen, jedes Video schauen und sie dadurch erfolgreich machen.

Es macht wenig Sinn, das eine oder andere endgültig zu verteufeln. Innerhalb kurzer Zeit gibt es so viele Neuerungen – da ist es wichtig zu wissen, was sich alles verändert.

Medien sind inzwischen mehr als Zeitung und Radio. Es sind eben auch alle digitalen Plattformen, die temporär erfolgreich sind und die Massen anziehen. Wir haben keine Regelung für die Berufsbezeichnung des Journalisten. Im Prinzip kann sich jeder YouTuber Journalist nennen, wenn er will. Aber diese Tatsache zeigt uns doch umso mehr, wie behutsam unser Umgang mit Medien und deren Konsum sein sollte. Aufmerksam zu sein und zu hinterfragen, was immer auf einen einprasselt, ist scheinbar das einzige, was wir angesichts dieser Flut von Content tun können. Denn wie viel bleibt davon sonst hängen? Dann schwappt die Welle über uns und reißt im Zweifel eher noch etwas mit sich und spuckt es als verdrehte Information bei der nächsten Gelegenheit wieder heraus, anstatt etwas Substanzielles zu hinterlassen. Swantje Langwisch

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