Lebenselixier, dem der Winter zusetzt

Bei einer abwechslungsreichen Ernährung droht dem Körper kein Mangel an Vitaminen. Eine Ausnahme ist allerdings das Vitamin D, dessen körpereigene Bildung in der dunklen Jahreszeit zu einem Engpass werden kann. Ursprünglich nur als „Knochen-Vitamin“ bekannt, sind seine Wirkungen weitaus vielfältiger. Aktuell wird ein möglicher Einfluss des Vitamins auf den Krankheitsverlauf
bei COVID-19 geprüft. | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Die Angst vor dem Tod verdankte das im Schweizer Kanton Graubünden gelegene Davos seinen frühen Reichtum. In dieses ehemalige Bergdorf kamen am Anfang des 20. Jahrhunderts die Reichen in Scharen, weil sie hofften, dort von der Lungentuberkulose kuriert zu werden. Einem in Davos praktizierenden deutschen Arzt war Jahre zuvor aufgefallen, dass keiner seiner Patienten an Tuberkulose litt. Er propagierte deshalb Höhenkuren als Mittel gegen die gefürchtete Tuberkulose. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Bergdorf zur höchsten Stadt Europas, mit 10.000 Einwohnern und 25.000 ständigen Kurgästen. Auch Katia Mann kurte im dortigen Sanatorium Schatzalp und inspirierte ihren Mann zu seinem Roman „Der Zauberberg“. Seine niedergeschriebenen kritischen Anmerkungen über den Sanatoriumsbetrieb beschleunigten aber nicht dessen Niedergang, sondern erst die Entdeckung der Antibiotika. Aber konnte eine simple Höhentherapie wirklich den von Robert Koch 1882 entdeckten Tuberkelbazillen zu Leibe rücken? Aus heutiger Sicht ja, denn der Sonnenschein fördert die Bildung von Vitamin D in der Haut, und dieses stärkt das Immunsystem.
Nervenleiden durch geschälten Reis.

Die Vitamine zählen zweifellos zu den bedeutendsten Entdeckungen der Lebenswissenschaften in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Weil der Körper die meisten Vitamine (bis auf eine Ausnahme) nicht ausreichend selbst herstellen kann, sind sie lebensnotwendig. Vitamine unterscheiden sich voneinander durch ihre chemische Natur, der Löslichkeit in Wasser oder Fett und ihrer Wirkung. Einige unter ihnen sind eine Art von „Schmiere“ im Stoffwechsel, andere dagegen machen es den Hormonen nach. Dass die Vitamine diesen Namen tragen, liegt an den Eigenschaften des Erstentdeckten, und ihre Geschichte beginnt mit dem polnisch-amerikanischen Biochemiker Casimir Funk (1884 – 1967). Dieser hatte von einem in Batavia (einer Stadt im früheren „Ostindien“, heute Jakarta) arbeitenden niederländischen Arzt gehört, dass dort Strafgefangene unter einer rätselhaften, neuen Erkrankung litten. Die Betroffenen bewegten sich so steifbeinig wie Schafe. Merkwürdig war, dass diese auf Lähmungserscheinungen hinweisende Fortbewegung (in Asien als Beriberi bezeichnet) erst aufgetreten war, nachdem die Strafgefangenen Reismahlzeiten erhielten, die mit geschältem (weißem) Reis zubereitet wurden. Mit aus Europa importierten Dampfmühlen wurde seit Kurzem der bisher verwendete braune (ungeschälte) Reis geschält. Auch bei Hühnern hatte man auffällige Veränderungen beobachtet, wenn diese zuvor mit geschältem Reis gefüttert wurden.

Um die Jahrhundertwende war die Sichtweise der Chemie längst in die Medizin eingedrungen und deren Bedeutung für die Erklärung von Krankheiten erkannt. Auch war bekannt, dass Krankheiten nicht nur von Bakterien, sondern auch durch Mängel in der Ernährung ausgelöst werden können. Deshalb wurde über einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Beriberi und dem behandelten Reis spekuliert. Fasziniert von dieser Vermutung untersuchte Casimir Funk die Reiskleie, also den beim Reisschälen anfallenden Abfall. Als einem Chemiker der besonders in analytischen Techniken geschult war, fand er darin eine stickstoffhaltige Substanz, mit der die Beriberi-Symp-tome bei Hühnern kuriert werden konnten. Dieser lebensfördernde Bestandteil verhielt sich chemisch wie ein Amin, und er taufte diesen deshalb auf den Namen Vitamin (Vita – Leben). Später wurde dann daraus Vitamin B1 (Thiamin). In den folgenden drei Jahrzehnten wurden dann fast alle Vitamine entdeckt. Und noch eine Bemerkung zu diesem Thema. Obwohl heute überwiegend weißer Reis im Angebot ist, bleiben wir vom „Schafsgang“ verschont, denn dem Reis wird Vitamin B1 zugesetzt.

Der Außenseiter
Vitaminmangel-Krankheiten entstehen durch Falschernährung. Nehmen wir zu wenig Vitamin B1, B3 (Niacin), B12 (Cobalamin) oder Vitamin C auf, erkranken wir an Beriberi, Pellagra (eine Hauterkrankung), perniziöser Anämie (eine Blutarmut) oder Skorbut. Aber auch dann, wenn zuviel von dem fettlöslichen Vitamin A in den Körper gelangt, macht das krank. So litten Polarforscher nach dem Verzehr der Eisbärenleber unter akuten Vergiftungsmerkmalen. Die Ursache war deren hoher Vitamin A-Gehalt. Die Ernährung hat aber wenig an einem Vitamin D-Mangel Schuld, denn dieses kann der Körper selbst herstellen und diese Eigensynthese deckt bis zu 90 Prozent des Bedarfs. Quelle für das Vitamin D ist das reichlich vorhandene Cholesterol, genauer gesagt ein Metabolit von diesem, das 7-Dehydrocholesterol. Vergleichbar mit der globalisierte Produktion des Airbus wird aktives Vitamin D (Calcitriol oder 1,25-Dihydroxycholecalciferol) durch Zusammenarbeit von Haut, Leber und Niere gebildet. Das Schlüsselereignis ist dabei das Aufbrechen eines Kohlenstoffringes im Molekül des 7-Dehydrocholesterols mit Hilfe des ultravioletten Anteils im Sonnenlicht (UV-B-Strahlung). Dabei entsteht Cholecalciferol (Vitamin D3), das danach von der Leber und Niere zum aktiven Vitamin D „geschliffen“ wird. Wegen der Abhängigkeit der Vitamin D-Bildung vom Sonnenlicht musste sich deshalb bei unseren aus Afrika eingewanderten Vorfahren die Haut aufhellen.

Notstand in der dunklen Jahreszeit
Fehlendes Licht war die Ursache der Englischen Krankheit, die später bei Kindern als Rachitis (gr. Rücken, Rückgrat) und bei Erwachsenen als Osteomalazie (Knochenerweichung) bezeichnet wurde. Im Zeitalter der frühindustriellen Revolution sprossen in England Kokereien und Hochöfen wie Pilze aus dem Boden, verdunkelten mit ihren Emissionen den Himmel über den Städten und blockierten so die Wirkung des Lichtes auf die Vita-min D-Bildung im Körper. Das führte zu einer ungenügenden Mineralisation der Knochen (Einbau von Kalzium und Phosphat), wodurch diese deformierbar wurden. Von der Rachitis waren auch schon die Neandertaler betroffen. Als stämmige, Muskel-bepackte Vielfleischesser waren sie gut an Kälte angepasst, aber nicht an die Dunkelheit in der letzten Eiszeit. Heute kommt es aber auch noch in extrem sonnigen Ländern zu einem Vita-min D-Mangel, immer dann, wenn Frauen durch Religion, Ideologie oder Tradition zum Verhüllen ihres Körpers gezwungen werden. Aber auch der Mangel an Sonne während der Wintermonate ist problematisch für die Versorgung des Körpers mit Vitamin D. Davon sind die Älteren unter uns besonders betroffen, denn die Kapazität der Haut für die Bildung von Cholecalciferol ist bei einem 80jährigen nur noch halb so groß wie bei einem 20jährigen. Eigentlich sollte aber der Lichtmangel kein Problem sein. Vitamin D ist fettlöslich und demzufolge kann in der schönen Jahreszeit ein Vorrat von ihm angelegt werden. Allerdings muss man sich dazu viel im Freien aufhalten und nicht allzu ängstlich vor der Sonne sein. Letzteres widerspricht natürlich der Empfehlung von Hautärzten. Nach einer aktuellen Studie haben in Deutschland immerhin 8 bzw. 19 Prozent der Erwachsenen im Sommer und Herbst einen mangelhaften Vitamin D-Status, und dieser erhöht sich im Winter und Frühjahr auf 38 bzw. 52 Prozent.

Aber, wenn die Vitamin D-Bildung so sehr vom Licht abhängt, dann sollte doch bei den noch viel nördlicher lebenden Inuit (früher nannten sie sich Eskimo) der Vitamin D-Status extrem niedrig sein? Dazu kommt noch, dass die Inuit eine dunkle Hautfarbe haben, wodurch die Wirkung des Lichtes in der Haut zusätzlich geschwächt wird. Den Inuit mangelt es aber nicht an Vitamin D. Das wird durch deren hohen Konsum an fetten Fischen verhindert. Mit dem Verzehr der Fische nehmen sie nämlich reichlich Cholecalciferol auf, dass durch Licht gebildete Zwischenprodukt bei der körpereigenen Vitamin D-Bildung. Seitdem ich diese Zusammenhänge kenne, verzeihe ich meinen Eltern im Nachhinein, dass sie mich in der Kindheit genötigt haben, viele Löffel von dem penetrant-schmeckenden Lebertran zu schlucken. Mit diesem aus der Leber von Fischen (Kabeljau und Schellfisch) gewonnenen vitaminhaltigen Stärkungsmittel wurden in der Nachkriegszeit die Kinder vor Unterernährung, Kinderkrankheiten und Rachitis geschützt. Wie aber kommen nun die Fische zu dem Cholecalciferol, denn die leben ja auch im Dunkeln? Die Fische nehmen es mit dem Plankton auf, einem Gemisch von an der Meeresoberfläche schwebender Kleinstlebewesen.

Vitamin D und COVID-19
Vitamin D hat es möglich gemacht, dass sich durch die Verfestigung der Knochen frühere Meeresbewohner zu Landlebewesen entwickeln konnten. Als „Knochen-Vitamin“ hilft es dem Körper das Nahrungs-Kalzium aufzunehmen. Dazu regt es in den Darmzellen die Bildung eines Proteins an, das aus dem Verdauungsbrei im Darm das Kalzium herausfischt. Für diese Wirkung wird eine Art von „Angelhaken“ (Vitamin D-Rezeptor) in den Zellen gebraucht. Lange glaubte man, dass einen solchen nur die Darmzellen besitzen. Später wurde er aber auch im Immunsystem und im Gehirn gefunden. Im Immunsystem hemmt Vitamin D die erworbene Immunabwehr, verstärkt aber andererseits die angeborene Immunabwehr. Dadurch wird die Bildung von Proteinen (Zytokine) und die Vermehrung von Zellen (T-Zellen) unterdrückt, die das Entzündungsgeschehen fördern. Überraschenderweise wurden auch Korrelationen zwischen dem Vitamin D-Gehalt im Blut und bestimmten Krankheiten (z. B. bei Bluthochdruck oder der multiplen Sklerose) gefunden. Deshalb wird vermutet, dass Vitamin D ein breites Wirkungsspektrum im Körper hat. Auch kann man im Internet lesen, dass Vitamin D vor der Corona-Infektion schützt. Richtig müsste es allerdings heißen, Vitamin D kann zwar die Infektion nicht verhindern, aber es besteht die Möglichkeit, dass es den Krankheitsverlauf bei COVID-19 durch „Aufrüstung“ des Immunsystems positiv beeinflusst. Da im Winter bei COVID-19 verstärkt auftritt und der Gehalt von Vitamin D im Blut bei den Erkrankten niedrig ist, wird jetzt in mehreren Studien der Einfluss von Vitamin D auf den Krankheitsverlauf untersucht.

Auch bei vielen Zivilisationskrankheiten wird ein niedriger Vitamin D-Gehalt gefunden. Allerdings ist dabei nicht klar, ob der Vitamin-D-Mangel ein Symp­tom oder die Ursache der Krankheit ist. Trotzdem wird verallgemeinert, dass diesen Erkrankungen ein Mangel an Vitamin D zugrunde liegt (YouTube, Jörg Spitz – Vitamin D – „Hype oder Hope“). Es folgt dann der Appell, den „Alles-Könner“ als Nahrungsergänzungsstoff regelmäßig zu schlucken (z.B. als Vitamin D3- oder D2-Kapseln). Hier muss man allerdings hinzufügen, dass bei bestimmten Vorerkrankungen eine Supplementation von Vita-min D wegen der möglichen Kalzium-Überladung des Körpers nicht ohne Risiko ist. Außerdem gibt es Zivilisationserkrankungen auch bei den Skandinaviern, obwohl von diesen nur 5 Prozent einen Vitamin D-Mangel haben. Skandinavier gleichen den Lichtmangel mit Lebertran aus.

Zivilisationskrankheiten gibt es schon lange und deren Ursachen sind oft unterschiedlich. Struma und Kretinismus waren in den Alpenländern vor 100 Jahren weit verbreitet. Die Ursache war fehlendes Jod in den Nahrungsmitteln, wodurch es zu einem Mangel an Schilddrüsenhormonen kam. Unstrittig ist aber auch, dass das Leben unserer Vorfahren durch verunreinigtes Wasser, minderwertige Lebensmittel, einem mangelnden Impfschutz, dem noch nicht entdeckten Insulin und der noch wenig entwickelten Medizin viel zu früh zu Ende ging.