Kirche in Zeiten der Angst

Kirche in Zeiten der Angst | Giselher Quast Domprediger em.

Das Schutzdach Kirche ist weit gespannt in Zeiten der Not, in Zeiten der Angst, in Zeiten der Bedrohung. Es ist auch jetzt weit gespannt in Zeiten der mangelnden Kontakte, des Abstands untereinander, der Einsamkeit und der Ferne. Es ist ein geistiges Schutzdach, das Menschen verbindet, selbst wenn Gottesdienste nicht stattfinden und Kirchen geschlossen bleiben. Das Sprichwort sagt: „Not lehrt beten!“ Das ist keine Aufforderung, keine Missionsabsicht, das ist eine empirische Erfahrung: Wer hat nicht schon alles, wenn es an die Existenz ging, ein Stoßgebet zum Himmel geschickt! Solcher Art ist das unsichtbare Schutzdach, das Menschen mit Gott und untereinander verbindet: Politiker, Verantwortliche, Medien beschwören jetzt Solidarität, Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Einschränkung, Konzentration auf das Wesentliche und machen Menschen Mut, sich der Ausnahmesituation bewußt zu stellen und sie zu nutzen. Das sind nur andere Worte für die christlichen Tugenden Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Bescheidenheit, Vertrauen und Hoffnung. Die Worte werden austauschbar, egal ob man gläubig ist oder nicht. Die Bedrohung verbindet uns alle, macht Menschen ihres Menschseins bewußt, nicht der Unterschiede von Nationen, Weltanschauungen, Religion, Geschlecht oder Alter. Das Schutzdach Kirche ist über alle gespannt als Hoffnungsdach, als Gebetsdach, als Wertedach.

In den Jahren meiner Jugend und meines Dienstes am Magdeburger Dom habe ich das immer wieder gespürt und erfahren, dieses Schutzdach Kirche. Zuerst in meiner Jugend als Pfarrerskind an einer sozialistischen Schule, als Außenseiter, den seine Lehrerin öffentlich als „Pastorschwein“ bezeichnete, der kurz vor dem Abitur wegen Wehrdienstverweigerung und eines kritischen Aufsatzes von der Schule flog: Da war Kirche mein Schutzdach, mein Rettungsschirm – im Domchor, in der Jungen Gemeinde, unter Gleichgesinnten mit anderen Werten, einer anderen Wertschätzung und ande-rer Solidarität. Und dann viele Jahre spä-ter in der Wendezeit, als meine Verhaftung drohte und ich Morddrohungen bekam: Da kamen Christen und noch viel mehr Nichtchristen in den Dom, nutzten die offenen Mikrofone nicht nur zur freien Meinungsäußerung, sondern sogar zu einer Art „weltlichem“ Gebet, einem Stammeln von Hoffnungen und Wünschen, an wen auch immer gerichtet. Da haben wir gemeinsam gegen die Angst angesungen: „Lieb dein Land“ und: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat“. Diese große Schar trug mich, trug sich, trug eine Hoffnung ins Land, auch wenn rings um den Dom tausende Sicherheitskräfte standen!

Oder als ich vor zehn Jahren meine Stelle am Dom unfreiwillig verlassen sollte. Da machten Magdeburger eine Menschenkette um den Dom, haben sich Öffentlichkeit und Gemeinde hinter mich gestellt und das Fallenlassen aller Bemühungen erzwungen. Welch eine Solidarität, welch ein Schutz!

Was mögen Menschen wie ich in der langen Geschichte des Domes erlebt haben unter dem Schutzdach Kirche! Immer wenn ich durch den riesigen Sakralraum gehe, denke ich: Die Steine sind getränkt mit Gebeten, Klagen, Flüchen, Hoffnungen und Danksagungen! Alles ist in ihnen aufgehoben – und wenn nicht materiell in den Säulen, dann doch geistig im Herzen Gottes, der diesen Raum erfüllt: die Hoffnungen und Gebete der Erbauer des Domes und ihre Trauer um die verunglückten Bauleute oder die nicht verwirklichten Pläne; die Klagen der Menschen in Brand- und Pestzeiten, die Magdeburg mehrfach heimgesucht und entvölkert haben; die Schuldbekenntnisse, wenn fehlgeleitete Politik oder Ideologien Stadt und Land ins Unglück gestürzt haben; die schrecklichen drei Tage und Nächte, als tausende Magdeburger 1631 im Dom die Zerstörung und den Brand ihrer Stadt im Dreißigjährigen Krieg erlebten; die flehenden Gebete während der beiden Weltkriege, die im Barlach-Mahnmal ihren Ausdruck gefunden haben. Immer war es das Schutzdach Kirche, das Menschen angezogen und ihnen Hoffnung vermittelt hat: wenn schon zu DDR-Zeiten Genossen als Patienten lieber in die Pfeifferschen Stiftungen gegangen sind, weil sie glaubten, dort menschlicher behandelt zu werden; wenn sich nach der Wende die FCM-Fans im Dom trafen, um Kerzen zu entzünden gegen die drohende Insolvenz ihre Vereins; wenn nach dem Nine/Eleven-Tag Tausende erschüttert in den Dom kamen, um gegen den Terrorismus zusammenzustehen. Ja, es wirkt noch immer, das Schutzdach Kirche…

Eines allerdings vermag dieses Schutzdach nicht: die Gefahr zu beseitigen oder ungeschehen zu machen! Die Katastrophen haben stattgefunden, die Kriege haben stattgefunden, die Bedrohungen finden bis heute statt, und auch zweitausend Jahre Christsein haben daran nichts geändert. Aber der Halt liegt in etwas anderem. Gott sagt: „Ja, die Gefahr ist da. Aber ich bin bei dir!“ Auch jetzt in Zeiten der Pandemie, des Abstands zueinander, der Isolation und Einsamkeit. Gott ist immun. Niemand kann uns so nahe sein wie er. Wir werden von ihm nicht gemieden, wenn wir infiziert sind. Wir werden von ihm nicht verlassen, wenn wir erkranken. Wir werden von ihm selbst dann noch erwartet, wenn wir einmal sterben werden. Wer kann uns mehr Nähe geben? Aber ich will jetzt nicht predigen. Ich will nur sagen: Das Schutzdach Kirche, dieses geistige Band, ist heute besonders weit gespannt für alle, die es brauchen, auch wenn kein Gottesdienst stattfindet, auch wenn Kirchen geschlossen werden, auch wenn der Dom ganz still und leer ist. Wir können unsere Angst, unsere Sorgen, unsere Hoffnungen, unser Vertrauen in seine Säulen einschreiben!

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