Dienstag, November 29, 2022

Lasst die Kinder spielen

Folge uns

Spielen. Miteinander. Draußen. Im Sand. Beim Fußball. Beim Verstecken. Mit Puppen. Mit Bausteinen. Oder auch am Tablet und an der Konsole? Die Diskussionen über den Umgang mit dem Thema Digitalisierung im Kindes- und Jugendalter sind allgegenwärtig. Nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus‘ und den damit einhergehenden Maßnahmen samt Home Schooling. Mitte September legte die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz – eine Gruppe aus 16 Bildungsforschern – ein Gutachten vor, das der Digitalisierung im deutschen Bildungswesen eine schlechte Note erteilt. Vor allem in den Kindertagesstätten sehen die Forscher Defizite. Laut Gutachten (nachzulesen unter www.kmk.org) sei die frühe digitale Medienbildung in den Kitas unterentwickelt und kaum nachhaltig im pädagogischen Konzept der Einrichtungen verankert. Die Kommission empfiehlt daher, die digitale Medienbildung als Bildungsziel in die Rahmen- und Orientierungspläne aufzunehmen, eine Infrastruktur zu schaffen und Lehr-Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen sowie dem frühpädagogischen Bildungspersonal Aus- und Weiterbildungen zu ermöglichen. 

Dass heutzutage niemand umhinkommt, sich mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen – angefangen von der Nutzung gängiger Programme für Schule, Studium, Ausbildung und Beruf bis hin zum richtigen Umgang mit (sozialen) Medien – steht außer Frage. Aber muss dies tatsächlich bereits in der Kita erfolgen? Sollte die vorschulische Bildung nicht analog ausgerichtet sein und u. a. auf die taktile und haptische Wahrnehmung abzielen? Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz empfiehlt beispielsweise digitale Bilderbücher, deren Nutzen für die sprachliche Bildung nachgewiesen sei. Aber haben „normale“ Bücher nicht auch diesen Nutzen? Welcher Mehrwert lässt sich aus der digitalen Version ziehen? Über einen Bildschirm zu wischen, das lernen die Kleinen früh genug – meist ganz von allein, wenn Mama oder Papa mal wieder ihr Smartphone abgeben, damit das Kind mal für ein paar Minuten still ist. Auch im Grundschulalter bleibt fragwürdig, wie viel Digitalisierung notwendig ist. Hitzig diskutiert wurde 2016 beispielsweise das Vorhaben Finnlands, das Lernen der Schreibschrift zugunsten des Tippens auf einer Tastatur aus den Lehrplänen zu verbannen. Dabei ist unumstritten, welche Bedeutung die Komplexität des Schreibenlernens für die kognitive Entwicklung von Kindern hat. Bei all dem Bildungseifer – ob digital oder analog – sollte klar sein, die Anforderungen altersgerecht anzupassen. Was versteht ein Kindergarten- oder Grundschulkind von Digitalisierung und allem, was diese mit sich bringt? Sind nicht andere Grundlagen wichtiger? Die soziale Komponente rutscht beim Aufruf nach einem Mehr an Digitalisierung oft in den Hintergrund. In jungen Jahren sollte im Fokus stehen, den Kleinen Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Beziehungs- und Problemlösungsfähigkeit mit auf den Weg zu geben. Und das geht besser im Umgang miteinander, bei gemeinsamen Erfahrungen, im Lernen voneinander, anhand interessanter Projekte. Im Idealfall auch draußen, in der Natur. Anhand realer Dinge, die man fühlen, schmecken, riechen kann und die nicht mit einem Fingerwisch über den Bildschirm verschwinden. Wir sollten die Kinder einfach Kinder sein lassen – analog und nicht digital.

Text: Tina Heinz, Seite 26, Kompakt Zeitung Nr. 219

Anzeige
WEITERE
Magdeburg
Bedeckt
4.3 ° C
4.5 °
3.3 °
88 %
2.4kmh
100 %
Di
7 °
Mi
6 °
Do
4 °
Fr
2 °
Sa
-2 °

E-Paper