Kleingarten und große Bühne

Sein Jubiläumsjahr hat sich Michael Günther Bard anders vorgestellt. Seit 30 Jahren erfreut er das Publikum auf den Bühnen im In- und Ausland, hat in Magdeburg unter anderem als „Achim“ Kultstatus erreicht. In ernsthaften Rollen weiß er ebenso zu glänzen wie in Komödien. Die Auswirkungen der Pandemie stellen auch ihn vor völlig neue Herausforderungen. | Von Birgit Ahlert

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Wenn die Kammerspiele Magdeburg Inszenierungen ihrer Reihe „Olvenstedt probiert’s“ auf die Bühne bringen, verkaufen sich die Eintrittskarten dafür wie die berühmten „warmen Semmeln“. Die Theaterstücke, auf die Region maßgeschneidert geschrieben vom Magdeburger Autor Dirk Heidicke, haben Kultstatus. Neben Susanne Bard ist er von Beginn an dabei und seine Rolle „Achim“ ist maßgeblich für den Erfolg. Seit der Gründung 1998 erfreut sich die Theaterserie bis heute größter Beliebtheit und wird mittlerweile sowohl im Sommer als auch im Winter mit neuen Inszenierungen fortgeführt. 2020 wurde – trotz aller zu überwindenden Schwierigkeiten durch die Corona-Schutzverordnungen – „Rusalka & Arielle“ erfolgreich auf die (Freiluft-)Bühne gebracht. Für die Winterfolge hat sich das Ensemble „Die Verwandlung“ von Franz Kafka vorgenommen. Für Dezember sind die Aufführungen geplant. Die Proben laufen, obwohl derzeit ungewiss ist, ob die „Corona-Verordnungen“ erneute Veranstaltungsverbote bringen werden.

Doch Michael Günther Bard lässt sich nicht so leicht entmutigen. Barrieren sind Herausforderungen, denen er sich stellt. Wahrscheinlich ist er gerade deshalb so ein brillanter, wandlungsfähiger Schauspieler geworden.

In die Wiege gelegt wurde ihm die Schauspielerei nicht. Seine bodenständigen Eltern hatten fünf Kinder. Ins Theater gingen sie nie. Stattdessen hat Michael Günther als Schüler anderes ausprobiert, Sportliches. Er ging zum Judo, stand beim Fußball im Tor und trainierte letztlich Eisschnelllauf. In seiner Geburtsstadt Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. „In derselben Halle, in der in der Mitte Kathi Witt und Anett Pötsch trainiert hatten“, sagt er mit Stolz in der Stimme. „Das war schon was.“ Aber doch noch nicht das Richtige. Wer die Vielseitigkeit des Künstlers heute auf der Bühne erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass er Gefallen daran hatte, immer im Kreis zu kurven. Doch was passt besser? Das wurde ihm deutlich, als er erstmals das Schauspielhaus betrat. Bei diesem ersten Theaterbesuch war er bereits 15 Jahre. Seitdem stand für Michael Günther fest: DAS ist es! Wie hypnotisiert verfolgte er die Handlung, völlig fasziniert. Auf der Bühne: „Mutter Courage und ihre Kinder“ mit Angelika Böttiger und Ulrich Mühe. Michael wusste: Das will ich auch! Später, so sagt er dann lachend, erklärte ihm die Leiterin des Pioniertheaters, dem er sich angeschlossen hatte, dass er im Beruf des Schauspielers keine Chance habe. Aber er solle es ruhig versuchen. Sie half ihm auch dabei, Monologe zu üben. Denn Michael hatte in der Zeitung „Junge Welt“ einen Aufruf gelesen: „Wer will Schauspieler werden?“ Er bewarb sich. Es gab eine Vor-Eignungsprüfung, vor dem eigentlichen Aufnahmetest fürs Studium. Beim ersten Mal ist er krachend durchgefallen. Das weckte erst recht seinen Ehrgeiz. Er kämpfte. Und schaffte es.

Zuvor hatte er kleine Auftritte, die ihm vom Chef der Statisten des Theaters vermittelt worden waren. Wohl mehr als Freundschaftsdienst, war dieser doch Gartennachbar seiner Familie. Auf der großen Bühne stand er erstmals im „Faust“, mit Horst Krause und erneut Ulrich Mühe. In der Walpurgisnacht wurde der junge Michael zum Teufelchen, im „Hauptmann von Köpenick“ Soldat. Jeder Auftritt brachte Glückgefühle. Als dann einer der Schauspieler ihn jenseits der Bühne grüßte, „ging die Sonne auf“, erinnert er sich und strahlt ebenso.
Gelernt hat er jedoch zunächst den Beruf eines Instandhaltungsmechanikers am VEB Webstuhl Bau Karl-Marx-Stadt. Das sei eine „harte Schule“ gewesen zwischen den Arbeitern. Michael Günther schmunzelt, als er darüber erzählt. Gelernt hat er viel, vor allem über das Leben der Arbeiter. Ohne diese Erfahrung könne er heute wahrscheinlich nicht so überzeugend den „Achim“ geben, meint er augenzwinkernd. Die Arbeit jedoch war nicht das Seine, er bezeichnet sie sogar als relativ furchtbar. Seinen Ausgleich fand er im Theater, das er besuchte so oft es möglich war.
Seinen ersten künstlerischen Vertrag bekam er dann 1985 am Thomas Müntzer Theater Eisleben als Regieassistent mit Spielverpflichtung. Ab 1986 studierte er Schauspiel an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, das ihn 1988 ans Studiotheater nach Magdeburg führte. „Damals dachte ich: Hier bin ich gleich wieder weg“, erinnert er sich lachend. Denn es kam anders. Mit der politischen Wende ergaben sich kreative Möglichkeiten an den Freien Kammerspielen bei Intendant Wolf Bunge. Unter seiner Leitung entstanden u. a. die ersten Inszenierungen von „Olvenstedt probiert’s“. Auch wenn es Michael Günther später an andere Theater verschlug – nach Bern und ans Staatstheater Wiesbaden, wo er zunächst Gastspiele gab, später fest engagiert wurde. Er spielte den Antonius in „Antonius und Kleopatra“, Othello, Agamemnon, Bruscon in Bernhardts „Theatermacher“ oder Goethe in „Lotte in Weimar“ und vieles mehr. Gastspiele führten ihn zu Theaterfestivals nach Peking, Zypern und Bulgarien. Für seine Darstellung als „Herr Paulmann“ in Ulrich Hubs Uraufführung „Remind to forget“ wurde er in Pristina als bester männlicher Schauspieler ausgezeichnet.

Zudem spielte Michael Günther fürs Fernsehen. Gute Erfahrungen nennt er die Filmaufnahmen. Doch das sei nicht so seins, sagt er. Er könne sich weder sehen noch hören. Kaum vorstellbar für Zuschauer, die seine Darstellungen lieben, seine Wandlungsfähigkeit. Schlüpft der Schauspieler doch so gekonnt in andere Charaktere, dass er mit ihnen verschmilzt, ein anderer Mensch wird.
Zu erleben war er beispielsweise in der Serie „Soko Leipzig“, in „Bader“, gastierte bei „Löwenzahn“ und wer genau hinsah, konnte ihn auch im Magdeburger „Polizeiruf“ entdecken. Sein Herz gehört jedoch dem Theater. „Theater ist für mich wie Weihnachten“. Bei diesen Worten fangen seine Augen dermaßen an zu leuchten, als hätte er zum ersten Mal in seinem Leben einen geschmückten Weihnachtsbaum und Geschenke gesehen. Geschenke. Jede Rolle ist ein Geschenk. Eins, das er genießen kann, auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist. Erst recht mit eigenem Theater. 2014 kehrte er mit seiner Frau Susanne Bard aus der Schweiz zurück nach Magdeburg, ihre gemeinsame künstlerische Heimat, in der sie auch zwischenzeitlich immer wieder gastiert und mit „Olvenstedt probiert’s“ bereits Kultstatus hatten. Allerdings hatte auch ein Fernsehprojekt gelockt: eine geplante ZDF-Serie, für deren Anreise Magdeburg perfekter Ort schien. Auch wenn die Serie letztlich nicht zustande kam, für Magdeburg war es ein Glückstreffer: Die Kammerspiele Magdeburg wurden als freies Theater gegründet und erfreuen das Publikum seither mit immer wieder beeindruckenden Aufführungen sowie Kooperationen wie mit Jörg Schüttauf („Abraham“) oder dem Theater an der Angel (für „Enigma“ gab es den Monica-Bleibtreu-Preis).

Michael Günther Bard (mittlerweile mit Susanne Bard verheiratet) sucht immer wieder nach neuen Herausforderungen. Aus Genre-Grenzen auszubrechen, mit anderen Künstlern kreativ zu sein, um Neues, Überraschendes auf die Bühne zu bringen, dafür steht das Ensemble der Kammerspiele Magdeburg. Um das Publikum immer wieder zu überraschen. Auch um Kräfte zu bündeln, ja. Mit anderen Künstlern gemeinsam wurden mögliche Projekte erarbeitet, um sich für die „Kulturhauptstadt Magdeburg“ zu engagieren. Vergeblich allerdings, verrät Michael Günther Bard, denn die Organisatoren habe das nicht interessiert. Unabhängig davon gibt es weitere Zusammenarbeiten wie mit der Magdeburger Zwickmühle, bei denen Michael als Regisseur tätig wurde und Susanne Bard erfolgreich mit Kabarettist Hans-Günther Pölitz auftrat.

Allein in diesem, seinem 30. Bühnenjahr, hat Michael Günther Bard eine große Bandbreite schauspielerischer Vielseitigkeit geboten: neben „Olvenstedt probiert’s“ emotional ergreifend in „Elling“, traumatisiert und zwielichtig in „Jeanny oder Falk&Falko“, ernsthaft mit satirischen Zügen im Jubiläumsstück „Dieter und der Wolf“.

Bei allem Erfolg und aller Liebe zur Kunst bringt die Corona-Saison den Schauspieler wie das gesamte Theater an die Grenzen. Der erste „Lockdown“ konnte noch irgendwie überbrückt werden, erzählt der 53-Jährige. Die Auftrittsbeschränkungen haben viele ins Grübeln gebracht. Wie geht es weiter? Wird das Theater zu erhalten sein? Wie werden wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können? An die Stelle der Bühne trat Gartenarbeit, säen, pflegen, ernten. Vielleicht müssen wir uns ja künftig selbst versorgen, sinnierte der Künstler. Die zwischenzeitlichen Lichtblicke verdunkelt der erneute „Lockdown“. Wie also weiter? Darüber wird Michael Günther Bard als Vertreter der Kammerspiele Magdeburg in der Late-Night-Show „noahmt“ berichten: Am Freitag, 27. November, ist er der Gesprächspartner der Kabarettbrüder Hengstmann. Live zu erleben ab 20 Uhr im Internet über die Facebook-Kanäle von wirsindmd, Hengstmanns Kabarett und „kompaktzeitung“ sowie bei Youtube auf dem Kanal von „magdeburgkompakt“.

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