Dienstag, November 29, 2022

Läutender Schrott?

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Nach mehr als 300 Jahren hat der Magdeburger Dom wieder eine neue Glocke bekommen. Sieben weitere sollen folgen. In der ersten dieser neuen Glocken wurden nun drei faustgroße Dellen entdeckt. Nach Angaben des Magdeburger Glockenvereins, der das Geld für diese Investition gesammelt hat, und der Glockengießerei Bachert in Neunkirchen (Baden-Württemberg) soll dieser Mangel den Klang allerdings nicht mindern.

Ein Kommentar dazu von Michael Ronshausen

Die Geschichte des Glockengeläuts in den Türmen des Magdeburger Doms ist lang. In der Kathedralkirche hingen im Laufe der Jahrhunderte bedeutende Werke der Glockengießkunst. Einige historische Klangkörper sind bis heute vorhanden, darunter auch die als „Susanne“ verballhornte Hosianna – ein riesiges und stimmgewaltiges Instrument mit einem Gewicht von fast neun Tonnen, das akustisch sowohl Freude wie auch Trauer zum Ausdruck bringen kann. Gegossen wurde sie vor 320 Jahren durch Johann Jacobi in Berlin, der zwar ein ausgesprochener Fachmann war, aber mindestens zwei Anläufe brauchte, um das Werk zu vollenden. Der Überlieferung zufolge soll Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. eine Handvoll Golddukaten in die glühende Glockenbronze geworfen haben, um dem Werk seinen persönlichen Segen zu erteilen.

320 Jahre später ist die Akribie der Gießkunst offensichtlich verloren gegangen. Natürlich kann beim Glockenguss einiges schieflaufen – wie man jüngst in Halberstadt feststellen durfte. Aber wenn erwachsene Menschen einen missratenen Glockenguss zum Gesamtkunstwerk erklären, weil der Herstellungsfehler ein Teil jenes Kunstwerks sein soll und einfach darauf geachtet werden könnte, dass die Glocke „richtig“ herum aufgehängt wird, damit niemand den Produktionsfehler zu Gesicht bekommt, ist in Magdeburg Hopfen und Malz ebenso verloren wie in Hamburg, Stuttgart oder Berlin.

Es gibt vermutlich kein vergleichbares Beispiel, bei dem Pfusch dieser Art bei einem Glockenguss akzeptiert wurde. Vielleicht sollten sich die Mitglieder des Magdeburger Domglockenvereins bei eBay-Kleinanzeigen auf die Suche machen – dort gibt’s einen Käuferschutz obendrauf, falls einem ein Anbieter defekte Ware andrehen will. Tatsache ist, dass für die angemessene Ausstattung des Doms Werke geschaffen werden sollen, die einen sehr langen Zeitraum überdauern sollen. Am Ende bleibt die Frage: Wozu das Ganze? Für mich persönlich ist diese Kathedrale seit frühester Jugend der steinerne Mittelpunkt meiner Welt. Aber solange dieses Bauwerk nicht die restauratorische Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient, benötigt es keine neuen Glocken. Und erst recht keine, die auch Johann Jacobi niemals ausgeliefert hätte.

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