Mittwoch, August 10, 2022
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„Keine finanziellen Abenteuer“

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Der neue FCM-Präsident Jörg Biastoch im KOMPAKT-Interview über seine Ziele mit dem Club, den Klassenerhalt und die Frage, warum er nicht mit fliegenden Fahnen zu einem Großinvestor überlaufen würde. Gibt es bald auch ein FCM-Frauenteam?

KOMPAKT: Sie sind in einer Zeit zum Präsidenten des FCM berufen worden, in der der Club nach dem Zweitliga-Aufstieg und dem damit verbundenen Bohei eine richtige Hoch-Phase durchlebt. Ist das eher Fluch – wegen der daraus an Sie folgenden hohen Erwartungen? Oder Segen – wegen der ringsum vorherrschenden Euphorie?
Jörg Biastoch: Eine wirklich schwierige Frage. Als die Übernahme des Präsidentenamtes erstmals an mich herangetragen wurde, war an den späteren sportlichen Erfolg überhaupt nicht zu denken. Wenn ich heute jedoch alles abwäge, dominiert schon der Segen. Wobei ich nicht übersehe, dass angesichts der Entwicklung, die der Verein in letzter Zeit genommen hat, die Verantwortung natürlich wächst. Denn wir wollen uns weiterentwickeln. Hinzu kommt, dass wir in beiden Führungsgremien, Aufsichtsrat und Präsidium, neue personelle Konstellationen haben. Wobei ich dick unterstreichen möchte, dass bei uns jetzt keine revolutionäre Entwicklung stattfindet, sondern eher eine evolutionäre.

Anderswo werden Präsidenten jene berühmten 100 Tage gewährt, bevor ein erstes Urteil über deren Arbeit gefällt wird. Nehmen Sie die für sich in Anspruch?
Nein, die würde ich nicht geltend machen. Ich springe ja nicht ins kalte Wasser, habe jahrelange Erfahrung im Aufsichtsrat. Es ist quasi eine Weiterführung der bisherigen Arbeit, nur eben jetzt als Präsident. Einiges kommt sicher neu hinzu. Außerdem sind zwei Drittel des gesamten Teams schon gremienerfahren.

Ungeachtet dessen, es bleibt ein Ehrenamt.
Richtig. Das, und dies ist nicht übertrieben, derzeit 20 bis 30 Stunden pro Woche in Anspruch nimmt. Das kann ich nur ausfüllen, weil mir dafür das nötige Zeitvolumen zur Verfügung steht. Und das wiederum funktioniert nur, wenn im Unternehmen ein Team am Werk ist, das voll engagiert ist, mir die nötigen Freiräume für den FCM lässt. So ein Amt ist keine One-Man-Show, das geht nur im Team.

Entscheidend ist auf dem Platz, lautet eine alte Fußballer-Weisheit. Kommen wir also zum Sportlichen. Sie haben sich die Aussage von Sport-Geschäftsführer Otmar Schork zu eigen gemacht, wonach der FCM anstrebt, eine sorgenfreie Saison zu spielen.
Davon gehe ich voll und ganz aus. Dass wir dabei Höhen und Tiefen haben werden, ist ebenso klar. Ich bin sicher nicht der Fußball-Experte, aber ich gehe fest davon aus, dass wir – auch mit Blick auf die Konkurrenz – die Klasse halten werden.

Was macht Sie da so sicher?
Ganz eindeutig: die hohe Kompetenz in der sportlichen Führung mit Geschäftsführer Schork und Cheftrainer Christian Titz. Der Unterschied zum Aufstieg 2018 ist zudem der, dass wir als Team deutlich reifer geworden sind.

Sie haben zuletzt mehrfach von einer Professionalisierung der Strukturen im Club gesprochen, die angestrebt werden muss. Was hat der Außenstehende darunter zu verstehen?
Wir sind 2015 in die 3. Liga aufgestiegen, 2018 in die 2. Bundesliga. Nun ist sportliches Wachstum das eine, die Strukturen rundherum müssen mitwachsen, Marketing usw. Da haben wir seinerzeit absolutes Neuland betreten. Der Abstieg 2019 bedeutete einen weiteren Rückschritt, Mängel in den Strukturen waren nicht zu übersehen. Das müssen wir mittelfristig beheben, wir müssen uns da personell verstärken.

Wo steht der FCM zu Beginn der Zweitligasaison finanziell? Die Rede ist von einem Gesamtetat von etwa 20 Millionen Euro, 10 Millionen davon Sportetat?
Ich denke, da sind wir im unteren Drittel der Liga einzuordnen. Das heißt aber keineswegs, dass wir nicht konkurrenzfähig sind. Geld schießt nur bedingt Tore. Zumal unsere Philosophie als Verein ohnehin eine andere ist, nämlich auf junge, hungrige Akteure zu setzen, sie hier weiter zu formen. Ein Beispiel dafür ist Abwehrspieler Jamie Lawrence, den der FC Bayern zu uns gegeben hat, damit er sich hier entwickelt. Darin sehen wir den richtigen Weg. Wir sind diesbezüglich, ohne missverstanden zu werden, ein Ausbildungsverein.
Finanzielle Abenteuer sind also unter Ihrer Führung nicht zu erwarten?
Nein. Ich trete für eine sogenannten Diversifizierung des Risikos ein. Soll heißen, alle unsere finanziellen Aktivitäten ruhen auf einer breiten Basis. Wir haben derzeit etwa 400 Wirtschaftspartner. Das ist gewissermaßen auch eine Konsequenz aus den wilden neunziger Jahren, als damals Unternehmen wie Kinowelt oder die spanische Asap im Spiel waren. Ganz klar: Es wird bei mir definitiv nicht den übermächtigen Sponsor oder Investor geben. Selbst wir als Humanas als Trikotsponsor kommen nur auf einen Anteil von zehn bis 15 Prozent. Unsere Stärke ist vielmehr, dass wir sehr breit aufgestellt sind. Das wollen wir noch weiter ausbauen.

Mit der Neuansiedlung des mächtigen US-Konzerns Intel in Magdeburg spekuliert so mancher in der Stadt schon darauf, dass da doch etwas zu machen wäre. FC Intel Magdeburg, wie klingt das in Ihren Ohren?
Das ist zum Beispiel ein Weg, den ich nicht favorisieren würde. So sehr ich mich über die Ansiedlung freue. Intel wird mit Sicherheit der Gemeinschaft in Magdeburg guttun, keine Frage. Mit Sicherheit werden sie sich im Kultur- und Sportbereich engagieren, werden sich einbringen. Wir unsererseits jedenfalls sind nicht darauf ausgerichtet, mit fliegenden Fahnen einen Großinvestor oder Großsponsor hereinzuholen, nur um nach vorn zu kommen. Es bleibt dabei, dass 75 Prozent der Mitglieder zustimmen müssten, wenn sich jemand an der Kapitalgesellschaft beteiligen möchte. Unser Ziel bleibt vielmehr ein gesundes und weiteres Wachstum. Die Philosophie dabei ist, nicht einen Investor reinzuholen, sondern Leute, die auf ihrem Gebiet Profis sind, die uns weiterhelfen können.
Sie selbst sind Präsident, geschäftsführender Gesellschafter des Hauptsponsors, als approbierter Arzt sogar Hygiene-Beauftragter des Vereins. Hat denn Herr Titz schon mal angefragt, ob Sie nicht gelegentlich auch als Co-Trainer aushelfen können?
Dazu müsste ich, wie gesagt, Fußballexperte sein. Wenn ich denn je vorgehabt hätte, beispielsweise Manager zu werden, dann hätte ich diesen Weg auch eingeschlagen. Nein, ich bin ein Mensch, für den Fußball eine Leidenschaft ist. Seit fast 40 Jahren. Dabei habe ich nie Mannschaftssport betrieben, bin aber ein Fan davon. Ich würde mir zudem nie anmaßen wie manch anderer Präsident, der sportlichen Führung vorzuschreiben, wie sie den Kader zusammenstellen.

Das war ja nur als kleiner Gag gemeint. Die Frage zielt eher darauf, ob Sie einen Interessenkonflikt zwischen Präsident und Hauptsponsor sehen? Grob gesagt, ob Sie sich das Amt gewissermaßen erkauften?
Ganz deutlich: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich würde außerdem nie versuchen, auf wirtschaftliche Entscheidungen des Verein Einfluss zu nehmen zugunsten meines Unternehmens. Eine Verquickung beider Ämter schließe ich daher aus. Wenn überhaupt, dann nur in dem Fall, dass ich als geschäftsführender Gesellschafter dem Verein in dem einen oder anderen Fall einmal helfen könnte. Nie umgekehrt. Zudem würde meine wirtschaftliche Macht gar nicht ausreichen, um Entscheidungen auf der Ebene des Sportdirektors oder des Trainers zu treffen. Weil ich es gar nicht könnte.

Also nix da mit Sonnenkönig?
(lacht) Diese Sonnenkönig-Mentalität, die es in manchen deutschen Fußballvereinen durchaus gibt oder gegeben hat, führt doch in der Regel nur dazu, dass dieser Verein von einer Krise in die nächste taumelt. Vorbild sind für mich jene Klubs, die kollektiv führen.

An wen denken Sie da?
Auf jeden Fall an den SC Freiburg. Er ist für mich das beste Beispiel dafür, wie ein Verein langfristig und nachhaltig geführt werden kann. In diese Kategorie stufe ich immer mehr auch Union Berlin ein, das Hertha BSC immer mehr den Vorrang in der Hauptstadt abzulaufen scheint.
Eines der Probleme, die den FCM derzeit außerhalb des unmittelbaren Geschehens auf dem Rasen offensichtlich am meisten umtreibt, ist die Verbesserung der vereinseigenen Infrastruktur, der Trainingsmöglichkeiten für Profis und Nachwuchs. Wie ist da der Stand?
Ja, da hat sich in den zurückliegenden Jahren, verursacht auch durch Corona und unseren Abstieg aus der zweiten Liga, ein Stau aufgebaut. Wir sind derzeit dabei, den Stück für Stück abzubauen. Auch mit Hilfe der jüngsten Beschlüsse der Stadt, zum Beispiel beim Baurecht. Mit Nachdruck arbeiten wir an der Verbesserung der Situation im Trainingszentrum. Da versuchen wir, step by step voranzukommen. Aber im Handumdrehen ist das nicht zu machen. Zugleich ist vorgesehen, dass der FCM Bereiche des neuen, direkt vor dem Stadion im Bau befindlichen Sportzentrum künftig mit nutzen kann.

Dom-Prediger Jörg Uhle-Wettler wird der Spruch zugeschrieben, Magdeburg, das sei die Elbe, der Dom und der FCM. Gehen Sie da mit?
Zum einen ehrt uns natürlich eine derartige Aussage. Ich würde sie allerdings in einem Punkt geringfügig ändern oder zumindest ergänzen. Statt den FCM gesondert hervorzuheben, würde ich lieber von der Sportstadt Magdeburg als solcher sprechen. Denn was sich hier getan hat, und sich immer noch tut, das ist schon bemerkenswert. Nehmen wir nur die Handballer des SCM oder die dortigen Schwimmer mit Olympiasieger Florian Wellbrock an der Spitze.

Da gerade in England die Frauen-Europameisterschaft über die Bühne geht, eine zum Abschluss durchaus naheliegende Frage: Was hält man beim FCM eigentlich von der Idee, in den Frauenfußball einzusteigen?
Das ist gar nicht so abwegig, wie es zunächst einmal scheinen mag. Ich denke, in spätestens ein oder zwei Jahren wird für den Verein diese Frage ohnehin interessant. Es wird bei uns schon darüber nachgedacht. Am naheliegendsten wäre zunächst natürlich eine Kooperation mit einem regionalen Partner. Da drängt sich der MFFC geradezu auf.
Fragen: Rudi Bartlitz

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