Lars Johansen: Morgen nach Coronanacht

Wie es im Moment ist, das weiß jeder selber. Wer wäre ich, den allwissenden Virologen oder Sozialwissenschaftler zu geben, der alles besser weiß? Die selbsternannten Besserwisser kann sowieso jetzt gerade niemand ertragen. Die Verschwörungstheoretiker haben auch keine Hochkonjunktur, sie äußern sich zwar, aber die Gefahr und ihre Auswirkungen sind zu real als, dass man den Quartalsirren zuhören möchte, die keine echten Antworten für die wirklich drängenden Fragen anbieten können. Die Populisten entzaubern sich gerade selber, denn auch sie hatten für die existentiellen Fragen noch nie Antworten. Einem Virus ist es eben relativ egal, was der amerikanische Präsident so vor sich hin twittert. Und die übrige Politik? Macht sie Fehler? Aber natürlich, denen geht es wie uns, sie sind auf so etwas nicht vorbereitet und haben es auch noch nie erlebt. Ja, vielleicht hätte es bessere Notfallpläne geben können. Aber jetzt müssen wir alle mit dem arbeiten, was da ist. Wenn ich sehe, was bisher so passiert ist, dann ist wenigstens kein großer Schaden entstanden. Ganz ehrlich, tauschen möchte ich im Moment nicht unbedingt mit einem der Verantwortlichen.

Aber was ich bei aller Verunsicherung wahrnehme, ist, dass es ein großes Potential von Ideen gibt, beispielsweise wie man Hilfsaktionen organisiert oder Kultur im virtuellen Raum stattfinden lässt. Da wird innerhalb weniger Stunden ein Livestream organisiert, da singen viele das Magdeburg-Lied auf den Balkonen, es entstehen neue Zusammenschlüsse. Vielleicht werden aus diesen Zweckbündnissen neue und dauerhafte Verbindungen. Ein lebendiger Organismus kann Nervenbahnen auch neu strukturieren und aus Notlösungen können überraschende Ergebnisse wachsen. Es ist also auch eine Chance, Dinge einmal anders zu betrachten, scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen und die Routine zu verlassen. Denn irgendwann wird die Ausnahmesituation beendet sein. Wir können jetzt entscheiden, was dann überholt ist und welche Veränderungen an die Stelle obsoleter Strukturen treten werden.

Natürlich stellt die Krise einen Einschnitt dar, den nicht jeder unbeschadet überstehen wird. Alle Hilfen, die angeboten werden, können das nur bedingt abfedern. Daher kommt es auf jeden Einzelnen und die Solidarität aller untereinander an. Zugegeben, das sind wieder einmal Binsenweisheiten, die jedem schon selber durch den Kopf gegangen sind. Aber manches verlangt danach, noch einmal ausgesprochen zu werden.

Wenn es vorbei ist, und ganz vollständig wird es das nicht sein, denn auch dazu kann niemand wirklich sichere Auskünfte geben, hat sich also vieles verändert. Der Einzelhandel in den Innenstädten, der ohnehin schon mit dem Überleben gekämpft hat, wird nicht mehr komplett existieren. Viele, die bisher noch nicht im Internet bestellt haben, werden diese Möglichkeit nun neu nutzen. Die Geschäfte, welche es noch gibt, werden sich Modelle überlegen müssen, die sie zu einzigartigen, unverwechselbaren Marken machen, die persönlich aufgesucht werden müssen. Da ist der Preis kein entscheidendes Kriterium, sondern die Originalität, die Unverwechselbarkeit und möglicherweise auch die Verwurzelung in der lokalen Szene. Ein schönes Wort dafür ist die, nicht von mir erfundene, Glokalisierung. Denn wenn uns die Krise etwas lehrt, dann auch, dass Dinge, die nicht in der unmittelbaren oder weiteren Umgebung erzeugt werden, erst einmal über große Entfernungen transportiert werden müssen. Und je größer diese Entfernung ist, desto höher ist auch die Gefahr, dass es zu Lieferengpässen kommt. Bei Medikamenten stellt das zur Zeit durchaus ein Problem dar. Lokale Pharmaunternehmen haben hier eine Chance, wenigstens Generika herzustellen, die über kurze Lieferwege die Apotheken erreichen können. Aber auch andere Produkte, die einen Bezug zur Region haben, gewinnen an Wichtigkeit. Obst und Gemüse, die jahreszeitlich angemessen verkauft und frisch auf Märkten erworben werden können, vielleicht auch direkt beim Erzeuger. Nachhaltigkeit gewinnt gerade bei der jüngeren Generation immer mehr an Wichtigkeit. Das kleine lokale Modelabel, das nachhaltige Kleidung produziert und dazu vielleicht auch noch Kultur aus der Region im eigenen Ladengeschäft anbietet, hat tatsächlich Zukunft. Hier mischen sich Geschäftsmodelle, die eines eint, nämlich vor Ort präsent zu sein und die lokale Szene zu stärken. Dazu ein Kaffee aus der kleinen lokalen Rösterei, Bier vom lokalen Bierbrauer, Kuchen und Snacks von kleinen Bäckereien aus der Umgebung.

Das befruchtet sich gegenseitig, schafft ein neues Gemeinschaftsgefühl und stellt eine starke Gemeinschaft her, die den Kunden auch transparent die Warenwege vor Augen führt. Aus großen anonymen Konzernen werden so mehr und mehr lokale Strukturen. Wichtig sind dabei natürlich auch generationsübergreifende Angebote, die ebenfalls soziale Standards erfüllen können. Barrierefreiheit ist da ein nicht zu unterschätzender Punkt, denn für eine steigende Anzahl von Menschen wird diese immer notwendiger. In einer digitalisierten Gesellschaft ist die persönliche Begegnung ein hohes und wertvolles Gut, denn die sozialen Medien können diese nur bedingt ersetzen. Auch die Kulturzentren müssen sich an diese gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Kino in den Zeiten der Streamingangebote muss mehr sein als eine reine Abspielstätte für Filmmaterial. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, die den Kinobesuch zu einem individuellen Erlebnis machen. Das gilt in ähnlichem Maß für Live-Konzerte und Aufführungen oder Lesungen. Und auch die Zeitung muss über das gedruckte Wort hinaus einen Mehrwert bieten, eine Möglichkeit zum Austausch mit den Nutzern und nachhaltige Begegnungen generieren. Der Morgen nach der Coronanacht kann der Beginn eines wunderbaren Tages sein.

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