Dienstag, September 21, 2021
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KUNST/MITTE: Aus Geschichte Zuversicht

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Als ich, kurz nachdem die Mauer gefallen war, Deutschland zum ersten Mal richtig besuchte, war ich mehrere Tage lang in Magdeburg – und im Nu von seiner Geschichte fasziniert. Zum Zweck der Kolonisierung und Missionierung erbaut, hat die Stadt die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges aufs Schlimmste zu spüren bekommen und ist heute ein Ort, an dem man überall auf Spuren des deutschen Nationalismus und Nationalstaatsgedankens im neunzehnten Jahrhundert, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und des DDR-Sozialismus stößt. Es fühlte sich an, als sei der Boden der Stadt noch warm von dem, was hier passiert war. Besonders interessierte mich dann hier die Arbeit des Bildhauers Heinrich Apel. Beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg schuf er in den 1960er Jahren wunderschöne Türen, und für den großartigen Magdeburger Dom gestaltete er grandiose Bronzegriffe in Form von Eulen oder menschlichen Gesichtern, die sowohl absolut modern als auch seltsam alt aussehen.” Der englische Autor Simon Winder zeigt sich bewegt von seinem Besuch in Magdeburg und speziell von der Kunst des Bildhauers Heinrich Apel, worüber er schreibt in seinem Buch „Germany, oh Germany. Ein eigensinniges Geschichtsbuch“ (Original: „Germania – A Personal History of Germans Ancient und Modern”, erschienen 2010 bei picador London, veröffentlicht in dt. Übersetzung im Rowohlt Verlag 2011). Beeindruckend, was ihm auffiel. Noch beeindruckender, mit welch vielseitigen Arbeiten besagter Heinrich Apel vielerorts in unserer Stadt zu entdecken ist.

Es lässt sich unbestritten behaupten, dass jeder Magdeburger mindestens einmal im Leben ein Werk von Heinrich Apel berührt, zumindest aber gesehen hat. Ob bewusst oder unbewusst. So gehört der Faun- oder auch Teufelsbrunnen in der Leiterstraße zu einem beliebten Ruhepunkt für Spaziergänger. Gleichzeitig wurde er ebenso zu einem der beliebtesten Fotomotive für Touristen. Er bildet nicht nur einen imposanten Blickfang – immer wieder lassen sich Details zum Staunen und Schmunzeln entdecken. Symbolisch ist ein auffälliges Merkmal der Apel-Arbeiten zu erkennen: Neben handwerklicher Perfektion beherrscht Apel die Kunst, auf faszinierende Weise einen besonderen Humor einzuarbeiten. Welch Spaß ihn treibt, lässt sich auch beim Anblick des Eulenspiegels erahnen, den er ebenfalls für einen Brunnen schuf. Auf dem Alten Markt blickt der versteinerte Possenreißer lachend zum Rathaus, umringt von einer „mauloffenen“ Bürgerschaft, die er der Sage nach im 14.Jahrhundert foppte. Heinrich Apel machte ein zeitloses Unterhaltungsstück daraus, das es übrigens 1989 zum Briefmarkenmotiv schaffte.
Geschichte und Geschichten in Werken festhaltend, hat Heinrich Apel seine Spuren quer durch die Stadt hinterlassen. Geboren am 5. Mai 1935 in Schwaneberg (Börde), zog es ihn nach seinem Studium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein 1959 nach Magdeburg. Hier schuf er baugebundene Arbeiten wie Bronzetüren, Standbilder, Kleinplastiken, Collagen, Medaillen, Bilder und brachte sich ebenso in Restaurierungen ein wie beim Wiederaufbau des Magdeburger Reiters und natürlich am Dom, dessen Türklinkengestaltung er ebenfalls übernahm. Weiterhin schuf er für St. Johannis die Bronzetür mit den dazugehörigen Plas-tiken „Krieg“ und „Frieden“ sowie den Eingang zum Kloster Unser Lieben Frauen. So wird für jeden Besucher Apels Kunst greifbar. Dieser verband sich zudem lange Zeit mit einer besonderen Belustigung: Werden anderenorts unverheiratete 30-Jährige auf den Marktplatz zum Fegen geschickt, galt es in Magdeburg, Apels „Hut“ an der Eingangstür zu polieren.

Natürlich sind seine Arbeiten auch anderenorts zu sehen, an Domen in Naumburg, Halberstadt und Stendal, der Stiftskirche in Quedlinburg, in Berlin, Halle, Dresden, Frankfurt (Oder), Bernburg, Salzwedel, Egeln, Worms und Klostermannsfeld. Vor allem aber in Magdeburg. Wer die Augen offen hält, kann seine Spuren nicht übersehen. Heinrich Apel widmete sich den „Fünf Sinnen“ ebenso wie der „Raum-Zeit-Materie“, er spiegelte die Rettungstat des Hauptmanns Igor Belikow in Stein und Bronze, schuf die Plastik für den Eike-von-Repgow-Preis ebenso wie die Lenné-Büste im Klosterbergegarten, die Bronzeplatten in der Kaiserpfalz sowie am Rathaus, auch die Amtskette des Oberbürgermeisters … und und und. Die Stadt ist regelrecht verApelt – und kann stolz drauf sein! Dass er 2019 für sein künstlerisches Wirken den Verdienstorden des Landes Sachsen-Anhalt bekam, ist das eine. Vor allem aber haben wir ihm zu danken, für seine Arbeit, seine Kreativität, sein Schaffen, das uns und kommenden Generationen sichtbar bleibt. Mit der Kunst, aus Geschichte Zuversicht zu gestalten. Oder wie es Simon Winder schreibt: „Wo immer ich dann auf Apels Spuren stieß, sonst noch in Magdeburg oder in Naumburg, staunte ich über die Zuversicht, mit der er Werke schuf, die bestimmt auch noch im zweiundzwanzigsten und dreiundzwanzigsten Jahrhundert in Ehren gehalten werden.“

Die Sonderausstellung Heinrich Apel zur KUNST/MITTE zeigt Exponate des am 24. Mai 2020 verstorbenen Künstlers aus der ständigen Apel-Ausstellung im Schloss Hundisburg sowie von privaten Sammlern.

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