Kriegerisch – und was Corona noch so alles bringt

Der französische Präsident begann kürzlich seine Fernsehrede an das Volk mit den Worten: „Wir sind im Krieg!“ Damit meinte er die drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronakrise, vor allem die Ausgangssperre. Und jeder Bürger, der sich aus seiner Wohnung nach draußen begibt, muss jedes Mal ein vorgeschriebenes Formular auf Papier – auch handschriftlich wird akzeptiert – mit Angabe der Uhrzeit, des Grundes der Abwesenheit sowie des Transportmittels ausfüllen und unterschreiben, um es bei Kontrollen vorzeigen zu können. Andernfalls drohen Strafen von 135 Euro, bei Nichtbeachten im Wiederholungsfall 1500 Euro. Hund und Katze dürfen auch im Freien spazierengeführt werden, aber nicht ohne Formular!

Unsere Politiker sind jetzt besonders gefragte Leute. Kaum eine Talkshow im Fernsehen, bei der sie sich nicht zu Corona äußern müssen. Zusätzlich zu den gesundheitlichen Problemen schauen die Menschen verängstigt auf die wirtschaftlichen Folgen. Dazu erklärte dann Vizekanzler Scholz in seiner Eigenschaft als Finanzminister, er wolle die Bazooka hervorholen. Bazooka, was ist das? Nie gehört! Im noch aus der DDR-Zeit stammenden Duden kein Hinweis dazu, auch nicht im Fremdwörterbuch. Aber in neuen einsprachigen erklärenden Englisch-Wörterbüchern. Angesichts dessen, dass man immer mehr den Eindruck hat, die deutsche Sprache werde in Deutschland von der englischen verdrängt, erlauben wir uns, diese Wörterbucheinträge hier vollständig anzuführen. Oxford-Dictionary: Bazooka = anti-tank rocket-launcher; Longman-Dictionary: Bazooka = a long light gun that rests on your shoulder and is used for shooting at tanks. Die Herkunft des Wortes wäre unbekannt. Im ebenfalls einsprachigen erklärenden Französisch-Wörterbuch Le Petit Robert (Bazooka = Lance-roquette antichar) wird auf den englisch-amerikanischen Ursprung des Wortes mit der Jahreszahl 1942 verwiesen. Auf gut Deutsch, die Milliarden Euro zur Bekämpfung der negativen wirtschaftlichen Folgen der Epidemie sollen also wie eine Panzerfaust vor dem Unheil retten.

Epidemie, Pandemie – was ist da der Unterschied? Als Epidemie wird eine räumlich begrenzte, massenhaft auftretende Krankheit oder Seuche bezeichnet, während eine Pandemie sich auf mehrere Länder und Kontinente ausbreitet, so, wie es jetzt mit dem Coronavirus aussieht. Epidemie stammt vom griechischen Wort „epidemios“ = ‘im ganzen Volk, über das ganze Volk verbreitet’. Die Silbe pan-, wie in Pandemie, bedeutet „alles, allumfassend, auf Alles übergreifend“, so sind z. B. die Panamerikanischen Spiele eine Sportveranstaltung, zu der alle Länder des amerikanischen Kontinents eingeladen sind.

Was gibt es noch so für Wörter und Ausdrücke im Zusammenhang mit der Coronakrise? Sogenannte elektive Operationen. Während Schwerkranke sofort behandelt werden müssen, kann man bei anderen Eingriffen warten und die Operation elektiv vornehmen, d. h. der Zeitpunkt kann gewählt werden. „elektiv“ vom lateinischen „eligere“ = wählen, auswählen.
Wenn Patienten intubiert werden müssen, wird ein Tubus (lateinisch tubus = Röhre) in die Luftröhre eingeführt. Wichtig ist, dass die Kranken nicht kollabieren (lat. collabor = zusammenbrechen, einstürzen). Auch die vorgesehenen Maßnahmen der Bundesregierung sollen dazu dienen, dass die Wirtschaft des Landes nicht kollabiert, denn auch sie leidet unter den gerechtfertigten gegenwärtigen Zwangsmaßnahmen und ist, wie auch der Mensch selbst, vulnerabel (lat. vulneratio, vulnus = Wunde, Verwundung) geworden.

Was im Zusammenhang mit Krankenhäusern auch noch genannt wird, sind sogenannte Triagesysteme in der Notaufnahme. Das bedeutet, dass der Schweregrad der Erkrankung beziehungsweise der Verletzung von Notfallpatienten bei der Einlieferung innerhalb kurzer Zeit festgestellt werden soll. Ursprung des Wortes Triage ist französisch trier = sortieren, auslesen; le triage ist das dazugehörige Substantiv.

In Verbindung mit der Coronakrise entsteht bezüglich unserer deutschen Sprache quasi ein kräftiger Schub zur Bekanntmachung von Fremdwörtern und zur Übernahme von englischen Wörtern. Homeoffice, homeschooling, shut down, lock down, social distancing, hot spots – das sind Beispiele dafür. Für kritisch ist es zu halten, wenn davon “wörtliche Übersetzungen” vorgenommen werden, und dies betrifft besonders social distancing. Hier handelt es sich um einen “falschen Freund”! Eine „soziale Distanzierung“ würde im Deutschen bedeuten, dass sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen von Menschen von anderen Personengruppen absondern oder getrennt sein möchten. Hingegen ist social distancing schlicht und einfach das Einhalten des räumlichen Abstandes zwischen Personen zur Vermeidung von körperlichen Kontakten (Social distancing is a public health practice that aims to prevent sick people from coming in close contact with healthy people in order to reduce opportunities for disease transmission).

Nach dem Brexit, also dem Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union, werden nun schon Exit-Szenarien zur Beendigung der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Zwangsmaßnahmen diskutiert. In diesem Zusammenhang taucht der Begriff der Eurobonds oder gar Coronabonds auf. Nach der Finanzkrise vor über 10 Jahren wurde schon einmal über Bonds gesprochen. Gemeint sind Staatsanleihen, also Schuldscheine, die hier im Fall der EU durch die Europäische Zentralbank ausgegeben werden könnten. Seitens Deutschland wird die Ausgabe dieser Papiere abgelehnt, um, so wird argumentiert, nicht für die von anderen Mitgliedsländern verursachten Schulden mitverantwortlich zu sein.
Zum Glück für unsere Sprache gibt es auch noch (!) deutsche Wörter. So verkündete Gesundheitsminister Spahn: “Unsere Krankenhäuser sind gut aufgestellt.” Also nicht nur Fallen, Stühle, Betten, Leiter, Maschinen, Kandidaten oder Behauptungen werden aufgestellt, sondern auch Krankenhäuser, und die sind dann aber auch gut aufgestellt. Nicht so gut aufgestellt ist die deutsche Automobilindustrie in Sachen Elektromobilität, und ob unser Bankensystem im internationalen Vergleich auch gut aufgestellt ist, wird von manchen bezweifelt. “Gut aufgestellt” bedeutet also gut vorbereitet, gut eingerichtet, um die Challenge (wieder so ein vermeidbares Modewort!, anstelle Herausforderung zu sagen) zu bewältigen. Und wenn ein Minister Versprechungen macht, dann muss er “liefern”! Damit ist nun nicht gemeint, dass er Betten, Mundschutz, Schutzkleidung usw. an die entsprechenden Örtlichkeiten bringt, sondern dass er seine an ihn gestellten Forderungen erfüllt. Wenn Sie, liebe Leser, wieder einmal vor dem Fernseher sitzen und Streitgespräche von Politikern und Journalisten hören, dann können Sie gut verstehen, wer was liefern soll und wo etwas gut oder nicht gut aufgestellt ist.

Und wenn wir die ganze Corona-Pandemie überstanden haben und wieder frei reisen können, dann wird ein Denkmal wahrscheinlich mehr Besucher als bisher anziehen: die Pestsäule in der österreichischen Hauptstadt Wien. Bleiben Sie gesund! Dieter Mengwasser Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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