Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Wie steht es um die Bühne in Sachsen-Anhalt? Die Unterstützung von Theatern
wird häufig als stiefmütterlich angesehen. Doch so schlecht steht es um die Gunst in
Sachsen-Anhalt gar nicht. | Von Thomas Wischnewski

Wie halten wir es mit dem Theater? Kultur, Theaterlandschaft, freie Szene – über diese Bereiche wird häufig gesagt, dass sie stiefmütterlich behandelt würden. Nie genügend Geld zur Verfügung stünde, sondern allen Ecken und Ende gespart und gekürzt würde. Doch mangelt es den Theatern im Land wirklich an Aufmerksamkeit, an finanziellen Fundamenten und Möglichkeiten für eine erfolgreiche Entwicklung? Die Theaterlandschaft und ihre gesellschaftliche Stellung soll hier anhand von Zahlen, Fakten und Argumenten näher betrachtet werden.

Die Corona-Pandemie mit ihren Folgen von Lockdown, Publikumsbeschränkungen und Aufführungsabsagen hat für eine Zäsur gesorgt. Und es gab die Hoffnung, dass mit Ende des letzten Lockdowns die Sehnsucht bei den Freunden des Theaters nach Bühnenbesuchen groß sei. Diese Hoffnung hat sich bisher nicht so erfüllt, wie man sich das in den Ensembles gewünscht hätte. Die Einschränkungen bei der Platzkapazität ist die eine Sache, doch offenbar werden die weniger zur Verfügung stehenden Sitze oft gar nicht gefüllt, weil die Nachweismaßnahmen für Impfungen und Tests nerven oder weiterhin die Angst vor der Infektionsausbreitung von COVID-19 groß ist.

Fassbare Anhaltspunkte über die Entwicklung deutscher Theaterbühnen können nur die Zahlen des Deutschen Bühnenvereins bis 2019 geben. In der Spielzeit 2008/2009 registrierte der Deutsche Bühnenverein in 888 öffentlichen Spielstätten insgesamt 65.508 Veranstaltungen. In der Spielzeit 2018/2019 waren es in 809 Theatern (private und öffentliche Bühnen) 65.995 Veranstaltungen. Die Saison 2010/2011 ragt in der Statistik mit 67.755 Aufführungen heraus. Ansonsten kann man ein relativ konstantes Niveau von regelmäßig über 65.000 Veranstaltungen erkennen. Übrigens brachten die sachsen-anhaltischen Ensemble in der Saison 2018/2019 insgesamt 3.751 Vorstellungen auf die Bühnen und zeigten damit über die vergangenen drei Jahre Kontinuität. Das einwohnerstärkste deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen brachte es in derselben Spielzeit auf 9.485 Veranstaltungen. Dort sanken die Aufführungen innerhalb von drei Jahren um rund 300.

Ein Blick auf die gezählte Mitarbeiteranzahl in deutschen Theatern zeigt, dass hier bisher nicht am Personal gespart wurde. Registrierte der Deutsche Bühnenverein 2009 insgesamt 38.788 festangestellte Theatermitarbeiter wuchs die Zahl in zehn Jahren auf 40.476 (2019). Auch beim abhängig beschäftigten künstlerischen Personal ist die Mitarbeiterzahl von 17.780 (2009) auf 18.104 (2019) gestiegen.

Interessant für Sachsen-Anhalt ist ein Ländervergleich über die Anzahl öffentlicher Spielstätten. Unser Bundesland rangiert im Deutschlandvergleich mit 62 Spielstätten nämlich an Platz 5 hinter Sachsen(79 Spielstätten). Nordrhein-Westfalen (127), Baden-Württemberg (107) und Bayern (103) sind die Spitzenreiter. Sogar die Bundeshauptstadt mit ihren knapp 3,7 Millionen Einwohnern (Sachsen-Anhalt knapp 2,2 Mio. Einwohner) kommt nur auf 38 Theaterspielstätten. Da sage noch einer, wir hätten hier keine Theaterkultur im Land. Selbst bei den sogenannten öffentlich subventionierten Bühnen steht Sachsen-Anhalt im Ländervergleich mit acht Theatern auf Rang 7, hinter Niedersachsen (9). In der Bundeshauptstadt existierten bis 2018/2019 zehn öffentlich finanzierte Bühnen. Zwischen Salzwedel und Zeitz wurden vor Corona 17.400 Theaterplätze (6. Platz im Bundesvergleich) angeboten. Berlin schafft es mit 17.640 nur einen Rang vor Sachsen-Anhalt.

Sowohl die Anzahl der Theaterspielstätten, die Mitarbeiter an Bühnen und die Aufführungen zeigen in der Entwicklung leicht nach oben bzw. untermauern eine statistische Konstanz. Zurück gehen indes die Besucherzahlen. Wurden in der Spielzeit 2008/2009 noch gut 5,6 Millionen Besucher von Schauspielen in deutschen Theatern gezählt, waren es 2018/2019 über 600.000 Zuschauer weniger. Der Theaterkultur fehlt es offenbar nicht an Rückhalt bei der staatlichen Finanzierung und beim Personal, sondern scheinbar eher an Theater-Konsumenten. Junge Erwachsene bilden einen Anteil von 27 Prozent der Theaterbesucher. Ruheständler, die häufig als die Hauptklientel der Zuschauer gesehen werden, machen 24 Prozent der Besucher aus. Singles scheinen indes kaum eine Zielgruppe für Theateraufführung zu sein. 72,5 der Single unter 49 Jahren geben an, nie ein Theater zu besuchen. Nur 2,6 Prozent dieser Gruppe besucht regelmäßig eine Bühne.

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