KOMPAKT SPEZIAL : Zerschlagung des Glaubens

Statt Zuflucht und Halt zu geben verschwanden unwiederbringlich innerhalb weniger Jahre zahlreiche Kirchen aus dem Magdeburger Stadtbild

Groß geworden bin ich mit einem einzigartigen Klang einer Stadt. Zum sonntäglichen Aufwachen in meiner Geburtsstadt Dresden gehörte ein spezieller Weckton. Das Konzert sämtlicher Kirchturmglocken der sächsischen Metropole ergab ein Klangbild, das bis heute in mir nachhallt. Jedes Mal, wenn ich durch die Landeshauptstadt Sachsens streife, wecken diese Töne Emotionen und Erinnerungen an die Kindheit.

Ursprünglich läuteten die Glocken in den Klöstern des Mittelalters. Ab dem 7. Jahrhundert ist der Tag in feste Gebetszeiten, sogenannte Stundengebete, eingeteilt. Dieses Gebetsläuten verbreitet sich auch in der Kirche. Morgens läuten die Glocken, um der Auferstehung Jesu zu gedenken, mittags, um an die Kreuzigung Christi zu erinnern. Das abendliche Läuten gilt der Geburt Jesu, der Menschwerdung Gottes. Die katholische Kirche bezeichnet das Läuten zu unterschiedlichen Tageszeiten als Angelusgeläut, bei dem Maria als Fürsprecherin angerufen wird. Ab der Reformation wurden die Gebete abgeschafft, die Glocken schlagen weiterhin – als Einladung zum Gebet für den Frieden, so eine Verordnung von 1540 in der steht: „Es soll forthin früh und des abends, wie auch bisher geschehen, pro pace geläutet werden, auf dass das Volk erinnert werde, um einen gemeinen frieden zu bitten.” Eins haben somit Kirchenglocken und heutige Wecker – etwa die Smartphone-Klingeltöne – gemeinsam: Sie erinnern uns an wichtige Termine. Der Wecker bewahrt davor, zu verschlafen und die Glocken erinnern Menschen an ihr geistliches Leben.

Das Klangbild Magdeburgs und die Stadtsilhouette erhielt eine herbe Zäsur nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit den verheerenden Bombenangriffen, die in der Altstadt 90 Prozent der Bausubstanz zerstörten, verstummten auch die zahlreichen Kirchtürme. Die sakralen Bauwerke, die der Bombenwucht anglo-amerikanischer Bomben trotzten, hatten gegen die Ideologie der neuen Machthaber dennoch keine Chance. Mit dem sozialistischen Wiederaufbau der Elbestadt verschwanden insgesamt zehn sakrale Bauwerke, davon acht Gotteshäuser und zwei bereits säkularisierte Gebäude. Die „Stadt des Schwermaschinenbaus” brauchte nach dem Geist der herrschenden SED-Parteiführung ein neues Antlitz nach dem Vorbild der Sowjetunion. Die vom Krieg gezeichneten Gotteshäuser wurden einfach gesprengt oder abgerissen und mussten Plattenbauten und breiten Aufmarschstraßen für Paraden weichen. Darunter war auch eine bereits vollständig wieder aufgebaute und in Nutzung befindliche Altstadtkirche, die Heilig-Geist-Kirche. Die Johanniskirche blieb bis 1996 Ruine. Wiederaufgebaut dient sie heute als städtische Konzert- und Veranstaltungskirche. Magdeburgs Altstadtstruktur wurde fast völlig ausradiert, die einstige Stadtansicht durch den Verlust von drei Doppelturmkirchen und fünf Einturmkirchen empfindlich ausgedünnt. Was Magdeburg in seiner mehr als 1200-jährigen Geschichte prägte, was den Menschen in schwierigen Zeiten Zuflucht und Halt gab, Schutz in Not und Gefahr versprach, verschwand innerhalb weniger Jahre von 1945 bis 1965 aus dem Stadtbild.

Erinnerungen an die verschwundenen Kirchen Magdeburgs finden die Besucher in der Wallonerkirche am Tränsberg. Der Meditationsweg „Verlorene Kirchen“ im Seitenschiff des Langhauses lädt ein, diesen Kirchen nachzugehen, die es nur noch als Abbildungen gibt. Bronzeabbildungen finden sich zudem an den Originalorten im Stadtbild wieder – eine Initiative der Magdeburgischen Gesellschaft e. V. Anhand der Kirchenmodelle und einer umfangreichen Dokumentation können die Besucher viel über das verschwundene Stadtbild erfahren und nachhaltig erleben. Der Meditationsweg macht dazu ein wenig nachdenklich. Aber auch wenn man vielleicht nur etwas Stille und Zeit zum Aufatmen sucht, ist man hier auf dem richtigen Weg, im passenden Raum. Probieren Sie es aus. Übrigens: Jeder der es möchte, kann am Ende des Meditationsweges in ein Gebet einmünden, am Nagelkreuz. Dort findet man das Versöhnungsgebet von Coventry. Das Langhaus der Wallonerkirche ist täglich von 10 bis 18 Uhr zu Gebet und Besichtigung geöffnet.

Die Besichtigung des Meditationsweges vor wenigen Tagen hinterlies bei mir Spuren. Es war nicht die kühle Luft und die schlichte Erhabenheit der Wallonerkirche in seiner Größe und Dimension, die Gänsehaut auslöste. Es war die Ehrfurcht vor dem einstigen geistlichen Reichtum der Elbestadt, vor der Schönheit seiner Kirchen. Und wenn ich heute die Glocken des Doms oder der Kathedrale St. Sebastian höre, lausche ich intensiver und finde ein Gefühl von Geborgenheit in meiner neuen Heimatstadt Magdeburg. Ronald Floum

Vielleicht gefällt dir auch