Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Kirmes unterm Korb

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Die Korbjäger der SBB Baskets sind das Vorzeigeteam eines ehrgeizigen
Sportprojekts in Wolmirstedt. In diesem Sommer gelang ihnen sogar der Aufstieg
in den deutschen Profi-Basketball. | Von Rudi Bartlitz

In den Pandemie-Wirren ist es bei vielen Anhängern der Leibesübungen in Sachsen-Anhalt fast ein wenig untergegangen: Für den Sport in Wolmirstedt hat sich in diesem Sommer ein langgehegter Traum erfüllt. Mit den Korbjägern der SBB Baskets spielt jetzt erstmals ein Team aus der Bördestadt in einer Profi-Liga, der sogenannten Pro-B; was im Fußball etwa der dritten Liga entsprechen würde. In zwei Play-Off-Partien hatten sich die Schützlinge von Headcoach Eiko Potthast zuvor gegen die Red Dragons Königswusterhausen durchgesetzt. „Fünf Jahre haben wir darauf hingearbeitet“, sagte Vorstandsvorsitzender Dennis Uhlemann im Gespräch mit KOMPAKT-Media. „Nunmehr ist es geschafft.“ Und der Stolz, der dabei mitschwingt, ist weder zu überhören noch zu übersehen.

Es war anfangs schon ein recht ehrgeiziges, um nicht zu sagen verwegenes Projekt, das sie in der 20 Kilometer nördlich von Magdeburg gelegenen Gemeinde da angegangen waren. Wobei, Basketball spielte hier, gegenüber anderen Sportarten, schon immer eine etwas besondere Rolle. Noch heute erinnern sich viele der Älteren in der 12.000-Einwohner-Stadt gern daran, was vor zwei Jahrzehnten in der „Halle der Freundschaft“ – in der zu Nicht-Corona-Zeiten mit Zusatztribünen bis zu 1.500 Zuschauer Platz finden – los war, als der Underdog aus Wolmirstedt im nationalen Pokalwettbewerb den Bundesligisten Bayer Leverkusen herausforderte. Kirmes unterm Korb.

Aber nun Profi-Basketball in Wolmirstedt? Das ist nochmal eine ganz andere Hausnummer. Jetzt drehen sie durch, meinten einige. Wie soll das gehen? Und wer soll das bezahlen? Die Macher mussten sich seinerzeit so manch skeptischen Blick gefallen lassen. Aber sie ließen sich nicht beeindrucken. Denn: Sie hatten einen (sicher ambitionierten, aber durchaus machbaren) Plan. Und der stützte sich, grob umschrieben, auf zwei Pfeiler: Zum einen alle Ressourcen der Region bündeln, zum anderen die einheimische Wirtschaft für das Unternehmen begeistern. Und als sich 2016 das in der Stadt ansässige Unternehmen Segment-Behälter-Bau, dessen Kürzel SBB der Verein seither in seinem Namen trägt, als Hauptsponsor vor den Zug spannte, wurde aus der vermeintlichen einstigen fixen Idee ein ganz konkretes Ziel.
„Corona hätte uns im Frühjahr noch einmal fast alles kaputtgemacht“, sagt Uhlemann, der im Management des Unternehmens (das Löschwassertanks für Kunden aus aller Welt fertigt und montiert) tätig ist. „Aber Gott sei dank! sind uns die Sponsoren treu geblieben.“ Als der Verband dann eine Play-Off ausschrieb, warfen die Wolmirstedter ihren Hut in den Ring. Das Ergebnis ist bekannt: Ende Juni wurde der Aufstieg in den deutschen Profi-Basketball begossen. Damit die Stadt daran Anteil nehmen konnte, war extra der Balkon der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaft hergerichtet worden.

Nach dem Feiern begann jedoch bald der Ernst des neuen Liga-Lebens. Da kannte Headcoach (wie der Cheftrainer bei den Korbjägern genannt wird) Eiko Pottgast keine Gnade. Montag bis Freitag wird trainiert, täglich drei Stunden. Sonnabend steht in der Regel eine Partie an, sonntags ist frei. Einen Kader von zwölf Athleten hat der erst 30-jährige Trainer, der seit 2018 in Wolmirstedt unter Vertrag steht, zusammen. Allesamt – da redet das Management auch nicht lange drumherum – Profis. Mit diesem Status geht man bei SBB offen und unverkrampft um. „In dieser Spielklasse“, so Uhlemann, „kannst du auch nur so bestehen.“ Neben dem Salär stellt der Verein jedem ein Auto und eine möblierte Wohnung. Zwei, drei der Spieler besitzen sogar schon Erstliga-Erfahrungen. „Natürlich nicht als Stammkräfte und nicht in Spitzenteams“, bremst Potthast zu hohe Erwartungen an seine Mannschaft, die sich aus Aktiven aus vier Nationen zusammensetzt: Deutschland, USA, Lettland. Und ein Shooter aus dem Kosovo, der über 250 Länderspiele aufzuweisen hat. 17 ist der Jüngste, 31 der Älteste, das Durchschnittsalter liegt bei 26 Jahren.

Selbst wenn es sich bei den SBB Baskets um einen Aufsteiger in den Profi-Basketball handelt, nur kleine Brötchen will man da oben längst nicht backen. Als sich das Team Mitte September mit Sponsoren und Unterstützern zur großen Eröffnungspräsentation (bei der sogar DJ Tomekk auflegte) traf, hielt Uhlemann mit den Erwartungen denn auch nicht hinter dem Berg: „Wir wollen in unserer Zwölfer-Nordstaffel auf jeden Fall die Play-Off erreichen.“ Was danach komme, sei ein Geschenk. „Mit dem Abstieg wollen wir jedenfalls nichts zu tun haben.“

In dieselbe Kerbe schlägt Steven Monse. Der einst selbst beim oftmaligen deutschen Meister Alba Berlin aktive Sohn des 2017 im Alter von 49 Jahren verstorbenen Magdeburger Berufsboxers Rene Monse ist im Vorstand direkt für das Team zuständig. Neben dem Play-Off-Ziel (für das ein Platz unter den ersten acht nötig wäre) verfolgt er noch einen anderen Gedanken: „Von dem erfolgreichen Auftreten der Mannschaft erhoffen wir uns auch einen weiteren Aufschwung in der Jugendarbeit. Wir freuen uns über jedes Kind, das zu uns in die Halle kommt.“ Potthast ergänzt: „Wir gehen mit dem Team in die Schulen, leiten Arbeitsgemeinschaften an.“ Noch ein anderer Gedanke klingt in diesem Zusammenhang hochinteressant: Da die „Geschäftssprache“ im Basketball weltweit Englisch ist und das Coaching bei den SBB Baskets demgemäß generell in dieser Sprache abläuft, bieten sie Schulen an, Training und Englisch-Unterricht auf spielerische Weise zu verknüpfen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist es nötig, auf ein Konstrukt zu verweisen, mit dem man in Wolmirstedt neue Wege im Sport und in der Sportförderung zu gehen versucht. Und in dem die „Ohre-Riesen“, wie sie in der Stadt auch genannt werden, natürlich eine zentrale Rolle spielen. 2019 wurde ein „Leistungszentrum für Sport, Marketing und Bildung“ eröffnet. Verschiedene Randsportarten in der Region sollen so unterstützt und gefördert werden. Ja, richtig, Randsportarten! Eben einmal nicht Fußball oder Handball. Das Zentrum kümmert sich dabei um Vermarktung und Organisation.

Möglich ist das alles erst geworden, weil die SBB-Macher in den letzten Jahren ein leistungsfähiges Team von Wirtschaftspartnern, Unterstützern und Sponsoren um sich scharten. Deren Zahl schnellte binnen kurzer Zeit von 45 auf inzwischen 100 in die Höhe. „Unser Leistungszentrum bietet den Unternehmen ein vielschichtiges Netzwerk“, erläutert Uhlemann. „Wir wollen Türen öffnen.“ Außerdem verfolge man das Ziel, den Bekanntheitsgrad der Partner sowohl regional als auch überregional zu erhöhen. „Ohne dass die“, heißt es in einem Werbeflyer, „eine komplette Marketingabteilung bezahlen müssen.“

Athleten aus sieben verschiedenen Sportarten werden inzwischen vom Leistungszentrum betreut: Neben den Riesen-Kerls unter den hochhängenden Körben gehören dazu unter anderem Sachsen-Anhalts einziger Profi-Automobilrennfahrer Dominique Schaak, der bisher für den SCM startende Diskuswerfer und Tokio-Olympionike David Wrobel, das La-Onda-Radteam sowie der MMA-Profifighter Niklas Stolze. Hinzu kommen noch Fechter und eine Springreiterin. Ein ganz und gar nicht unwichtiger Nebenaspekt der ganzen Sache: Die Abwanderung junger talentierter Sportler in andere Regionen soll verhindert werden.

Die SBB Baskets entwickelten sich mittlerweile zu einem richtigen Zuschauermagneten – mit Cheerleadern und allem Drum und Dran. Da kann so mancher höherklassige Fußballverein nur neidisch werden. Die Zahl der Besucher verdoppelte sich nahezu. Zwischen 600 und 700 Zuschauer strömten im Schnitt in der zurückliegenden Saison zu den Spielen in die „Halle der Freundschaft“. Sie kommen nicht nur aus der Stadt und dem Bördekreis, sondern auch aus Magdeburg, Barleben und Schönebeck. Schon vor zwei Jahren, als man noch in der Regionalliga auflief, hatte Vorstandsvorsitzender Uhlemann betont, dass die Baskets sich „zukünftig als feste Größe im deutschen Basketball präsentieren“ wollen. Nun, der erste Schritt dazu ist mit dem Aufstieg auf jeden Fall erst einmal vollzogen. Ende September setzten die Riesen sogar noch einen drauf: Beim allerersten Auftritt im berufsmäßigen Basketball feierten sie bei den Giants Düsseldorf einen vielumjubelten Auswärtssieg.

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