„Kindesmissbrauch” im Fernsehen

In jeder intakten Gesellschaft erfreuen sich Kinderchöre großer Sympathie. Bisher war das auch in Deutschland so. Egal, ob es um die Thomaner und die Kruzianer oder um Chöre geht, die von ihrem Ruhm her eine Nummer kleiner ausfallen. Sie sind alle großartig und als kulturbeflissene Menschen bekommen wir bei dem Wort „Kinderchor“ leuchtende Augen. Eingeschlossen sind auch solche, die ganz andere Genres als das klassische Kulturererbe pflegen. Viele singen spielerisch einfach nur das, was Kindern Spaß macht, ohne Anspruch auf konzertante Aufführungen. Auch das ist wunderbar, unterhaltsam, oft witzig und manchmal sehr anrührend. Auf einem Datenchip in unserem PKW haben wir Einspielungen von „Die Kinder vom Kleistpark!“. Das sind herzerfrischende Lieder, die wir gern hören, vor allem wenn wir Kinder an Bord haben.

Ein Schreckensjahr der Unkultur

Es war schlimm genug, dass im Covid-19-Jahr 2020 die Kultur drastisch heruntergefahren werden musste. Hier war höhere Gewalt im Spiel. Ein menschengemachter Kultureinbruch war hingegen das Agieren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR). Jan Böhmermann hat sich dessen im Jahresrückblick seines ZDF Magazins „Royale“ vom 18. Dezember 2020 gebrüstet. Das Jahr habe mit dem WDR-Kinderchor angefangen, „und wir haben uns gedacht, damit der Fluch von 2020 gebrochen werden kann, beenden wir das Jahr so, wie es angefangen hat – mit dem WDR-Kinderchor.” Die Macher vom WDR hatten ja Anfang des Jahres die Kinder für das Singen des ursprünglich lustigen Liedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ einen anderen Text einüben lassen. Enden im Original die witzigen Strophen ironisch mit der Feststellung „meine Oma ist ne ganz patente Frau!“ legen jene, die sich für Satiriker halten, den Kindern die Zeile „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“ in den Mund. Man könnte von Rundfunkleuten in Deutschland so viel politische Bildung erwarten, dass sie wüssten, wie die Sau-Bezeichnung für Menschen den Boden für Schreckensorte wie Auschwitz und Buchenwald vorbereitet haben.

Weil der Shitstorm gegen den Sauenvers, der vermeintlich von rechts kam, riesengroß war, twitterte der WDR-Mitarbeiter Danny Hollek wütend: „Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt über Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau.“ Nein, nichts davon ist witzig und es ist alles andere als Satire. Der WDR, mit seinem Intendanten Tom Buhrow, distanzierte sich zwar von der Aussage, stellte sich aber hinter seinen Mitarbeiter.

Gebührenfinanzierter Angriff auf die Menschenwürde

Jan Böhmermann reichte das alles jedoch noch nicht. Er will Provokation um jeden Preis. Sich über die sterbende Oma mit dem Plastikschlauch in der Trachea lustig zu machen, ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Den Kinderchor dafür einzuspannen ist Kindesmissbrauch. Fehlgeleitete Menschen, die mit schwarz-weiß-roten Fahnen gegen eine angebliche Coronadiktatur demonstrieren, mit den Mitteln der Satire lächerlich zu machen, wäre angebracht. Aber Menschenverachtung ist keine Satire.

Umgang mit Alten und Kindern

Ein Gradmesser der Humanität in einer Gesellschaft ist der Umgang mit den Alten und Kindern. Traditionell achtet man in allen Kulturen die Alten und man freut sich über Kinder. Aber bei uns wirft man heute Eltern vor, mit ihren Kindern den ökologischen Fußabdruck zu vergrößern, obwohl wir eine schrumpfende Gesellschaft sind. In allen Gesellschaften gab und gibt es Stammesälteste und Ältestenräte usw. und man sprach und spricht von der Altersweisheit, allerdings auch von Negativerscheinungen, wie Altersstarrsinn, Demenz usw. Aber selbst von Demenz, einem relativ häufigen Phänomen bei Älteren, ist nicht die Mehrheit, sondern eine Minderheit betroffen. Das größere gesellschaftliche Problem ist mangelnde Bildung, aber davon scheint mir die Jugend weitaus stärker betroffen zu sein. Auf jeden Fall gibt es eine Vielzahl betagter Persönlichkeiten, die mit ihrer Weisheit, gepaart mit moralischer Integrität, maßgeblich zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen.

Wohl noch nie zuvor in der Geschichte gab es die Unkultur einer gruppenbezogenen Geringschätzung, ja sogar Feindschaft, gegenüber dem Alter. Die schon thematisierte gebührenfinanzierte Oma-Verachtung ist ein aktuelles Beispiel. Johanna Roth, Leiterin des Ressorts „Meinung+Diskussion“ beim linken Tagesblatt taz forderte 2019 nach der Europawahl: „Rentner, gebt das Wahlrecht ab! Und den Führerschein gleich mit… Was wir brauchen, ist eine Epistokratie der Jugend.“ Dabei sind Senioren in Unfallstatistiken unterrepräsentiert und dass die Älteren Wahlausgänge überproportional beeinflussen, liegt daran, dass diese häufiger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen als Jüngere. Es ist absurd, daraus einen Vorwurf an die Alten zu artikulieren!

Kommen wir zurück zu Liedern, die die Beziehungen zwischen Jung und Alt thematisieren. Natürlich haben auch wir und die Generation nach uns das Lied von der motoradfahrenden Oma gesungen. Das war frech, aber nicht böse. Omas können darüber schmunzeln. Bei uns ist die Generation von Jan Böhmermann und Johanna Roth mit Liedern von Gerhard Schöne aufgewachsen, die davon berichten, wie Kinder Omas und Opas mit Liebe begegnen. Bitte googeln und hören Sie seine Lieder „Die Alte auf der Schaukel“ und „Manchmal sagt der Opa Sachen“. Das berührt Herz und Seele und man kann sich dabei von all dem Unrat, der uns von dem ÖRR und anderen Medien zugemutet wird, erholen.
Reinhard Szibor