Donnerstag, Juni 30, 2022
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Legende und Wirklichkeit: Geschichte und Geschichten vom Magdeburger Dom – von Giselher Quast

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Der Magdeburger Dom blickt 2020 auf eine lange Bauhistorie zurück. Mit seinen über 100 Meter hohen Türmen lockt er jedes Jahr mehr als 300.000 Menschen in seine Mauern. Und natürlich ranken sich unzählige Geschichten und Legenden um dieses imposante Bauwerk. Fesselnd und anschaulich, mal amüsant und mitunter nachdenklich widmet sich der ehemalige Domprediger Giselher Quast diesen Geschichten. Zusammen mit seinem fundierten Wissen macht er den nachfolgenden Artikel zu einem spannenden Leseerlebnis.

Auf der höchsten Spitze

Am Fuß der Wendeltreppe zum Südturm des Domes, die Besucher normalerweise niemals betreten dürfen, weist eine kleine Figur in Pantoffeln den Weg in die Höhe. Über 430 Stufen sind es in beiden Türmen. Im Südturm, der nur über eine Wendeltreppe erschlossen ist, könnte man geradezu einen Drehwurm bekommen. Aber die Baumeister waren erfinderisch: Zweimal wechselt die Drehrichtung der Treppe, damit, wer sich beim Gehen ‚aufgenuddelt‘ hat, auch wieder ‚abnuddeln‘ kann und schwindelfrei oben ankommt. Oben auf dem Nordturm, wo die Zahl 1520 die Domvollendung angibt, begegnet uns die kleine Figur in Pantoffeln noch einmal, schon sehr verwittert und schwer zu erkennen: Da hängt ein Mönch mit seiner gerafften Kutte an einer Krabbe, der gotischen Kriechblume, die die Turmhelme zieren, und versucht in Schlappen die Spitze zu erklimmen. Er hatte zuvor eine Wette mit dem Teufel abgeschlossen, dass ihm dies gelinge. Natürlich gelang es nicht, er stürzte in die Tiefe und der Teufel holte seine Seele. Was aber am Dom so schön in Stein gehauen ist, erweist sich alsbald als Wandersage: An vielen hohen Kirchtürmen hat man sich im Mittelalter diese Geschichte erzählt, die immer etwas von dem Wunsch verrät, einmal auf dem höchsten Punkt gestanden zu haben. Wahr ist hingegen die Zeitungsnachricht vom Anfang des 20. Jahrhunderts, dass „zwei beherzte Männer“ zwischen den beiden Turmspitzen des Domes ein Seil gespannt und akrobatisch mit einer Balancierstange die 28 Meter lange Strecke über dem Abgrund überwunden haben. Respekt! Ich selber habe übrigens einmal auf der Kreuzblume des Domes gestanden, 101 Meter über der Stadt. Aber da war der Turm zur Sanierung in ein sicheres Gerüst gehüllt. Und ich hatte mir lieber feste Schuhe angezogen statt Pantoffeln.

Als das Geld ausging

Das Magdeburger Imagebild zur Otto-Kampagne zeigte vor Jahren das berühmte Herrscherpaar aus dem Dom: Otto und Editha als die Gründer der Stadt. Auffällig ist die runde Scheibe in Ottos Hand mit 19 Kugeln darin, die die 19 Tonnen Gold symbolisieren, die Otto zum Bau des ersten Domes gegeben haben soll. Die Geschichte wiederholt sich: Als der Neubau des Domes unter Erzbischof Albrecht von Käfernburg aus Geldmangel stoppte, fand ein Schäfer, dessen Hund gerade ein Mauseloch aufwühlte, einen Goldschatz. Der fromme Mann lieferte ihn beim Erzbischof ab und der Dombau konnte weitergeführt werden. Die Schäfergruppe sieht man über der Paradiespforte vom Domplatz aus, eine Kopie aus dem 19. Jahrhundert. Der originale Schäferkopf wurde allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Dom gestohlen. Wahr sind allerdings beide Geschichten nicht. Die Schäfersage führt sich auf eine Familienstiftung des Domherrn Georg von Koppehele zurück, aus der mittellose Nachfahren unterstützt werden sollten. Und die 19 Kugeln in Ottos Hand, so hat die Forschung ergeben, waren ursprünglich blau und golden bemalt: Das sind aber die Himmelsfarben! Die 19 Kreise stellen die 12 Tierkreissternzeichen und die 7 (damals bekannten) Planeten dar. Und auf einmal ist es gar nicht mehr Otto der Große, der dort sitzt, sondern der Himmelsherrscher Christus mit Maria, der Himmelkönigin. Pech für das Magdeburger Imagebild.

Unwürdige Bischöfe

Eine Schauergeschichte, von der man heute nichts mehr entdecken kann, wurde bis zur großen Restaurierung des Domes 1826–1853 gerne erzählt: Im Hohen Chor, wo heute der Osterleuchter vor dem Hochaltar steht, befand sich in der ersten Stufe der sogenannte Udo-Stein, ein runder, weißer Marmorstein, durchzogen von roten Adern. Das hat natürlich sofort die Phantasie beflügelt: Hier soll in einem nächtlichen Gericht der Dompatron Mauritius von seinem Sockel gestiegen sein und dem Erzbischof Udo mit dem Schwert den Kopf abgeschlagen haben – zur Strafe für seine Pflichtversäumnisse und seinen unzüchtigen Lebenswandel. Nur hat es nie einen Erzbischof Udo in den Annalen des Domes gegeben. Wahr ist hingegen eine ganz andere unwürdige Bischofsgeschichte aus späterer Zeit: Als Hitler 1933 die Kirchen gleichschaltete und einen Reichsbischof einsetzte, wurde in Magdeburg der ehemalige Hilfsprediger der Pfeifferschen Stiftungen Friedrich Peter, ein glühender Nationalsozialist und Antisemit, gegen den Willen der Kirchenleitung mit NS-Kult zum Bischof eingesetzt. Sein Amt konnte er nie ausüben, die Domgemeinde verweigerte ihm die Gottesdienste. Ab 1934 war er so isoliert, dass er zwei Jahre später sein Amt niederlegen mußte. Die Magdeburger Bischofsgeschichte war also nicht immer eine rühmliche.

Geheime Räume

Viele Magdeburger und Domliebhaber kennen das Gerücht, es gäbe einen unterirdischen Gang vom Dom bis nach Schönebeck, gar unter der Elbe hindurch auf die andere Flussseite. Als Junge im Dom habe ich eifrig nach diesem Gang gesucht, aber mehr als die unterirdischen Heizungsgänge nicht gefunden. Und doch gibt es im Dom geheime Räume, die nicht auf den ersten Blick zu finden sind. Besonders fasziniert hat mich immer ein schmales Fenster im Turm, das von einem solchen Versteck zeugt: In der Treppe zum Südturm fehlt ein Mauerstein, eine Öffnung, gerade so groß, dass man hindurchkriechen kann. Dahinter ist ein kleiner Raum mit Holzbänken, zu dem eben jenes Fenster gehört. Man hat ein bisschen das Gefühl, in die Zeit des „Glöckners von Notre Dame“ zurückversetzt zu sein! Mit meinen Konfirmanden habe ich diesen Raum erkundet. War es ein Karzer oder ein Versteck? In Zeiten der Gefahr brauchte man nur den Stein hineinzuschieben, und die Mauer war völlig glatt. Niemand konnte ahnen, was sich dahinter verbirgt. Vielleicht war es eher eine Schatzkammer, von denen es im Dom mehrere gibt, z. B. unter dem Hochaltar, wo in Kriegszeiten die wichtigsten Reliquien aufbewahrt wurden. Eine kleine Treppe, die früher mit einem Teppich überdeckt war, führt ins Innere des riesigen Altars. Wer weiß, wie viele Geheimnisse der Dom noch verbirgt?

Kriegsvorbereitungen

Die Kriegszeiten haben im Dom immer wieder ihre Spuren hinterlassen. In den Bereich der Legende gehört sicherlich, dass die riesige Freitreppe im Nordturm, über die seit einigen Jahren wieder die Magdeburger nach oben steigen können, so breit ist, weil man Geschütze hinaufgehievt und die Fenster als Schießscharten benutzt hat. Eine Legende sicherlich, weil der Nordturm zur Stadtseite liegt, auf die man gewiß keine Geschütze gerichtet hätte. Der Feind kam oft von der Sudenburg her. Aber der Südturm, der in diese Richtung weist, hat eben nur jene kleine Wendeltreppe, über die man keine Kanonen nach oben bringen kann. Wahr ist hingegen eine abenteuerliche Geschichte aus DDR-Zeiten: In der Zeit des kalten Krieges und der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Ost und West, als in den Schulen der Wehrkundeunterricht eingeführt und das Leben militarisiert wurde, tauchten plötzlich unangekündigt Bauarbeiter im Dom auf und begannen im Chorumgang den Fußboden aufzureißen. (Der Dom stand auch damals schon in staatlicher Bauverantwortung.) Befragt nach dem Grund der Arbeiten erfuhr ich, hier würde ein Zugang zu den unterirdischen Heizungsräumen geschaffen, damit im Falle eines Atomkrieges die wichtigsten Kunstgüter des Domes gesichert und gerettet werden könnten. Zur gleichen Zeit hat sich die kirchliche Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ formiert, die mit unseren Friedensgebeten am Barlach-Mahnmal den Gegenpol zur Kriegsvorbereitung bildete. Wie gut, dass die Revolution in Magdeburg friedlich blieb und der unterirdische Raum niemals benutzt werden musste.

Heizungsprobleme

Immer wieder haben Touristen im Dom gefragt: „Waren das im Mittelalter die Heizöfen?“ Sie meinten die steinernen Kästen an den Wänden, die an der Seite eine verschließbare Tür haben. Nein, diese steinernen Kästen waren nicht profan, sie waren im Gegenteil die wichtigsten sakralen Einrichtungsgegenstände des Domes: die Altäre. An ihnen wurden die täglichen Gottesdienste, Andachten und Gedenken des Domes gefeiert. 48 Altäre gab es dafür im mittelalterlichen Dom. Die Türen an den Seiten dienten der Aufbewahrung der kostbaren Altargeräte gleich vor Ort, der Kruzifixe, Leuchter, Kelche und Oblatendosen. Aber ein Heizungsproblem hatten die Domherren im Mittelalter schon! Die wenigen Bienenwachskerzen konnten den Dom im Winter nicht erwärmen. Darum hatte der Priester im Mittelalter einen „Wärmeapfel“ auf dem Altar; das war ein hohles Rundgefäß aus Kupfer oder Bronze, oft vergoldet, in den man einen heißen Stein legte, so dass sich der Priester während der Messe die Hände wärmen konnte. In Magdeburg war man sogar noch fürsorglicher und richtete für die Domherren eine Wärmekammer im Südseitenschiff ein, deren Kamin noch bis heute vorhanden ist. Erst 1901 wurde im Dom eine Heizung eingebaut mit unterirdischen Gängen und Warmluftaustritten im Fußboden und unter den Hochschiffsfenstern, deren „Goldenes Band“ heute noch von diesem Meisterwerk der Ingenieurskunst zeugt. Diese Heizung hatte 75.000 Kubikmeter Innenraum zu erwärmen, wozu zwei Kessel die ganze Woche über durchgeheizt wurden, ein dritter wurde am Wochenende dazugeschaltet. Am Ende bekam man den Dom im Winter auf 14 °C für den Gottesdienst und hatte dafür fast einen Güterwagen voll Kohle verbraucht. Dieses aufwändige Prozedere währte nur 40 Jahre. Dann wurde das Heizhaus im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute denkt die Dombauleitung allenfalls über eine Raumteilerwärmung nach, die in den Außenwänden des Domes untergebracht wird.
Schutzdach Kirche

Der Dom als Wahrzeichen der Stadt Magdeburg war immer auch Zufluchtsort für die Magdeburger, Kirchenasyl im Mittelalter und ggf. noch heute, Schutzdach für Unzählige, die hier geistlich und körperlich Beistand gesucht haben. Die wohl erschütterndste Geschichte ist das Überleben der letzten zwei- bis viertausend Einwohner während der „Magdeburgischen Bluthochzeit“ 1631, jener ganz Europa erschütternden Vernichtung einer Großstadt mit 20.000 Toten, die als „magdeburgisieren“ makaber in die Kriegsgeschichte einging. Was müssen die Magdeburger im Dom empfunden haben, als draußen die Schreie der Niedergemetzelten, der in die Flammen der Häuser geschleuderten Kinder, der vergewaltigten Frauen und Mädchen, des Feuersturms und Tobens der Soldateska zu hören waren? Drei Tage ohne Essen und Trinken harrten sie aus, Kinder wurden auf den Steinplatten geboren und notgetauft, vielleicht noch ein junges Paar angesichts des drohenden Todes vermählt. Bis General Tilly vor dem Domportal erschien und Domprediger Bake jenen berühmten Kniefall vor dem Eroberer machte, der die Verschonung der Überlebenden bewirkte. 358 Jahre später waren wieder viereinhalbtausend Menschen im Dom versammelt, zum Montagsgebet am 9. Oktober 1989, und draußen standen 10.000 bis 20.000 Mann Sicherheitskräfte um den Dom: bewaffnete Polizisten, schwer bewaffnete Bereitschaftspolizei, Stasi-Mitarbeiter und die Kampfgruppen der Betriebe. Damals durften wir gerade nicht in die Knie gehen, um zu überleben. Die Beter im Dom, die vielen auch nichtkirchlichen Magdeburger und Menschen aus dem Umland, die Mutigen, die später auf die ersten Montagsdemonstrationen gingen, übten den „aufrechten Gang“, wenn auch manchmal mit butterweichen Knien. Gemeinsam haben wir gewaltfrei das restriktive System überwunden. Jede Zeit erfordert ihre eigene Haltung.

Der richtige Grund

Zum Schluss noch einmal die Domtürme, mit denen ich begonnen habe. Jeder Magdeburger kennt den kleinen charakteristischen Unterschied: Der Nordturm trägt eine Kreuzblume, der Südturm nicht. Und alle Magdeburger glauben auch zu wissen, warum das so ist, als wären sie dabei gewesen: 1631 bei der Belagerung Magdeburgs hatte ein kroatischer Kanonier einen Frevel begangen und sollte hingerichtet werden. Tilly soll ihm die Begnadigung angeboten haben, wenn er mit seinem Geschütz die Kreuzblume vom Domturm schießt – wohlgemerkt vom „Kroatenweg“ in Sudenburg, das sind drei Kilometer Luftlinie. Er schoss – und traf. Seitdem fehle dem Dom die zweite Spitze. Weit gefehlt. Man hat im 19. Jahrhundert diese Leistung einmal militärtechnisch nachgeprüft: Die damaligen Geschütze konnten weder so weit noch so hoch noch so genau schießen. Und dann fand man Magdeburg-Darstellungen aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, wo der Dom auch schon nur eine Kreuzblume hat. Also alles Legende? Der wahre Grund liegt im Untergrund der Domtürme. Der Nordturm steht auf dem Domfelsen, der Südturm auf einer sieben Meter starken Grünsandschicht. Und als man die Türme vollendete, begannen beide wegen des unterschiedlichen Baugrundes vom Mittelbau abzureißen. Noch heute drehen und senken sich die beiden Türme millimeterweise. Jesus hat einmal gesagt: Du kannst dein Leben auf Fels oder Sand bauen; und wenn die Stürme des Lebens wehen, wirst du fallen oder standhaft bleiben. Wer sich beide Türme genau ansieht, sieht die Unterschiede: Der Südturm ist leichter, hat dünnere Mauern, größere Fenster, keine riesige Freitreppe, keine Gewölbe, keine Glocken. Und um Gewicht zu sparen, wurde die tonnenschwere Kreuzblume niemals aufgesetzt. Bis ins 19. Jahrhundert sollen noch Teile von ihr auf dem Domplatz gelagert haben. Aber vielleicht ist auch das Legende. Bei den archäologischen Grabungen in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts stellte sich heraus, dass beide Türme auf dieser Grünsandschicht stehen, unter der sich erst tiefer das Rotliegende des Domfelsens verbirgt (übrigens die beiden Magdeburger Wappenfarben). Dennoch bleiben für mich die Türme unseres Doms ein wunderbares Bild: Wer keinen festen Grund im Leben hat, keinen Halt, keinen Glauben, keine Überzeugung, der ist wie der Südturm innerlich hohl. Der wird niemals die Krone des Lebens tragen. Hohle Zeitgenossen gibt es viel zu viel. Aber der Dom steht felsenfest, seit 500 Jahren, und mit ihm ebenso viele Menschen, die mir unendlich wichtig sind – wie er.

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