Kunst, Glas und Hygiene

Obwohl zwischen den drei Begriffen Kunst, Glas und Hygiene auf den ersten Blick kein Zusammenhang besteht, gibt es doch einen. Die Pandemiezeit bringt ihn ans Licht. | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

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Die Pandemie ist nicht nur eine Zeit des Erduldens von Einschränkungen, sie hat auch unseren Lebensrhythmus entschleunigt. Dadurch haben wir Zeit zum Innehalten und Nachdenken geschenkt bekommen. Und außerdem, der Langsame sieht bekanntlich mehr, eine der Weisheiten, die uns der Bestseller „Die Entde-ckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny nahebringen will. Die Entschleunigung schärft die Aufmerksamkeit für Dinge, die diese unter normalen Umständen kaum gefunden hätten. Mir erging es so mit den Hygienewänden aus Plexiglas, die zum Schutz vor dem Coronavirus (Covid-19) mehr zwischenmenschliche Distanz schaffen sollen. Von diesen transparenten Wänden sprangen dann die Gedanken zu dem Kunstglas und der Glaskunst. Obwohl beide Wortschöpfungen die gleichen Wortbausteine enthalten, ist ihre Bedeutung durch die unterschiedliche Verknüpfung sehr verschieden.

Plexiglas – ein Kind des Zufalls

Plexiglas ist ein Kunstglas, das es seit rund hundert Jahren gibt. Ursprünglich sollte es künstlicher Kautschuk werden. Aber wie es der Zufall wollte, wurde eine Flasche mit dem flüssigen Rohstoff für den erwünschten Kautschuk unbeabsichtigt dem Sonnenlicht ausgesetzt. Dieses löste eine chemische Reaktion (Polymerisation) aus, die die Flasche zerstörte und dabei einen amorphen Kunststoffblock gebar. Der Ort des Geschehens war ein Labor in der chemischen Fabrik „Röhm & Hass“ in Darmstadt. Die Wiederholung der Polymerisation zwischen Scheiben aus herkömmlichem Glas war die Geburtsstunde der Plexiglasscheibe. Plexiglas ist auch ein Beispiel für unternehmerischen Mut, denn dass sich aus dem unansehnlichen Block etwas so Gebrauchsfähiges wie das Plexiglas herstellen lässt, lag ja nicht auf der Hand. Bei seiner Namensgebung floss der Sammelname für die Produktpalette der in der Darmstädter Fabrik hergestellten Kunststoff-Harze und -Lösungen – „PLEXIGUM“ – ein.

Plexiglas ist ein Kunstprodukt, aber nicht in einem abwertenden Sinn, denn es gelingt ja nicht jedem, dieses aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff zu erschaffen. Auch sein chemischer Name „Polymethylmethacrylat“ verleiht ihm die Aura des Besonderen. Und einer der benötigten Ausgangsstoffe, die hochgiftige Blausäure, sorgt für zusätzliche Exotik. Eine besonders originelle Werbung verdankt das Plexiglas Udo Jürgens, der 1983 auf dem Jungfraujoch (3454 m) auf einem Flügel aus Plexiglas spielte.

Mit Normalglas hat es gemein, dass es für den sichtbaren Teil des Lichtes durchgängig ist. Ebenso kann das Bluetooth-Signal eines mit der Corona-Warn-App aufgerüsteten Smartphones Plexiglas ungehindert passieren. Das allerdings kann unnötige Aufregung auslösen, denn die Hygienewand schützt uns ja eigentlich vor einem Infizierten hinter der Scheibe. Plexiglas hat im Vergleich zum Normalglas einige Vorteile: Es ist leichter, verschlingt bei seiner Herstellung weniger Energie, widersteht großer Kälte und zerbricht nicht zu bösartigen Scherben. Nach der Patentanmeldung (1933) machte es schnell Karriere in der Luftwaffe. Übrigens, wären die Kabinenfenster des Airbus aus Glas, dann würden diese in 10 000 m Höhe zerspringen. In den USA löste der deutsche Baustoff eine Kontroverse aus, nachdem das Monatsmagazin „Click“ im Juni 1941 behauptete, die Nazis verdienen am Bau amerikanischer Flugzeuge („Hitler gets a cut“). Es muss aber auch noch erwähnt werden, dass der polymerisationsfreudige Grundstoff (Methylacrylat) unverzichtbar für die Herstellung von Bindemitteln für Farben und La-cken ist.

Glas – die unterkühlte Flüssigkeit

Glas hat seinen Namen von dem germanischen Wort glasa, was so viel heißt wie „das Glänzende, das Schimmernde“. Allem Glas ist eigen, dass es in seinem Inneren wenig Ordnung gibt. Die molekularen Bausteine befinden sich in einem Zustand, der für Flüssigkeiten charakteris-tisch ist. Deshalb sagen die Physiker auch, Glas ist eine unterkühlte Flüssigkeit. Es wurde vor 4.000 Jahren im Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris (Mesopotamien) erfunden. Nach einer überlieferten Rezeptur werden für seine Herstellung 60 Teile Sand, 180 Teile Asche von Meerespflanzen und 5 Teile Kreide benötigt. Weil der Sand, die Asche und die Kreide erst bei über tausend Grad eine Schmelze bilden, konnten in der Antike nur winzige Gegenstände aus Glas hergestellt werden. Deshalb sind die bei archäologischen Grabungen ans Licht gekommenen kleinen Glasvasen Ausdruck von höchstem Luxus seiner Besitzer. Glas war bis in das späte Mittelalter hinein ein so hochgeschätzter Werkstoff, dass Seide und Gewürze aus Übersee mit Glasperlen bezahlt wurden. Auch Gold ließ sich mit Glasperlen kaufen.

Mit der Erfindung der Glasmacherpfeife, einem etwa 1,5 m langen Metallrohr mit Mundstück, erlebte die Glasherstellung einen sensationellen Aufschwung. Jetzt konnten aus dem flüssigen Glas kleine, runde Scheiben, die Butzen, hergestellt werden. Die bleigefassten Butzen waren die Bausteine der Fenster mittelalterlicher Repräsentationsbauten. Apropos Fenster, mit deren Gestaltung hat der russische Maler Marc Chagall Kunstgeschichte geschrieben. Wer schon einmal das Licht durch seine Fenster im Züricher Fraumünster hat fallen sehen, weiß wovon ich rede.

Zu meinen Kindheitserinnerungen an das Glas gehören auch die Flaschenteufel. Hatte man einen solchen in eine mit Wasser gefüllte Limonadenflasche eingesperrt und diese danach mit einer Gummikappe verschlossen, dann tanzte oder tauchte der Teufel je nach Art des Drückens auf den Verschluss. Aber diese Art des Spielens ist ja heute für Kinder längst nicht mehr zeitgemäß.

Gläserne Blume für den Palast

Glas machte früh Karriere in der dekorativen Kunst. Die Vasen, Weingläser, Karaffen oder Tiergestalten aus dem venezianischen Muranoglas sind ein Beispiel. Ein anderes ist die gläserne Jugendstilkunst von Emile Gallé. Er brachte es zur Meisterschaft mit dem Marmorieren und Einschmelzen von Gold- und Silberfolie in Glas, wofür er mehrere Goldmedaillen erhielt. Beim Anblick seiner Kreationen soll der große Erneuerer der Kunst des 20. Jahrhunderts van de Velde ausgerufen haben: „Die Glasarbeiten von Gallé lassen die Verse eines Baudelaire und Verlaine erstarren“. In Unkenntnis der von Radioaktivität ausgehenden Gefahr wurde Glas mit Uranoxid gelbgrün eingefärbt und erlebte so eine Hochzeit im Jugendstil. Fiel UV-Licht auf das Glas, dann strahlte es mit grüner Fluoreszenz zurück. Beim Glas muss ich auch oft an einen Franzosen denken, der es noch zu Lebzeiten in den Olymp der Maler geschafft hat. Henri de Toulouse-Lautrec, ein Nachkomme uralten französischen Hochadels, gilt heute als photographischer Maler, als Schöpfer der modernen Plakatkunst und zugleich als einer, der die Pariser Boulevards der Belle Époque mit Farbtupfern versehen hat. Mehr noch, trotz seiner aristokratischen Prägung galt seine besondere Aufmerksamkeit den Gestrandeten und Verachteten der Pariser Vergnügungslokalitäten, denen er mit dem Pinsel farbige Denkmäler schuf. Mit dem Glas verband ihn die Zerbrechlichkeit seiner Knochen. Er litt an der Glasknochenkrankheit, und damit unter der Unfähigkeit bestimmter Bindegewebszellen, ordentliches Kollagen zu bilden. Dieser Defekt war die Folge der Verarmung seines Genpools durch zu viele Verwandtenehen seiner Vorfahren. Als „Der Zwerg von Montmartre“ wandte er sich immer häufiger dem Absinth zu, der schließlich seinem Leben frühzeitig ein Ende setzte.

Auch Magdeburg hat einst mit Glaskunst viel Aufmerksamkeit gewonnen – mit der Gläsernen Blume. Dieses aus Glasblütenblättern, Edelstahl und Klebstoff gestaltete Kunstwerk hatte es bis in das Foyer des verblichenen Palastes der Republik geschafft. Dort war die über 5 Meter hohe und 5 Tonnen schwere Gläserne Blume seit 1976 unübersehbarer Botschafter unserer Stadt. Als neuer Standort war einer im Humboldt Forum angedacht. Da aber inzwischen der Kleber zwischen den Glasteilen alt geworden ist, hat der TÜV dazu kein grün gegeben. Ihr aktueller Besitzer ist das Bundesfinanzministerium, und in dessen Auftrag bewahrt das Deutsche Historische Museum die in ihre Einzelteile zerlegte Blume in einem Depot in Spandau auf.

Impulsgeber der Architektur

Glas wird heute in riesigen Mengen verbaut und gelegentlich entstehen dabei auch Hingucker. Ein früher war der in London für die 1. Weltausstellung (1851) gebaute Kristallpalast. Rund einhundertfünfzig Jahre später gesellte sich dort die „Gewürzgurke“ (The Gherkin) dazu. Das ist ein 180 m hoher Wolkenkratzer der Architekten Ken Shuttleworth und Norman Foster, der auf den Trümmern eines von der IRA zerstörten Gebäudes erbaut wurde. Etwas kleiner geraten, aber trotzdem ein Objekt der Bewunderung ist die aus rund 700 Glaselementen zusammengesetzte Pyramide im Innenhof des Louvre, der Eingangspforte zu den von französischen Königen zusammengetragenen Kunstschätzen. Nach ihrer Fertigstellung erging es der Pyramide wie dem Eifelturm hundert Jahre zuvor. Entrüster und Kritiker überhäuften die Pyramide in den ersten Jahren mit viel Schmach. Auch wegen der Tatsache, dass sich der sozialistische Präsident Francois Mitterand ganz nach Art der Pharaonen mit der Pyramide ein Denkmal setzen wollte. In Sachsen-Anhalt ist ein solcher Hingucker das Dessauer Bauhaus und in Magdeburg wird sich der neue „Blaue Bock“ in einer gläsernen Gestalt präsentieren, wenn auch in einer nicht so atemberaubenden. Als Architektur-Baustoff kann aber das Plexiglas auch ein Wörtchen mitreden, wie es die zeltartige Dachlandschaft des Münchner Olympiastadions zeigt.

Instrument der Hellseher

Mit dem Lesestein, einer halbkugelförmigen Lesehilfe aus Glas oder Bergkristall, erhielten die Menschen im Mittelalter einen besseren Durchblick. Der Lesestein vergrößerte Buchstaben so sehr, dass sie auch von schwachen Augen erkannt werden konnten. Später war es der Gläserne Mensch, der den Besuchern des Dresdner Hygienemuseums einen Einblick in das Innere des Menschen ermöglichte, Blicke, die sonst nur den Chirurgen und Pathologen vorbehalten sind. Dieser lebensgroße Modellmensch besteht allerdings nicht aus Glas, sondern aus dem transparenten Kunststoff Cellon. Dem Gläsernen Mensch gilt aber auch die besondere Aufmerksamkeit der Datenschützer, die diesen Begriff als Metapher gern für den vollständig durchleuchteten und überwachten Menschen verwenden.

Von der Erfahrung, dass Glas das Sehen verbessern kann, war es nur ein kleiner Schritt zur hellsehenden Kristallkugel. Für den Wahrsager ist diese ein Übertragungsmedium. Sein Blick in das Innere der Kugel sieht Verborgenes, das er an seine Klienten übermittelt. Es heißt, dass die besten Auskünfte über die Zukunft dann erhalten werden, wenn vorher über die Kugel 3 Minuten lauwarmes Wasser geflossen ist und sie danach eine ganze Nacht dem Licht des Vollmonds ausgesetzt wurde. Heute erlebt die Kristallkugel eine neue Renaissance bei den Esoterikern. Nach deren Überzeugung soll ein intensiver Blick auf die Kugel die Konzentrationsfähigkeit steigern. Aber wie auch das Leben unter der Pandemie gezeigt hat, wir brauchen uns keine Kristallkugel zu kaufen um im Bilde zu sein. Vielmehr müssen wir den vielen Verschwörungstheoretikern danken, denn durch sie wird all das Verborgene entlarvt, was uns den Virus gebracht hat und auch in der Zukunft unser Leben tyrannisieren wird.

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