Donnerstag, Juni 30, 2022
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Launiges zwischen Historie und Zukunft. Hengstmanns Sommerprogramm: Von Halbkugeln und Halbleitern

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Wer die 13 als Unglückszahl betrachtet, sollte sich in diesem Sommer unbedingt ins Technikmuseum begeben. Noch bis zum 16. Juli ist dort das Sommerprogramm der Hengstmanns zu erleben. Das 13.

Dabei widersprechen sich die Künstler zunächst einmal selbst: Hengstmanns machen keine halben Sachen? Weit gefehlt! Jetzt wird doppelt halbiert: mit Kugeln und Leitern. Halbleitern. Und Vakuum-Kugeln. Gekonnt schaffen sie den Dreh von Magdeburgs Historie bis in die Zukunft. Dafür wird Otto von Guericke vom Sockel geholt. Der reagiert auf den Abendgruß „Noahmt!“ mit rollenden Augen und den Worten „In 400 Jahren hat sich linguistisch offensichtlich nichts getan“. Sebastian Hengstmann gibt den großen Wissenschaftler und Bürgermeister zwischen Würde und verzweifelter Menschlichkeit. Dessen Problem allerdings: Er ist hohl! Was sich daraus ergibt, ist spaßig zu erleben. Besonders heiter, wenn er sich im Zwist zwischen Liebe und Verzweiflung mit der Magdeburger Jungfrau auseinandersetzt (hervorragend: Franziska Hengstmann!).

Vielseitig wandelt Tobias Hengstmann durchs Programm. Als ungewöhnlicher Till schwingt er sich wie sein historisches Vorbild hoch hinaus, legt sich mit Guericke wie mit den Zuschauern an, die das äußerst komisch finden, zumindest die letztgenannten. Dass ausgerechnet beim Thematisieren ständiger Handypräsenz im Zuschauerraum ein solches Teil klingelt, zeigt die Aktualität, ist jedoch alles andere als komisch. Wenngleich die Künstler humorvoll darauf reagiert haben.

Von der Historie zieht sich ein großer Bogen in die Gegenwart. Die heißt Bob und stellt sich als offizieller Vertreter des Halbleiter-Produzenten Intel vor. In dieser Rolle brilliert Heiko Herfurth (Foto), sie scheint ihm im wahrsten Sinne wie auf den Leib geschrieben. Marie Matthäus gibt wieder eine wunderbare Oma und Christian Karius wird als Hauptwachtmeister Knüppel überzeugend in den Wahnsinn getrieben.

Spaß macht die Wortjonglage von Oberinnenbürgerinnenmeisterinnen bis Windstilleinsatzkommando (WSEK). Nicht alles ist neu, das ist auch gut so, denn Tobias Hengstmanns „Opa“ ist immer wieder ein Erlebnis und darauf möchte man nicht verzichten. Keine Frage, Manni bleibt Manni, und immer mit Blechbrötchen, auf dem er sogar Mundharmonika spielt. Wie erwartet ist die Inszenierung musikalisch, von gut gemacht bis außerordentlich. Zu den Höhepunkten gehört hier der rhythmische „Schlagabtausch“, in den fast alle einbezogen werden. In den Hauptparts spielen sich Christian Karius und Tobias Hengstmann mit Drumsticks immer weiter in die Höhe – bis zum Sprung! Herrlich anzuhören und zu sehen (siehe Foto oben).

Höhensprünge und Buh-Rufe
Doch es gab auch Buh-Rufe während der Aufführung. Zu Recht wie kalkuliert. Denn gern nehmen die Machdeburjer ihr südliches Pendant im Bundesland auf die Schippe, und als über die Verlegung des neuen (erwarteten) Wirtschaftsgiganten Intel nach Halle fabuliert wurde, ließen die buhenden Reaktionen nicht auf sich warten – gingen allerdings schnell in Lachen über.

Fazit: Die 13 ist wundervoll, jedenfalls wenn sie von Hengstmanns mit Gästen gestaltet wird. Zugegeben, manchmal ist es auch mehr flachwitzig als tiefgründig. Aber das gehört dazu. Wer zum Sommertheater geht, erwartet kein hochtrabenes politisches Kabarett, das von den grauen Zellen Hochleistungen fordert. Hier gibt es drei Stunden wunderbare Unterhaltung. Ein bezauberndes Programm mit Magdeburger Flair, das direkt ins Herz des Publikums trifft.
Karten gibt es wochentags zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn an der Abendkasse, sonntags eine Stunde vorher. Besser ist es allerdings, sich die Tickets im Vorverkauf zu sichern: in Hengstmanns Kabarett, Breiter Weg 37, 39104 Magdeburg, Telefon: 0391/402 55 40, dienstags 10 bis 18 Uhr und mittwochs bis freitags jeweils 10 bis 14 Uhr. Oder online unter www.hengstmanns.de
Birgit Ahlert

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