Donnerstag, Juni 30, 2022
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Lars Johansen: Betörende Verschwörung

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Als 13-jähriger habe ich die Bücher von Erich von Däniken geliebt. Sie lagen bei meiner Großmutter in Berlin herum und verschafften mir alternative Fakten. Ich fand, es klang einsichtig, und wenn es nicht stimmen sollte, so war es doch zumindest sehr schön erzählt. Je älter ich wurde, desto klarer erkannte ich, dass nichts so einfach war, wie der Däniken es erklären wollte. Die rätselhaften Phänomene entpuppten sich als komplexe historische Ereignisketten, die nicht von irgendwelchen Außerirdischen gesteuert wurden, sondern überaus irdische Ursprünge hatten. Das machte die Welt zugleich komplizierter und entzauberte auch ein wenig die großen Mysterien wie die Pyramiden oder seltsame Höhlenzeichnungen.

Ich hatte auch immer gerne Sagen gelesen und fand die phantastischen Erklärungen für skurrile Steinformationen, an denen irgendwie immer der Teufel beteiligt war, sehr viel liebenswerter als die geologischen Realitäten. Erwachsen zu werden bedeutete auch, diese Geschichten als das zu erkennen, was sie waren: Mythen, die emotionale Bezüge zur Geschichte aufzubauen, Dinge zu personalisieren und Sachverhalte für eine vorwissenschaftliche Gesellschaft darzustellen vermochten. Diese Erkenntnis stellte aber auch einen Verlust dar, denn die eigene Imagination wurde beschränkt und phantastische Abschweifungen beschnitten. Vernunft kann bedrückend sein. Die Wissenschaft verdarb seit dem Ende des Mittelalters eine irrational faszinierende Welt zugunsten einer langweiligen rationalen Sicht auf die Dinge. Die preußische Akademie der Wissenschaften erbrachte so im 18. Jahrhundert zum Beispiel den Beweis, dass Vampire nicht existierten. Wie langweilig und schade, denn die Vorstellung, dass Tote gar nicht tot sein müssen und als Blutsauger wiederkehren können, hat etwas angenehm Unheimliches, das nicht unbedingt komplett ausgeräumt werden muss, weil es eine Nacht in den Karpaten zu einem Abenteuer macht, das über eine simple Nachtwanderung hi-nausgeht. Und doch ist es notwendig, denn viele Mythen dienen und dienten nur der Ausgrenzung. Hexenverbrennungen waren eben auch ein probates Mittel, eine von Männern dominierte Gesellschaft noch stärker zu legitimieren. Die Blutgräfin Elisabeth von Bathory, die angeblich im Blut von Jungfrauen baden musste, um ihre jugendliche Schönheit zu erhalten, und dafür Dutzende von jungen Frauen getötet haben soll, verlor dafür ihre gesamten Privilegien. Es gab politische Interessen und da sie sich nach dem Tode ihres Mannes einfach weigerte, einer Zwangsehe zuzustimmen, brauchte man handfeste Gründe, die ihre Absetzung rechtlich einwandfrei erschienen ließen. Die Gerüchte klangen furchtbar genug dafür, auch wenn sie in keiner Weise der Wahrheit entsprachen.

Ähnlich wurde in der Kolonialzeit angeblicher Kannibalismus instrumentalisiert. Es gab und gibt kaum Fälle von nachgewiesenem Kannibalismus, außer den eher symbolischen Verzehr von Teilen der Gestorbenen, um deren positive Eigenschaften auf sich selber zu übertragen. Das ist dem christlichen Abendmahl nicht unähnlich, diente aber damals einer Legitimierung der flächendeckenden Ausrottung der indigenen Urbevölkerung Amerikas durch die Kolonialmächte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde der jüdischen Bevölkerung von ihren christlichen Nachbarn unterstellt, sie würden Kinder essen oder Blut trinken, um sie zu diskreditieren und legal töten zu können. Auch hier gab es handfeste politische Interessen der bei ihnen verschuldeten Fürsten, denn Kreditgeschäfte waren den Christen eigentlich verboten und blieben damit in den Händen jüdischer Geldverleiher, die sich so ihr Leben erkaufen konnten, wenn sie auf Rückzahlungen der Kredite verzichteten. Dieses antisemitische Narrativ hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Jetzt sind es die Bilderberger oder Bill Gates, die versuchen, einen „Deep State“, also einen mächtigen Geheimstaat, hinter den offiziellen Regierungen, aufzubauen, um wahlweise das Geld abzuschaffen, die Impfpflicht einzuführen oder auch wieder Blut zu trinken. Xavier Naidoo beispielsweise gehört zu denen, die an die Existenz von „Adrenochrome“ glauben, welches angeblich aus dem Blut von Kindern gewonnen wird, die in gigantischen unterirdischen Käfiganlagen gefangengehalten werden. Das sollen sich Superreiche und Hollywoodstars spritzen, um wieder verjüngt zu werden. In New York wurde eine Pizzeria schon mehrfach von Bewaffneten angegriffen, weil sie in den Kellern darunter diese gefangenen Kinder vermuteten.

Die angeblichen Drahtzieher sind entweder Politiker der Demokraten oder das reiche jüdische Establishment. Ein Donald Trump befeuert solche Gerüchte gerne, so lange sie seinen Zielen dienen. Vielleicht glaubt er sogar tatsächlich daran, was nicht verwunderlich wäre, glaubt er doch auch, dass die Injektion von Desinfektionsmitteln Corona heilen könnte. Das ist natürlich bodenlos dumm und unwissenschaftlich und wäre vielleicht sogar amüsant, wenn es nicht zu politischen Konsequenzen führen würde. Die alten antisemitischen und anti-aufklärerischen Narrative gewinnen dadurch an Boden. Die Wurzeln des Holocaust liegen in solchen Mythen des komplett Irrationalen, die von politischen Kräften dafür benutzt werden, um die Demokratie insgesamt zu destabilisieren. Den politischen Gegner zu dämonisieren, hat schon immer dabei geholfen, eher einfach strukturierte oder psychisch instabile Personen und Gruppen dafür zu instrumentalisieren, notfalls auch mit Gewalt gegen diesen vorzugehen. Wer also glaubt, er demonstriere für die Freiheit, muss sich immer wieder versichern, was unter diesem Freiheitsbegriff subsumiert wird. Falschinformationen sind oftmals leicht zu entlarven und die so genannten „Mainstream-Medien“ sind alleweil zuverlässiger als obskure Quellen. Ich weiß, das Rationale macht nicht halb so viel Spaß wie phantastische Spekulationen, aber das Pfählen angeblicher Vampire ist vor allem eines: Gefährlicher Unsinn.

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