Samstag, Oktober 16, 2021
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Kein Jojo mehr

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Der 1. FC Magdeburg ist furios in die neue Drittliga-Saison gestartet. Zuletzt wurde ein wenig geschwächelt. Eine Zwischenbilanz nach zehn Spieltagen. | Von Rudi Bartlitz

Nach zehn Spieltagen, sagen selbst konservativ gepolte Experten, lohne sich erstmals ein Blick auf die Tabelle. Da besitze sie schon eine gewisse Aussagekraft. Zu diesem Zeitpunkt hat sich zwar noch längst nicht alle Spreu vom Weizen getrennt, aber Hinweise darauf, wohin die Chose diesmal geht, vorsichtiger: gehen könnte, die lassen sich schon ablesen. Und da am vergangenen Wochenende just die zehnte Runde über die Bühne gegangen ist: Nun denn, die KOMPAKT-Zeitung wagt eine Zwischenbilanz. Natürlich in zehn Stichworten.

LAGE DER LIGA
Es ist eingetreten, was nicht wenige erwartet hatten: Auf die grandiose Rückrunde 2020/21 (Platz sechs in der Tabelle) ließ der 1. FC Magdeburg einen nicht minder starken Saisonbeginn folgen. Er grüßte von der Tabellenspitze. Selbst wenn gerade aus der Chefetage zur Zurückhaltung gemahnt wird: Weit weg von einem Spitzenteam kann dieser FCM nicht sein – dafür vereint er in dieser frühen Phase zu viele Stärken. Nicht umsonst wurde er in den letzten Wochen von vielen Seiten als die spielstärkste Vertretung der Liga beschrieben. Das gilt für die Konkurrenz (Trainer wie Spieler) ebenso wie für die Medien.
Bei allem Lob für die Schützlinge von Cheftrainer Christian Titz übersieht freilich niemand, dass die Blau-Weißen – bei Redaktionsschluss immer noch Tabellenführer – zuletzt zweimal in Folge als Verlierer den Platz verließen. Die Gegner beginnen offenbar, das Erfolgs-System Titz zu dechiffrieren. Einerseits. Andererseits: Diese dritte Liga stellt weiterhin eine sehr ausgeglichene Klasse dar. So ausgeglichen eben, wie stets behauptet wird. Jeder der 20 Klubs hat übrigens schon mindestens zwei Spiele verloren, niemand ist mehr ohne Sieg.

FCM AKTUELL
Werden nur die aktuellen Ergebnisse zugrunde gelegt, sieht es tatsächlich nicht mehr ganz so rosig aus wie eingangs beschrieben. Konnte das 1:2 daheim gegen den seinerzeitigen Tabellenvorletzten Würzburg (die erste Niederlage nach sieben Monaten vor heimischer Kulisse) noch als Ausrutscher durchgehen, stellen sich nach dem anschließenden 2:3 im Sachsen-Anhalt-Derby in Halle doch einige Fragen. Zwei der dringendsten vielleicht: Zum einen muss sich in der Defensive, gerade in der zuletzt so oft zitierten „Restverteidigung“, etwas tun. Was hinten an Leichtsinnsfehlern (verlorene Zweikämpfe, die zu direkten Gegentreffern führten / Loch in der Mauer beim Freistoß) passiert, sollte nachdenklich stimmen. Das sehen selbst die Spieler (bewundernswert selbstkritisch übrigens) so. Ausnahmekönner Baris Atik brachte es in Halle wütend auf den Punkt: „Wir bekommen zu viele und zu einfache Gegentore. Wenn wir das nicht abstellen, dann wird es ganz düs-ter. Wir müssen lernen, mal gegen den Ball zu arbeiten, besser zu verteidigen und vorne unsere Dinger zu machen.” Die Schuld für die Niederlagen seien „nur bei uns und bei keinem anderen zu suchen“.
Zum anderen. Der FCM trumpft vor allem auswärts auf. Von den 14 Partien dort seit dem Titz-Debüt (Februar 2021) wurden acht gewonnen, nur fünf verloren. Von den 18 Treffern in dieser Spielzeit gelangen 14 (!) in fremden Stadien. Dies alles dank einer beeindruckenden Offensive. Dank teils begeis-ternder Kombinationen. Ein Gedanke drängt sich förmlich auf: Kam dabei im Training zuletzt etwa die Abwehrarbeit zu kurz? Nach dem, was der Beobachter zu sehen bekam (und nur das kann beurteilt werden), fällt ein Nein zumindest schwer.

KADER

Zunächst die Formalien: Mit 28 Akteuren ist er für einen Drittligisten ziemlich groß geraten (Ende letzter Saison waren es sogar über 30). Sportdirektor Schork verteidigt die neue Dimension jedoch und verweist zudem auf zwei Nachwuchskräfte, denen ein Profivertrag angeboten worden sei. Die aber noch Zeit brauchten. Also: nur 26 Mann, davon drei Torhüter. Wie richtig die Schorkschen Überlegungen waren, zeigte sich, als plötzlich aus unterschiedlichen Gründen (Verletzungen, Corona) fast zehn Leute nicht zur Verfügung standen. Da schlug die Stunde derjenigen, die es bis dahin kaum in die Anfangsformation und zuweilen nicht einmal in den Kader geschafft hatten. Und sie machten ihre Sache prima. Womit sich Titz bestätigt fühlte, der stets auf die Ausgeglichenheit seines Kader verweist. In allen Mannschaftsteilen herrscht gesunder Konkurrenzkampf; von einigen wenigen Schlüsselspielern abgesehen kann Titz viele Profis annähernd gleichwertig ersetzen.
Was ferner auffällt: Im Gegensatz zu vorangegangenen Jahren stehen mehr in ihrer Grundstruktur offensiv ausgerichtete Kräfte im Team. Das bekommt ihm sichtlich gut. Mit Baris Atik, Luca Schuler, Kai Brünker und Sirlod Conteh hat der Coach derzeit ein schwer ausrechenbares Offensivquartett zur Verfügung. Dennoch: Diese Mannschaft ist, was ihre innere Struktur angeht, derzeit noch einer Baustelle vergleichbar, ein Team under construction sozusagen. Soll heißen: Da geht noch mehr. Es ist vor allem ein Mann, der derzeit das FCM-Spiel prägt: Baris Atik. Ein Mann, der diese Momente im Fuß hat, die an die Schönheit des Spiels glauben lassen. Zusammen mit Torhüter Dominik Reimann, dem Abwehr-Innenduo Tobias Müller/ Alexander Bittroff, den Mittelfeldleuten Amara Conde/ Andreas Müller und den Angreifern Luca Schuler/ Sirlord Conteh bildet er so etwas wie die Kommandobrücke der Blau-Weißen. Mit ihnen und einigen anderen Akteuren (Raphael Obermair, Leon Bell Bell, Connor Krempicki, Tobias Knost, Adrian Malachowski) hat Titz so etwas wie ein Stammgebilde gefunden, auf das er – sollten Verletzungen keinen Strich durch die Rechnung machen – gern zurückgreift. An dem er relativ wenig herumbastelt.

FÜHRUNGS-EBENE
Die im November 2020 eingeleitete Ämtertrennung zwischen einem finanziell und organisatorisch verantwortlichen Geschäftsführer (Mario Kallnik) und einem Sportdirektor (Otmar Schork) trug bereits nach kurzer Zeit Früchte. Kallnik – der schon vor dem offiziellen Abgang des sportlichen Leiters Maik Franz (Juli 2020) dessen Funktion mit übernommen hatte – zog aus der anhaltenden sportlichen Talfahrt die Konsequenzen und gab diesen Posten an Schork ab. Seit Juli 2021 ist Schork, der an der Zusammensetzung des jetzigen Kaders einen erheblichen Anteil hat, zum Geschäftsführer Sport aufgerückt. Diese Aufteilung der Verantwortlichkeiten scheint, soweit es der Blick von außen erlaubt, in die richtige Richtung zu weisen.

TRAINER
Es ist eine beliebte These, dass gute Mannschaften irgendwann aussehen wie ihre Trainer. Oder umgekehrt: dass gute Trainer es schaffen, Mannschaften nach ihrem Bilde zu formen. Es wäre nun spektakulär übertrieben, dem entspannten, klaren, aber gewiss nicht übercharismatischen Trainer Titz nach nur gut einem halben Jahr einen solchen Einfluss zuzuschreiben – auffällig ist aber schon, dass die Blau-Weißen auf einmal so zu spielen beginnen, wie es den Auffassungen und Charaktereigenschaften ihres Trainers entspricht. Bei dem man beim Zuhören, schließt man kurz die Augen, immer meint, jeden Augenblick käme irgendwie Boris Becker um die Ecke geschlendert. Der badische Slang scheint, kleiner Scherz, wohltuend auf die Spieler abzufärben. So als vermittle er Ruhe und ein gerüttelt Maß Selbstvertrauen.
Momente wie die legendäre 42-Sekunden-Pressekonferenz von Klaus Augenthaler einst als Wolfsburg-Trainer (“Die Fragen stelle ich, die Antworten gebe ich auch.”) werden Reporter in Magdeburg unter Titz jedenfalls garantiert nicht erleben. Der Coach hat es geschafft, dem Team eine (zwei Jahre lang schmerzlich vermisste) Philosophie einzuimpfen, die da etwa so lautet: frühes Pressing, resolute Balleroberung, schnelles Umschaltspiel, hohes Kombinationsvermögen.

VERBORGENE ZIELE
Auch wenn er wochenlang von der Tabellenspitze grüßt, Meister der dritten Liga ist der FCM noch lange nicht. Und aufgestiegen eben so wenig. Zwei Binsen, fürwahr. Dafür bewirbt sich der Club mit viel Bravour darum, als Meister des Understatements in die Annalen dieser Liga einzugehen. Der verbale Flachpass erweist sich bei dieser, wie man es im Fußballdeutsch nennen würde, „Grundordnung“ als ein ganz wichtiges Stilmittel. War anfangs in der Führungsebene die Rede davon, mit dem Abstieg nichts zu tun haben zu wollen, so steigerte sich das inzwischen immerhin darauf, einen „ruhigen Saisonverlauf“ anzustreben. Als Sport-Geschäftsführer Schork zum Auftakt nach den Saisonzielen gefragt wurde, antwortete er: „Das erste Spiel gewinnen.“ Ob es ein Spaß war, blieb offen. Ein mit allen Wassern gewaschener Kommunikationsberater würde nun möglicherweise empfehlen: „Sprechen Sie bitte nicht allzu oft von Gewinnen. Besser wäre die Formulierung wie: Wir wollen nicht verlieren, möglichst etwas mitnehmen.“ Freilich, das muss eingeräumt werden, der FCM ist ein gebranntes Kind. Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, so Titz, wie schnell das Abrutschen gehen kann. Demut sei deshalb angesagt. „Wir wollen uns über die Inhalte definieren“, meint er etwas kryptisch.

FANS

Siege sind schön, Titel sowie­so – die härtes­te Währung im Profi-Fußball aber bleibt: der Zuschau­er. Das gilt auch für Magdeburg, richtiger: das gilt vor allem und gerade für Magdeburg. Wie die Fan-Szene ihren Verein unterstützt, antreibt, das sucht in dieser Liga seinesgleichen. Über 15.000 zuletzt gegen Würzburg in der MDCC-Arena, davor nur ein paar Hundert weniger – und das trotz der Corona-Beschränkungen. Hinzu kommt: 2.000 waren in Hannover gegen den TSV Havelse dabei, rund 550 in Wiesbaden. In sieben der zehn Ligapartien hatte Magdeburg akustisch die Oberhand. Während andernorts – auch aufgrund anderer Pandemie-Vorschriften – die Fanszenen noch längst nicht zu alter Aktivität zurückgekehrt sind, ist „Block U” samt allen umgebenden Fans, die davon mitgerissen werden, so lautstark wie vor der Pandemie. Selbst nach Niederlagen, wie zuletzt gegen Würzburg, stehen sie wie ein Mann hinter ihren Jungs.

STADION

Erst jetzt, mit wieder prallen Zuschauermassen, zeigt sich so richtig, was sich in den zurückliegenden eineinhalb Jahren in der MDCC-Arena getan hat. Mit den höheren Besucherzahlen kommen erstmals die baulichen Veränderungen voll zum Tragen. Das Wichtigste: Auf Sachsen-Anhalts größter Hüpfburg, den 10.000 Stehplätzen auf der Nordtribüne, darf wieder nach Herzenslust getobt werden. Nachdem fast drei Jahre lang ein Hüpfverbot galt, die Arena rekonstruiert und erweitert wurde, ist sie im Januar 2020 wieder ihrer Bestimmung übergeben worden. So richtig genutzt werden konnte sie allerdings nicht, denn dann kam ja Corona …
In Ostelbien präsentiert sich nunmehr eine Arena, die laut Sicherheitskonzeption exakt für 30.096 Zuschauer ausgelegt ist; einst waren es zwischen 25.500 und maximal 27.500 Plätzen. 2017 hatte sich der Stadtrat dafür entschieden, für den Ausbau die sogenannte größere Variante zu wählen, einen Teil der Sitzplätze, wie von den Fans in Block U schon seit langem gewünscht, in Stehplätze umzuwandeln. Offiziell stehen nunmehr 14.812 Stehplätze zur Verfügung. Sie werden jedoch wegen benötigter Pufferzonen nicht voll ausgeschöpft. Der FCM teilte mit, er plane, je nach Sicherheitsstufe einer Partie, künftig mit einer maximalen Kapazität von 28.000 Besuchern. In der dritten Liga kann man sie vermutlich noch nicht voll ausschöpfen …
PROGNOSE

Schon vor Saisonbeginn war in nahezu allen republikweiten Umfragen der FCM als einer der Aufstiegsfavoriten gehandelt worden. Allein fünf Drittliga-Coaches sehen in ihm einen der Aufsteiger. In einer vom Portal „3. Liga online“ veranstalteten Fan-Umfrage landeten die Magdeburger hinter 1860 München (77 Prozent) und Eintracht Braunschweig (53 Prozent) sogar auf Rang drei (30 Prozent). Zum Vergleich: Vor der letzten Saison fiel die Wahl auf Dresden, Rostock und Ingolstadt. Alle drei Tipps stellten sich richtig heraus, sogar die Reihenfolge stimmte.
Den Aufwärts­trend zemen­tieren, weit weg von der Abstiegszone bleiben – dies wäre eine Aufgabenstellung, die der Titz-Truppe allemal zuzutrauen ist. Nach drei Jahren des Aufbaus unter Trainer Jens Härtel, der 2018 mit dem Aufstieg in Liga zwei gekrönt wurde, und zwei Jahren der fußballerischen Irrlichter (Abstieg 2019, zwei Spielzeiten hart am Abgrund des Amateurbereichs) sollte der Verein in der Lage sein, dieses Jojo-Phäno­men zu been­den. Das Auf und Ab hat an den Nerven gezerrt. Der springende Punkt: Bleiben die jungen Spieler, die geholt wurden, um sie hier zu veredeln, dem Club erhalten – oder folgen sie über kurz oder lang dem Lockruf des Geldes? Der FCM wird Schwierigkeiten damit bekommen, so ist zu vermuten, wenn er versuchen sollte, sich mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se dauer­haft im Profi­fuß­ball zu behaup­ten. Dagegen gibt es eigentlich nur einen Weg: eine echte (sportliche) Perspektive bieten, selbst erfolgreich sein, selbst oben mitmischen.

TIPP

KOMPAKT meint: In dieser Liga fehlen diesmal die großen Favoriten und designierten Aufstiegsanwärter, wie einst Dresden, Ingolstadt, Karlsruhe oder Paderborn. Hinzu kommt, dass sich die Absteiger aus der zweiten Bundesliga (Osnabrück, Braunschweig, Würzburg) bisher jedenfalls mehr oder weniger schwer tun und kaum überdurchschnittliches Niveau nachweisen. So bietet sich den Titz-Schützlingen – wenn aus den jüngsten Resultaten die richtigen Schlüsse gezogen werden – eine aussichtsreiche Gelegenheit, diesmal bis zum Ende oben dran zu bleiben. Alles andere mag dann in gewisser Weise auch von den oft rätselhaften Wegen des Fußball-Gottes abhängen.

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