Dienstag, November 29, 2022

Klosterquartier Prämonstratenserberg

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Visionen für eine neue Urbanität an der alten Stadtmauer

Geschichtliche Spuren sind seit der Gründung Magdeburgs an der Elbe vor über tausend Jahren (805) in großer Dichte vorhanden. Vielfach sind sie erforscht, aber viele ruhen noch in der Erde. Tausend Jahre, ein Zeitraum, der nur schwer vorstellbar ist. Jedoch das menschliche Gedächtnis überbrückt mit Sagen, Märchen und Geschichten scheinbar mühelos diese Zeitepoche. Ahnen erzählten es den Urgroßeltern, diese den Großeltern und Eltern, die Eltern den Kindern und Enkelkindern … und diese werden es hoffentlich weitererzählen.

Das Prallufer der Elbe – das Vorland vor der eigentlichen Stadt – war unbesiedelt und wurde immer wieder überschwemmt. Außerhalb der Stadtmauer gab es nur gärtnerische Nutzung, Klostergärten, Möllenvogteigarten und Suburbium (Sudenburg) mit ein paar Fischern am Rande der Elbe – so auch meine Vorfahren mütterlicherseits.

Neben der Lage der verschiedenen Elbarme, der Flussübergänge und der urwüchsigen Überschwemmungsgebiete prägt der landschaftliche Gegensatz zwischen Ost- und Westelbien, zwischen Slawen und Christen, zwischen Land und Stadt. Wie beeindruckend plastisch wahrnehmbar ist noch heute die Stadtkrone Magdeburgs mit dem Dom – oft aus weiter Ferne auf dem Hellweg (heutige B 1) zum Greifen nahe.

Die Stadtmauer Magdeburgs gestern, heute, morgen

Studium an der Universität Hannover, Diplom 1970. Danach bis 1974 Forschungsaufträge für den Vorderen Orient. 1975 Promotion, freier Architekt. 1993 – 2008 Leiter des Stadtplanungsamtes Magdeburg, diverse Veröffentlichungen, Herausgeber der Schriftenreihe des Stadtplanungsamtes, ca. 120 Veröffentlichungen und Beauftragter IBA 2010 mit vielen einzelnen Objekten, Tafeln und dem IBA-Pfad in Magdeburg. Mitglied der Architektenkammer und ehemals des Präsidiums der DASL.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der natürliche Überschwemmungsraum vor dem eigentlichen Domfelsen und dem Prallhang mit drei bis vier Meter mit Sand, Mutterboden und Schutt aufgefüllt. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäude wurden eingeebnet und das Prallufer erhielt eine neue Mauereinfassung, so hoch, dass oft die Elbe nicht mehr zu sehen, geschweige denn anzufassen ist. 

In dem Buch „Dann färbte sich der Himmel blut-rot …“ beschreibt Dr. Matthias Puhle 1995 die Situation der Stadt wie folgt: „Der 2. Weltkrieg, den Deutschland mit seinem Einmarsch in Polen am 1. September 1939 begann, kehrte sich mit zunehmender Dauer gegen Deutschland selbst und endete mit dem Untergang zahlreicher alter deutscher Städte. Mit dem Kriegsende (8. Mai 1945) brach auch die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus, die 1933 begonnen hatte, zusammen.“ Der zweite Weltkrieg, vielmehr die Bombenangriffe des 16. Januars 1945 haben Magdeburg zerstört und wieder war die Kraft, der Wille bei den Menschen vorhanden, die Stadt aufzubauen. 

Gisela Höltge (die Schwester meiner Mutter Edith Peters geborene Kachholz) und die Eltern Kachholz schreiben aus der Evakuierung in Genthin an alle Verwandten am 20. Januar 1945: „Durch den Terrorangriff vom 16. Januar (1945) gegen 22:30 Uhr ist ein ganz erheblicher Teil Magdeburgs völlig zerstört worden. In dem Stadtgebiet von der Moltkestraße bis zum Neustädter Bahnhof und von der äußeren Wilhelmstraße bis zur Elbe stehen nur noch Ruinen. Als einziges Wahrzeichen steht der Dom. Alle Straßen liegen in Schutt und Asche. Erst heute erfuhren wir, dass Tante Edith (Patentante meiner Mutter) und Tante Lisbeth leben, sie sind in unsere Wohnung in der Otto-von-Guericke-Straße (heute 59 a) eingezogen, die glücklicherweise nur leichte Fenster- und Türschäden erlitten hat. Über die Wohnung von Tante Edith (Pfarrhaus Heiligegeiststr.) wissen wir nichts Näheres“. 

Der Wiederaufbau Magdeburgs dauert nun schon nahezu acht Jahrzehnte, noch heute ist er nicht abgeschlossen. Alten, ganz alten Magdeburgern ist die heutige Stadt fremd, nicht nur wegen der Architektur, sondern auch wegen der vielen Freiräume, wie zum Beispiel am Kloster Unser Lieben Frauen, in der Regierungsstraße am Bärplatz und auch, das Magdeburg nicht mehr direkt an der Elbe liegt. 

Nach der Zerstörung großer Teile der Altstadt im Zweiten Weltkrieg beginnt der Wiederaufbau 1953 am sogenannten „Bärbogen”. In den 1950er Jahren werden zunächst die westlichen und östlichen Randbereiche des Breiten Weges mit fünf- bis sechsgeschossigen Gebäuden bebaut, anschließend entstehen die sieben- bis achtgeschossigen Wohn- und Geschäftshäuser an der heutigen Goldschmiedebrücke. Die viergeschossige Wohnbebauung westlich gegenüber dem Kloster bilden in den 1960er Jahren den vorläufigen Abschluss. Anfang der 1970er Jahre entsteht das ehemalige „Hotel der Bauarbeiter“ östlich der Regierungsstraße. 

Im Klosterumfeld, am Prämonstratenserberg und im Bereich „Am alten Brücktor“ soll zukünftig mit einem neuen Quartier an der Stadtmauer wieder die historische Struktur entstehen. Durch ergänzende, kleinteilige Bebauung sollen die Straßen räumlich gefasst werden. Für dieses Gebiet zwischen dem Allee-Center, der Stromelbe und dem Kloster Unser Lieben Frauen ändert (erweitert) die Landeshauptstadt Magdeburg den vorhandenen Bebauungsplan Zentraler Platz/Elbufer (2004) entsprechend dem Beschluss des Stadtrates aus dem Jahre 2021. 

Mit dieser geplanten kleinteiligen Bebauung im Umfeld der Regierungsstraße bietet sich eine Chance, ein Stück historisches Magdeburg wieder entstehen zu lassen. Neben moderner Bebauung könnten ausgewählte historische Gebäude rekonstruiert werden, um so der Magdeburger Innenstadt an der alten Stadtmauer ein Stück ihrer Identität wiederzugeben.

Ziel ist es, das Klosterquartier, den Bereich vor dem Hochhaus und dem Vitanas Demenz Centrum am Schleinufer städtebaulich neu zu ordnen und den Hauch der geschichtlichen Wurzeln wieder zu verspüren: 

  • Freilegen der historischen Stadtmauer
  • Hervorheben des ehemaligen Stadtgrundrisses durch Neufassung der unterirdisch noch vorhandenen Straßenräume
  • Akzeptanz und Integration der vorhandenen Bebauung unter Würdigung der Denkmalsubstanz
  • Schaffen von Flächen für den ruhenden Verkehr (oberirdisch, unterirdisch,  Verlängerung Fürstenwall)
  • Herstellen eines differenzierten Netzes von Wegen, Straßen, Plätzen und Freiflächen

Die Grabungsberichte der Archäologen, die Bauakten des Stadtarchivs Magdeburg, die historischen Stadtpläne und Chroniken geben detaillierte Einblicke über die Vielfalt der Räume und Bauten, enge Gassen, kleine Plätze oft schiefwinklig mit Vor- und Rücksprüngen. Da für diesen Bereich an der Stadtmauer nur wenig Material vorliegt, sind durch das Stadtplanungsamt anhand von Archivunterlagen und Bauakten Informationen zu der historischen Bebauung an diesem Standort zusammenzutragen (s. auch Peters, Magdeburg lebt auf – Visionen einer Stadt, 2021, S.204-217). Diese baugeschichtlichen Untersuchungen, konkrete Gebäude, Stadtmauern, Stadtraum, Stadtgrundriss tragen zum Verständnis des Ortes bei und dienen gleichzeitig als Grundlage für die Neuinterpretation dieser historischen Situation. 

Nichts war rechteckig und einheitlich, ob im Grundriss, in den Parzellen oder Ansichten. Grundsätzlich befanden sich in den Vorderhäusern im Erdgeschoß Läden, dahinter Werkstätten, dann oft enge Innenhöfe als Negativform weiterer Nebengebäude in anleimender (agglutinierender) Bauweise, über Jahrhunderte entstanden. Keine Straße, kein Haus, kein Hof glich dem anderen. Und doch können Altstädte mit ihrer vielfältigen Gestalt, Nutzung und Kleinteiligkeit heute wieder Leitbild für das zukünftige Stadtbild sein, nicht nur in Quedlinburg, Hildesheim, Münster, Lüneburg, Lübeck, Rostock und Dresden, sondern auch in Magdeburg im Jakobiviertel und am Prämonstratenserberg.

Schnell wird deutlich, dass zur Umsetzung der oben genannten Ziele im Vorfeld der Planung stadtbaugeschichtliche Untersuchungen auch unter den denkmalpflegerischen und archäologischen Aspekten notwendig sind. In zahlreichen Bereichen Magdeburgs sind trotz anderer oberflächiger Nutzung die Keller der Vorkriegsbebauung im Untergrund noch fast vollständig erhalten (z. B. Magdeburg Buttergasse, Remtergang, St. Sebastian, Zentraler Platz, Nord-LB, Breiter Weg). Solche Keller sind steinerne Zeugen der Stadtgeschichte, sie sind aber auch als städtebauliches Potenzial zu begreifen, da sie Anknüpfungspunkte für eine neue Bebauung darstellen können. 

Für den Gedankenaustausch über die zukünftige bauliche und funktionale Gestalt des Klosterquartiers an der Stadtmauer hat der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Willi Polte einige Wegbegleiter (Werner Kaleschky, Heinz-Joachim Olbricht, Dr. Eckhart W. Peters) eingeladen, mit dem Geschäftsführer Peter Lackner (WOBAU), den politischen Gremien, dem Beigeordneten Jörg Rehbaum, dem AIV, der Architektenkammer und dem Stadtplanungsamt Magdeburg über das neue Bauen an der Stadtmauer zu diskutieren.

Unter dem Eindruck der großflächigen, modernen Bebauung in der Innenstadt ist es mehrheitlicher Wunsch der politischen Gremien, im Geltungsbereich des Bebauungsplans eine kleinteilige, individuelle Bebauung zu ermöglichen. Durch die Nachverdichtung  unter folgenden Gesichtspunkten sollte die Chance genutzt werden, den Gang an der Stadtmauer zu einer Bummelmeile mit urbanem Flair zu entwickeln:

  • Bebauung mit Strukturen, die sich zum öffentlichen Straßenraum durch Kleinteiligkeit auszeichnen (orientiert an der ehemaligen Parzellenstruktur)
  • Differenzierte Geschossigkeit (max. vier)
  • Öffentliche Freiflächen mit Aufenthaltsqualität ohne Autoverkehr
  • Sprung über die Stromelbe mit der Verlängerung Brücke Gouvernementsberg (behindertengerecht, Fuß- und Radfahrverkehr)
  • Stadtbildprägende Gebäude als historische Zitate
  • Ruhender Verkehr unterirdisch und unter der Verlängerung Fürstenwall mit einer Brücke über den Gouvernementsberg bis zum Demenzzentrum
  • Bebauung des Parkdecks ECE

Diese Diskussionsgrundlagen, die Wiedergewinnung des Stadtraumes und die Schaffung von kleinteiliger Bebauung, orientieren sich an der Idee der traditionellen europäischen Stadt. Wenigstens in diesem Teilbereich der Innenstadt soll den kommerziell geprägten, großflächigen Stadtstrukturen eine andere städtebauliche Idee an der Fußgängerachse zwischen Kloster Unser Lieben Frauen und Johanniskirche entgegengesetzt werden.

Zu einer Informationsveranstaltung mit Eckhart W. Peters laden die Magdeburgische Gesellschaft und die Otto-von-Guericke Gesellschaft / Stiftung am 11. Oktober 2022 um 18 Uhr in die Lukasklause am Schleinufer 1 ein.

Text: Dr. Eckhart W. Peters, Seite 10/11, Kompakt Zeitung Nr. 218

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