Freitag, Juli 1, 2022
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Karriere, aber wie?

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Die Arbeitswelt wird unübersichtlicher und berufliche Zukunftschancen erscheinen häufig im Nebel. Orakel über die Digitalisierung, zu Umbrüchen in Branchen und Einflüsse des Weltmarktes lassen Ausbildungen und Studienrichtungen in kurzer Halbwertzeit erscheinen. Aber Umbrüche, Revolutionen bei Tätigkeiten sowie ein radikaler Wandel geschehen offenbar nicht so abrupt wie vorausgesagt. Eine Betrachtung über Entwicklungen und Trends am Arbeitsmarkt. | Von Thomas Wischnewski

Die Arbeitswelt unterliegt einem tiefgreifenden Wandel. So wird es jedenfalls dauernd verkündet. Durch die Digitalisierung sollen viele Jobs wegfallen, aber auch neue entstehen. Die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft ändern sich. Asiatische Volkswirtschafen, allen voran China, drängen weiter nach vorn. Deutschland als Exportland weht hier ein scharfer Wind entgegen. Auch national entstehen Disruptionen. Klassische Technologien wie die Autoproduktion mit Verbrennungsmotoren werden vor allem von Umweltschützern kritisiert. Der Diesel-Betrug hat der Branche einen schweren Imageschaden zugefügt. Nun soll das Land innerhalb von 18 Jahren eine Energiewende hinlegen, bei der Atom- und Kohlestrom auf den Schutthaufen der Geschichte landen soll. Allerdings stockt der Ausbau sogenannter erneuerbarer Energien, insbesondere die Errichtung neuer Windkraftanlagen. Hersteller wie das in Magdeburg produzierende Unternehmen Enercon wollen über Tausend Arbeitsplätze abbauen. Wie sollen sich unter diesen zahlreichen Unsicherheiten junge Menschen auf eine verlässliche Berufsperspektive einlassen?

Doch vielleicht sind die realen Veränderungen gar nicht so einschneidend wie die Verkündigungen glauben lassen. Die Arbeitslosenquote im Raum Magdeburg ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Per 31. Dezember 2019 lag sie bei 6,7 Prozent. Das waren 0,2 Prozent weniger Arbeitssuchende als noch im Vormonat. Im Dezember 2017 zeigte die Quote noch einen Wert von 7,3 Prozent. Wirft man einen Blick auf den Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, hatte die Region noch ganz andere Probleme. Mit der Deutschen Einheit und dem industriellen Ein- und Umbruch verzeichnete die Landeshauptstadt lange Zeit Werte um die 20 Prozent. Mit der Arbeitsmarktreform der rot-grünen Regierung um Bundeskanzler Gerhard Schröder änderte sich zwar die Zählweise, dennoch sank die Anzahl der Jobsuchenden enorm.

Noch eine aktuelle Meldung relativiert die vielen Negativorakel. Weil Jugendliche vorrangig digitale Medien nutzen würden, hätte dies große Auswirkungen auf ihre Berufswahl. Doch die Industrieorganisation OECD hat die Daten der Pisa-Studie in 41 Ländern von 2018 ausgewertet und mit den Erhebungen des Jahres 2000 verglichen. Fazit: „Die weitreichenden Veränderungen der Arbeitswelt spiegeln sich bislang noch nicht in den Berufsvorstellungen vieler Jugendlicher wider“, stellt die OECD fest. Die Frage, welche Berufe der Nachwuchs mit 30 Lebensjahren ausüben wollte, beantworteten die 15-Jährigen überwiegend mit traditionellen Berufen. Die OECD-Fachleute schließen aus den Ergebnissen, dass eine insgesamt geringe Vorstellungskraft über die Vielfalt des Arbeitsmarktes bestehe. Außerdem konzentrierten sich Jugendliche noch mehr als bisher auf wenige Berufe. Gut die Hälfte der Mädchen in Deutschland wolle demnach Lehrerin, Ärztin, Erzieherin, Psychologin, Krankenpflegerin, Architektin, Polizistin, Büroangestellte, Designerin oder Anwältin werden. 40 Prozent der Jungen geben Berufswünsche wie Industriemechaniker, Automechaniker, Polizist, Lehrer, Ingenieur, Arzt, Architekt oder Sportler an.

In den Berufsvorstellungen zeigt sich natürlich nicht die tatsächliche Vielfalt der Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten. Die Vermutung, dass Jugendliche heute vielfach Vorbildern in sozialen Medien nacheifern würden und Influencer oder ähnliche Selbstdarstellungsjobs ausüben wollten, hat sich bisher nicht bestätigt.

Hinzu kommt, dass der Ausbildungsbedarf der Unternehmen mittlerweile über der Anzahl der Schulabsolventen liegt. Das merkt man sogar in der relativ krisenfesten öffentlichen Verwaltung. So klagten Ministerien und Landesbehörden, dass 2019 insgesamt 1.880 Ausbildungsplätze zur Verfügung standen, aber bis Ende Oktober nur 1.495 besetzt waren. Insgesamt sollen über 4.000 Ausbildungsangebote ungenutzt geblieben sein. Vor allem Firmen und Freiberufler im ländlichen Raum haben wachsende Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Junge Menschen sehen ihre Perspektive eher in Städten, weil dort die Job- und Freizeitmöglichkeiten größer sind.

Mit der sinkenden Anzahl an Schulabsolventen müssen Unternehmen heute oft Abstriche bei den Einstellungskriterien machen. In kleinen Industriebetrieben in Gommern ist man schon froh, wenn sich überhaupt ein Bewerber meldet. In vielen Dienstleistungsbereichen insbesondere im Gastgewerbe haben Firmen immer größere Probleme, nicht nur Nachwuchs, sondern auch Fachkräfte zu rekrutieren.

Mit der wachsenden Nachfrage für Arbeitskräfte ändern sich manche Mechanismen am Arbeitsmarkt. Bewerber können öfter höhere Einstellungsgehälter oder andere Zusatzleistungen verlangen. Arbeitgeber, die heute noch hohen Leistungsdruck ausüben, könnten künftig schneller gemieden werden. Mittlerweile gibt es im Internet auch Bewertungsportale, auf denen Arbeitnehmer ihre Firma oder ihren Ex-Betrieb benoten können. Ob solche subjektiven Einschätzungen am Ende wirklich ein schlüssiges Bild ergeben, bleibt dahin gestellt. Oft genug färben persönliche Befindlichkeiten zwischen einzelnen Mitarbeitern die Bewertung ins Negative. Überhaupt bemerken Führungskräfte viel Selbstbewusstsein bei jungen Nachwuchsmitarbeitern oder auch bei Schüler- bzw. Studentenpraktikanten. Die jungen Leute trauten sich viel zu, sind von ihren Fähigkeiten überzeugt. Fragte man jedoch nach, zeigten sich vielfach große Lücken bei fachlichem Grundlagenwissen. Auch das Leistungsvermögen würde häufig nicht realistisch eingeschätzt.

Es gibt manche Überlegung, ob sich schwindende Leistungsfähigkeit und -bereitschaft durch zu geringe Anforderungen in Schulen und Elternhäusern erklären ließen. Die öffentliche Wahrnehmung zeichnet hier oft ein konträres Bild. Angeblich würden Aufgaben und Druck weiter wachsen. Es bleibt schwer, dies angemessen einschätzen zu wollen. Politische Äußerungen resultieren jedoch zumeist auf „gefühlten“ persönlichen Beobachtungen. Ein objektives Vergleichsinstrumentarium außerhalb von Benotungen hat die Gesellschaft noch nicht entwickelt.

Die Einkommenssituation zeigt in der Region Magdeburg seit 1991 nach oben. Lag das Jahreseinkommen anfangs noch bei 19.931 Euro, hat es bis Ende 2016 den Wert von 41.788 Euro erreicht. Dennoch ist die Magnetwirkung niedersächsischer Betriebe hoch. Oft wird dort wesentlich mehr gezahlt – und das bei manchmal niedrigeren Arbeitszeiten – als in Sachsen-Anhalt. Was sich bisher aus keiner Erhebung herauslesen lässt, ist die gern projizierte Behauptung, dass viele keine Lust zum Arbeiten hätten. Die Motivation, eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen, sei nach wie vor hoch. Es gebe sogar die Chance, sogenannte „vorgelebte“ Hartz-IV-Karrieren aufzubrechen und Jugendliche mit langzeitarbeitslosen Eltern für eigenständige Berufswege zu gewinnen.

Weniger Innovation und Bewegung ist auf dem hiesigen Gründermarkt zu sehen. Gewerbeanmeldungen halten sich gegenüber Gewerbeabmeldungen die Waage oder rutschen häufiger in ein Negativsaldo. Beispielsweise standen im September 2019 99 Anmeldungen 135 Abmeldungen gegenüber. Eine zunehmende Regelungsflut und wachsende Vorschriften im Arbeits-, Umwelt, Hygiene-, Steuer- und Verwaltungsrecht machen es Existenzgründern schwer, unternehmerische Herausforderungen anzunehmen. Risikobereitschaft sei durchaus vorhanden, steht aber nicht immer im Einklang mit den tatsächlichen, persönlichen Fähigkeiten.

Die Aussichten für erfolgreiche Berufs- und Karrierechancen sind offenbar ziemlich gut. Da sich der Wandel von Tätigkeiten und Arbeitsinhalten hauptsächlich in Unternehmen vollzieht, ist es sowohl für künftige Absolventen als auch für Berufsberatungen, Eltern und Lehrer wichtig, ihr Wissen über Berufe und Branchen zu aktualisieren. Was man vom Nachwuchs verlangt, muss man auch selbst leisten können. Ansonsten liegt über jedem schnellen Wandel eine gewisse reale Behäbigkeit.

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