Künstler und Veranstalter auf der Suche nach Alternativen I Einblicke und Ausblicke in Magdeburg

Wir orakeln momentan“, sagt Ulrike Löhr, Geschäftsführerin des Kabaretts Magdeburger Zwickmühle, „aber wir wägen dabei die Möglichkeiten ab, wie wir aktiv sein können“. Nachdem sich um die 30 Vertreter der Magdeburger Kulturszene zunächst persönlich getroffen hatten, um über Perspektiven zu sprechen, tauschen sie sich nun via Video-Chat aus. Dabei geht es u. a. darum, wie unter „Corona-Bedingungen“ Auftritte möglich sind, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen, zu welchem Preis und wie die Umsetzung in der Praxis funktioniert. Da die Öffnung der Gastronomie beschlossen wurde, schöpfen nun auch die Künstler, Veranstalter, soziokulturellen Zentren und Klubbetreiber Hoffnung. Die ersten Maßnahmepläne und Sicherheitskonzepte liegen vor. Zum aktuellen Stand einige Beispiele:

In der Zwickmühle wurde der Saal weitestgehend beräumt, zwischen den Tischen ausreichend Abstand hergestellt. Platz haben nun ca. 40 Gäste, reduziert also auf ein Drittel der sonstigen Möglichkeit. Das klingt mehr nach Beschäftigung denn Verdienst, denn die Einnahmen würden kaum für die Honorare, geschweige denn für die Nebenkosten reichen – oder umgekehrt. Zudem müssen verstärkte Sicherheits- bzw. Hygienevorschriften umgesetzt werden, was zusätzlich kostet, von Plexiglas-Trennwand bis Möglichkeit für kontaktloses Bezahlen, Mund-Nase-Schutz-Angeboten, Desinfektionsmitteln und
-Verfahren, realisierbare Veranstaltungsgastronomie. Dafür werden gerade Angebote eingeholt, um die Kosten zu ermitteln. Solange der Spielbetrieb in Räumen noch untersagt ist, prüfen die Kabarettisten, inwiefern Auftrittsmöglichkeiten im Außenbereich in Frage kommen. Vielleicht im Freiraumlabor im Juni auf dem Breiten Weg, vor der eigenen Spielstätte in der Leiterstaße oder beim Kulturpicknick? Ob das dem Wunsch des Publikums nach einem Kabaretterlebnis entspricht, ist fraglich. „Wir prüfen, was möglich ist, in Magdeburg ebenso wie außerhalb.“

Während die Zwickmühler sich ab und an im Internet in Erinnerung bringen, ist die Kabarettfamilie Hengstmann fast täglich mit Clips zu erleben. Wenn auch momentan etwas zurückhaltender, denn die Proben für das Sommerkabarett haben begonnen. Die Premiere ist für den 11. Juni erneut im Technikmuseum geplant. Stehen dem Publikum dort normalerweise 240 Plätze zur Verfügung, ist nun eine Reduzierung auf 80 bis 100 Plätze notwendig. Das gehört zum Sicherheitskonzept. Weiterhin müssen organisiert werden: Plexiglaswände, ein mobiles Kartenlesegerät, zusätzliche Toiletten, Hygienemittel von Desinfektion bis Mundschutz … Kosten: rund 6.000 Euro. „Aber dafür haben wir ja weniger Einnahmen“, sagt Tobias Hengstmann und lacht. Galgenhumor? Die Frage, ob sich der Aufwand lohne, beantwortet der Kabarettist mit: „Wir spielen lieber so als gar nicht.“ Die Künstler scharren schon ungeduldig mit den „Hufen“, wollen raus, auf die Bühne zum Publikum! Geprobt wird derzeit jeweils in Corona-entsprechender Minimal-Besetzung im „Ka-rantähne“-Keller der Kabarettisten. Karten für die Sommer-Open-Air-Saison können telefonisch oder im Internet bestellt bzw. erworben werden.

Die Kammerspiele Magdeburg haben ihre Premiere des Sommertheaters „Olvenstedt probiert’s“ in den August verschoben. Bis dahin soll geklärt werden, ob das unter freiem Himmel mit der Hälfte des bisherigen Publikums möglich ist. In der Hoffnung, dass die höhenmäßig gestaffelten Zuschauerreihen einen ausreichenden Abstand bieten. Dürfte nur ein Drittel der Zuschauer eingelassen, aber zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen vorgenommen werden müssen, „wäre das unser Bankrott“, sagt Michael Günther Bard auf Kompakt-Anfrage. Die geplanten „Faust“-Vorstellungen müssen komplett entfallen, da die Einnahmen nicht einmal die notwendigen Ausgaben decken könnten. Die Premiere „Falcos Jeanny“ mit „Falco meets Amadeus“-Darsteller Axel Herrig findet später statt.

Auch das Theater an der Angel hat sich auf einen Spielbetrieb unter Corona-Bedingungen vorbereitet. Reduziert auf maximal 50 Gäste, die mit Abstand über zwei separate Eingänge Zutritt erhalten können, entsprechenden Mindestabstand und Kartenvorverkauf im Internet usw. Der Spielbeginn steht noch in Frage. Feststehend ist jedoch die Einladung nach Hamburg: Nominiert für den Monica-Bleibteu-Preis bieten Ines Lacroix und Matthias Engel „Jahre später – gleiche Zeit“ in Hamburg. Toi toi toi!
Als soziokulturelle Zentren haben Moritzhof, Feuerwache, Volksbad Buckau und Literaturhaus ein gemeinsames Sicherheitskonzept erarbeitet. So lange keine Veranstaltungen erlaubt sind, werden Auftritte in der Videoreihe „Hof on Air“ erlebbar – auf dem Moritzhof aufgezeichnet und im Internet übertragen. Noch ohne Publikum vor Ort, aber mit abwechslungsreichem Angebot regionaler Künstler. Das Streamen ist kostenfrei, wer die Künstler unterstützen möchte, findet im Internet Informationen zum Spendenkonto, dessen Erlös denjenigen der Freien Kulturszene zu Gute kommen soll, denen es durch die Corona-Krise besonders schlecht geht.

Währenddessen hat das Puppentheater die erste Tür geöffnet – die zur villa p., in der sich die FigurenSpielSammlung befindet. Möglich ist der Besuch jeweils Mittwoch bis Freitag 13 bis 18 Uhr, am Wochenende 10 bis 17 Uhr. Zunächst nur für Einzelpersonen und Familien, mit telefonischer Anmeldung und Mund-Nase-Schutz. Führungen sind derzeit noch untersagt, ebenso Gruppenbesuche. Welche Möglichkeiten es für den Spielbetrieb gibt und für das Internationale Figurenfestival, ist allerdings noch in der Schwebe. (ab)

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