Kampf der Verschwörungen

Von Viktor Otte | Wir kämpfen ständig gegen irgendetwas. Mal kämpfen wir gegen den Klimawandel, dann gegen Extremismus oder gegen jedes Ungemach, dass uns bewusst wird und nun gegen das Corona-Virus. Leider können wir den Kampf nicht in der gebotenen Hingabe und Entschlossenheit führen, weil nicht nur der Feind an der Hauptkampflinie stark und oft auch heimtückisch ist, sondern auch Nebenscharmützel uns das Leben schwer machen. In den Kampf an der jeweiligen Front mischen sich Informationsbataillone ein, die uns mit sogenannten Fake News und Verschwörungstheorien überschütten, mit dem Ziel, unseren Kampfeswillen zu zersetzen und uns die Kampfkraft zu rauben. Dagegen gilt es sich zu wehren. Verschwörungstheorien sind die bösartigsten Waffen des Feindes an den unsäglichen Nebenfronten.

Was ist das überhaupt, eine Verschwörungstheorie? Sehen wir bei Wikipedia nach. Die Erklärung ist sehr lang und ich zitiere hier nur ganz kurz: „Als Verschwörungstheorie wird im weitesten Sinne der Versuch bezeichnet, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer meist kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck.“ Und weiter: „… Verschwörungstheorien dienen dem überlasteten Menschen in überfordernden Situationen zur Komplexitätsreduktion und zur Aufrechterhaltung des Glaubens an die Durchschaubarkeit der Realität…“. Wer sich mit der Theorie von Verschwörungstheorien beschäftigen möchte, der sollte bei dieser Wikipedia-Seite anfangen.

Wir wollen uns nur die genannten zwei Aspekte der im Originaltext ausführlichen Definition etwas genauer ansehen: Einmal das vermutete zielgerichtete konspirative Wirken einer Gruppe von Akteuren und zum anderen die Sache mit der Komplexitätsreduktion. Im ersten Fall wird angenommen, dass im Hintergrund irgendeine illegale Gruppe daran interessiert ist, uns einen falschen Eindruck, ein fehlerhaftes Bild von Vorgängen zu vermitteln, die uns tangieren und zwar in der Weise, dass von der Gruppe aufgedeckte Verschwörer für die Vorgänge verantwortlich gemacht werden. Der klassische Fall im 3. Reich: „Der Jude ist schuld am Unglück in dieser Welt“. Hier hat also der nationalsozialistische Staat eine Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt, mit den uns allen bekannten Folgen. Verschwörungstheorien können also extrem gefährlich sei, vor allem, wenn sie mit dem Ziel der Destruktivität verbunden sind und mit dem Ziel, Macht zu behalten oder zu erlangen. Es hat sich deshalb im Lauf der Jahre auch eine spezielle Variante der Anwendung von Verschwörungstheorien herausgebildet, diejenige nämlich, einem Gegner zu unterstellen, er würde eine derartige Theorie verbreiten. Das hat mehrere Vorteile: Erstens wird der Gegner desavouiert, zweitens muss man sich mit seinen dargelegten Argumenten nicht mehr auseinandersetzen, weil sie ohnehin böswillig und falsch sind. Verschwörungstheorien werden also zu Kampfmitteln, insbesondere auch von Intellektuellen. Auch der Vorwurf in einem privaten Gespräch: „Du verbreitest ja eine Verschwörungstheorie“ ist also eine Keule, die dem Gesprächspartner die Argumente ohne Rehabilitationschance zerstört.

Im Augenblick sind zwei dieser Theorien hoch aktuell: Eine Gruppe behauptet, eine amerikanische Militärdelegation, die zu sportlichen Wettkämpfen in Wuhan weilte, hat das Corona-Virus aus den USA nach China mitgebracht, die andere, das Virus wurde in einem Hochsicherheitslabor in Wuhan hergestellt und ist zufällig (oder sogar mit Absicht) freigesetzt worden. Der letzteren haben sich inzwischen mächtige Vertreter angeschlossen. USA-Präsident Trump z. B. vertritt die Variante des Chinesischen Virus aber auch der Chefredakteur der Bildzeitung, Herr Julian Reichelt, ist bei Vorwürfen an China nicht kleinlich. Ja, und dann haben wir als Ausgangspunkt der Pandemie noch den Wochenmarkt in Wuhan, der Fledermäuse für die beliebte Fledermaussuppe verkauft. Was macht man nun? Eine Verschwörungstheorie kann leider nur widerlegen, wer die Wahrheit kennt, sonst prallt eben nur Meinung auf Meinung. Und wer kennt die Wahrheit? Nun, da wird es schon jemanden geben. Möglicherweise sind aber alle diese Theorien falsch.

Anders sieht es aus, wenn ein wenig Recherche weiterhilft. So ist es eben eine Tatsache und keine Verschwörungstheorie, dass Bill Gates über seine Bill- und Melinda-Gates-Stiftung ein englisches Forschungs-Institut teilfinanziert, welches ein europäisches Patent auf ein Corona-Virus im November 2019 zugesprochen bekommen hat. Jeder kann es sich beim europäischen Patentamt unter den Aktenzeichen DE: 60 2015 042 077.2 und EP: 15 75 0093.5 ansehen. Zur Verschwörungstheorie wird die Sache erst dann, wenn Bill Gates unterstellt wird, dass es sich um eben jenes Corona-Virus handelt, das gerade die halbe Welt lahm legt. Und dass er damit einen Vorsprung in der Impfmittelentwicklung erreichen wollte und er deshalb auch Anteile an der in Tübingen ansässigen Firma CureVac besitzt, die einen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt. Angeblich wollte auch der USA-Präsident das ganze Institut nebst Wissenschaftlern und Ergebnissen kaufen. Da war dann sogar die Bundesregierung empört. Die Sache hat sich später als Fake herausgestellt. Ja, so schnell kann es gehen.
Anders sieht es mit dem Wissen der Bundesregierung aus. Zumindest übertrieben ist die von der Kanzlerin in einem Podcast vom 28. März vorgenommene Behauptung, wir durchlebten „eine Zeit der Prüfung …, wie sie sich niemand hätte vorstellen können.“ Es ist leider so, dass die Regierung eigentlich sehr schnell und zielgerichtet auf das Virus hätte reagieren können, denn das Robert Koch-Institut hat in ihrem Auftrag bereits 2012 eine Simulation zu eben den Folgen einer solchen Virus-Infektion in Deutschland durchgeführt. Man kann sich die Simulationsergebnisse in der frei zugänglichen Bundes-Drucksache 17/12052 vom 3. Januar 2013 ansehen. Dort steht z. B., dass und welche Versorgungsengpässe zu erwarten sind. Aber gut, das Toilettenpapier wird nicht explizit erwähnt.
Wir sehen also, Vorsicht mit ad hoc-Aussagen, es handele sich um Verschwörungstheorien. Man kommt meistens nicht umhin, selber zu recherchieren. Im ARD-Faktenscheck auf der Seite www.tagesschau.de hat sich Herr P. Gensing auf das „Enttarnen“ von Verschwörungstheorien spezialisiert, ist da aber mit eigenen, unbewiesenen Behauptungen nicht kleinlich. Das ist manchmal schon lustig. Bei den heutzutage nahezu uneingeschränkten Recherchemöglichkeiten sollte sich jeder selbst ein Bild machen, bevor er im „Kampf der Argumente“ einer Seite vorschnell glaubt. In der Regel wird man sich aber trotzdem einer Sichtweise zuwenden müssen, einfach, weil man nicht in der Lage ist, stets alles zu hinterfragen. Genau deshalb entstehen aktuell so viele intellektuelle Grabenkämpfe, ohne jedwede Möglichkeit einer Versöhnung. Beide Seiten verstehen einfach nicht, dass Ihnen nicht Fakten sondern Weisheit fehlt, dass ihre eigenen Beweisketten (in der persönlichen Wahrnehmung Fakten statt Fake genannt) irgendwann, bei einer nicht hinterfragten Annahme, zum Glauben werden, ja zwangsläufig werden müssen. Die Behauptung: „Das ist eine Verschwörungstheorie“ ist daher letztlich nichts weiter als ein Kampfmittel in der Auseinandersetzung um unterschiedliche Ansichten.

Kommen wir noch zu dem zweiten Aspekt für das Entstehen von Verschwörungstheorien, der in der oben zitierten Begriffsbestimmung enthalten ist. Es wird gesagt, dass solche Theorien auch durch eine unzulässige Vereinfachung komplexer Sachverhalte entstehen, charakteristisch für überlastete Menschen, die sich in Situationen befinden, die sie überfordern.

Das ist eigentlich eine bösartige Erklärung, denn sie unterstellt, dass viele Menschen zu einfach gestrickt sind, um die Komplexität von Vorgängen überhaupt zu begreifen. Problematisch wird ihr Einsatz im Politischen. Im Kampf gegen periodische Demonstrationen in Dresden wurde gerade ein derartiges Argument zur Diffamierung herangezogen. Tölpel also diese Demonstranten, die nicht in der Lage sind, Gesamtzusammenhänge zu erfassen. Das kann ja sein, aber dann gibt es für die politisch Verantwortlichen nur eine Maßnahme: Erzeugung von Transparenz. Transparenz ist das einzige Gegenmittel gegen die massiv um sich greifenden Verschwörungstheorien. Sie können bei hinreichender Transparenz erst gar nicht entstehen. Wird verschwiegen, verheimlicht, vertuscht, dann blüht das Gerücht und die Verschwörungstheorie. Das machen sich dann natürlich auch Rattenfänger zunutze, aber man sollte nicht vergessen: sie haben die Ratten nicht geschaffen.

Fassen wir zusammen: Verschwörungstheorien sind bevorzugte Kampfmittel im informaren Kampf um Macht und Deutungshoheit. Niemand, keine Seite verzichtet heute auf diese hocheffektive Waffe, wenn sie sich damit Vorteile verschaffen kann. Für den direkten oder indirekten Adressaten gibt es nur eine Chance: A priori erst einmal Vorsicht walten lassen, Transparenz erzeugen und wenn möglich selbst recherchieren. Es gibt ein Gesetz von Robert Conquest: „Die einfachste Art, das Verhalten jeder beliebigen bürokratischen Organisation zu erklären, ist anzunehmen, dass sie von einer Clique ihrer Feinde kontrolliert wird.“ Man ist dann möglicherweise auch vor Hamsterkäufen gefeit, wobei, so habe ich gehört: Es gibt neuerdings keine Hamsterkäufe mehr, denn Hamster sind sowieso schon lange ausverkauft.

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