Kultur macht das Land attraktiv

Der Berliner und Bostoner Wissenschaftsverlag De Gruyter hat sein Standardwerk zum
Kulturtourismus in einer vollständig neuen Auflage veröffentlicht. Die Herausgeber sind eng mit Sachsen-Anhalt verbunden: Prof. Dr. Axel Dreyer durch seine Professur an der Hochschule Harz in Wernigerode, Prof. Dr. Christian Antz als Kulturmanager in Magdeburg. Mit ihm sprach Beate Hagen.

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Beate Hagen: Herr Antz, welche Kulturstätte in Sachsen-Anhalt gefällt Ihnen denn ganz besonders?
Christian Antz: Nicht nur weil ich die Marken mit entwickelt und aufgebaut habe, kann ich die vielfältigen Kulturorte an der Straße der Romanik und in den Gartenträumen immer wieder weiterempfehlen.

Ist Kulturtourismus eigentlich noch zeitgemäß, also auch interessant für junge Leute, oder ist er eher etwas für die ältere Generation?
Kultur ist seit fast zwanzig Jahren das Leitthema für den Tourismus in Europa. Die über Jahrtausende gewachsenen Kulturstätten sind nicht reproduzierbar und deshalb authentisch. Und die jeweiligen Alleinstellungsmerkmale können mittels eines durchdachten Marketings zu Attraktionen für ältere wie für junge Menschen werden.

Also wird Kultur ein Zukunftsthema in Freizeit und Tourismus bleiben?
Ja, Kultur macht Deutschland und natürlich auch Sachsen-Anhalt auch in Zukunft attraktiv und einzigartig. Die Generation 60plus ist momentan zwar immer noch die Hauptzielgruppe für Kultur. Aber gerade die jüngeren Generationen, also die jetzt 20- bis 30-Jährigen, haben eine hohe Affinität zur Kultur, aber eben anders als ihre Eltern und Großeltern.

Wie verändern sich die Fragen der jüngeren Generation an die Kultur?
Die politischen, wirtschaftlichen oder klimatischen Krisen haben die jungen Menschen darüber nachdenken lassen, welchen Sinn sie ihrem Leben geben sollen. Ein Ausfluss ist zum Beispiel das Leitthema Work-Life-Balance, also die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Deshalb suchen die jungen Menschen auch Anknüpfungspunkte bei ihrer Suche nach Orientierung in ihrer Kultur: Werte, Erbe, Wurzeln, Identität oder Heimat. Kulturtourismus kann also dann attraktiv für junge Menschen sein, wenn auf ihre Fragen auch zeitgemäße Antworten gegeben werden.

Die Besucher werden also anspruchsvoller und individueller?
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Kulturtourismus wird weiterwachsen, aber immer ausdifferenzierter. Der Megatrend Individualisierung macht auch vor Kultur und Tourismus nicht halt. Kulturinteressierte suchen heute und in Zukunft erstens bei Kultur Freude und Genuss, trennen zweitens nicht mehr zwischen Hoch- und Alltagskultur und neigen drittens zum Kulturhopping – heute dies und morgen das. Deshalb beschreibt das Handbuch auch immer mehr Spezialmärkte des Kulturtourismus, von Architektur, ländlichem Raum, historischem Erbe, Industrie bis zu Kulinarik, Spiritualität, Gärten oder Literatur.

Ist Sachsen-Anhalt für den Wettbewerb der Reisegebiete im Kulturbereich gut aufgestellt?
Ja, Sachsen-Anhalt hat sich schon früh auf einen qualitätsvollen Mix aus Regional- und Markentourismus orientiert, war lange Zeit Vorreiter in Deutschland. „Straße der Romanik“, „Gartenträume“, „Himmelswege“ sind Marken, die Bewohner wie Gäste verinnerlicht haben und um die andere Länder Sachsen-Anhalt beneiden. „Luther“ und „UNESCO-Welterbe“ verstärken diese touristische Prägung als Kulturland. Aber Kulturtourismus und -vermittlung sind keine Selbstläufer: Qualitätsmanagement, Kommunikation mit den Orten oder Inves-titionen in die Objekte und für ein neues Publikum verlangen nach Kontinuität. Wer sich jetzt ausruht, wird die Kulturinteressierten der Zukunft an sich vorbeilaufen sehen. Die Zeit sollte jetzt für eine Angebots- und zielgenaue Marktanalyse genutzt werden.

Welche Bedeutung kann das UNESCO-Welterbe beim Wettbewerb der Kulturregionen spielen, gerade auch in Sachsen-Anhalt?
Wie die starken Marken des Tourismus in Sachsen-Anhalt wirken diese erstens nach innen, also in die Bevölkerung hinein. Ziel muss es sein – und nur dann verzeichnet auch der Kulturtourismus langfristig Erfolge –, wenn jeder Einheimische sich als Gastgeber sieht und stolz auf sein Kulturerbe ist. Das ist eine tiefgreifende kommunikative Aufgabe. Zweitens bedeutet die breite Landschaft des UNESCO-Welterbes in Sachsen-Anhalt einen Imagegewinn, der sich auch auf andere Gesellschaftsfelder auswirkt, wie auf Ansiedlungs- oder Wohnortentscheidung. Das Welterbe ist drittens also auch ein Wirtschaftsfaktor. Wie die Beispiele des Reformations- oder Bauhausjubiläums zeigen, sind dabei einerseits die Anstrengungen nach Ende eines Festjahres nicht zu Ende. Sie fangen erst dann an, wenn die Besucherzahlen wieder abnehmen und das Image verblasst. Andererseits darf auch in den UNESCO-Städten Kultur nicht singulär betrachtet, sondern mit der allgemeinen Stadt- und Kulturentwicklung als Einheit begriffen werden.

Welche Rolle spielen Städte wie Magdeburg und Halle für das Kulturland Sachsen-Anhalt?
Internationaler Städtetourismus boomt seit zwei Jahrzehnten in Deutschland, und auch die nationale Nachfrage nach Reisen in Klein- und Mittelstädten wächst. Und gerade hier haben Halle und Magdeburg große Chancen, sich weiter zu profilieren. Dabei ist es ebenso wichtig, Kultur, Shoppen, Essen und Trinken, Flanieren, also Leib und Seele als Einheit zu sehen.

Gerade hat Magdeburg den Wettbewerb zur Kulturhauptstadt 2025 an Chemnitz verloren. Sollte die Stadt nun wieder zum Alltagsgeschäft zurückkehren?
Auf keinen Fall. Viele strategische Planungen und investive Projekte sind im Kulturbereich angedacht und auf den Weg gebracht worden. Dazu zählen der Rahmenplan Innenstadt oder die Inwertsetzung der Stadthalle einschließlich des Parkumfeldes. Und der Wettbewerb der Städte in Mitteleuropa bezüglich Lebensqualität macht nicht halt, und er entscheidet auch über Forschung, Ansiedlung, Bevölkerung. Die Einheit von Hoch- und Alltagskultur macht die Zukunft der Stadt aus. Wie beim Rahmenplan Innenstadt bedarf es des Mutes des Neudenkens und des Orientierens an den Erfolgsfaktoren anderer Städte.

Wie lautet also Ihr Fazit zur Zukunft von Kultur und Kulturtourismus?
Kultur, Regionalität und Heimat werden die Treiber des Deutschland-Tourismus der 2020er Jahre sein. Dabei wird jedoch der Wettbewerb der Themen, Städte und Regionen härter werden. Das touristische Uraltvotum „Der Wurm muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken“, ist bei vielen Machern immer noch nicht angekommen. Hoch- und Alltags-, also Lebenskultur ist nicht mehr trennbar: nach dem Dombesuch in Magdeburg wäre ein schönes Mittagessen, ein Einkaufsbummel oder ein Ausruhen rund um den Domplatz eine willkommene Ergänzung. Kultur sollte also immer auch Vergnügen und Genuss bereiten.

Axel Dreyer/ Christian Antz (Hg.) Kulturtourismus. Berlin-Boston 2020 Lehr- und Handbücher zu Tourismus, Verkehr und Freizeit Verlag: De Gruyter, Oldenburg , ISBN 978-3-486-58258-1