Lesen kurbelt den Hirnmotor an

Lesen kurbelt den Hirnmotor an | von Prof. Dr. Gerald Wolf

Dieser Text ist ein Test. Jeder möge sich prüfen, ob er geneigt ist, ihn bis zum Ende durchzulesen, um damit seine Hirnmotoren auf Touren zu bringen.

Lesen ist für den Geist, was sportliche Übungen für den Körper sind. Heißt es. Tatsächlich, beides ist anstrengend, in unserem Sprachgebrauch unterscheiden wir gar nicht zwischen geistig und körperlich anstrengend. Und anstrengend war es, als damals in der ersten Klasse alle die 30 Buchstaben lernen mussten. Man hatte sich zu merken, wie sie heißen, wie sie klingen und zu schreiben sind, und wie daraus Worte und ganze Sätze werden. Es war, als könne man hören, wie da der Hirnmotor brummt. Für uns Erwachsene ist das alles ein Klacks. Wie das Fahrradfahren, das Autofahren und das Schwimmen. Denn das Gehirn entwickelt für wiederkehrende Aufgaben Automatismen, und diese mindern die Anstrengung. So weit, bis wir von der einstigen Mühe gar nichts mehr spüren. Mit bildgebenden Verfahren (funktionelle Kernspintomografie, Positronenemissions-Tomografie) lässt sich dem Gehirn bei der Arbeit gleichsam zusehen. Wechselnde Muster aus roten und gelben, grünen und blauen Flecken sind zu erkennen. Sie entsprechen Aktivitätszonen, die farblich kodiert werden. Zwar ist das Gehirn immer „irgendwie“ aktiv, selbst im Schlaf bleiben seine Motoren angeschaltet. Die räumliche Verteilung der jeweiligen Aktivitätsmuster aber unterscheidet sich. So eben beim Lesen oder beim Schreiben oder auch, wenn wir nur zuhören. Flüchtiges Lesen stellt sich mit den bildgebenden Verfahren anders dar als das Buchstabieren eines fremdsprachlichen Textes. Und Hirnregionen, die uns Angst oder Wut empfinden lassen oder Spannung oder Mitleid, werden beim Lesen genauso aktiviert, als ob es sich um reale Erlebnisse handelt.

Lesen schafft Wissen, das andere Leute zuvor erworben haben und uns in der Schriftform mitteilen. Grundlage für die Anreicherung von Wissen ist die Lernfähigkeit, für die wir eine ganz besondere Begabung aufweisen. Der Mensch ist ein „Lernwesen par excellence“. Dafür sorgen in unserem Gehirn spezielle Speichermechanismen und Speicherorte. Doch ist darüber trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung bis heute nur Bruchstückhaftes bekannt. Dann mitunter in winzigsten Details. Allerdings bleibt eben im Verborgenen, wie sich diese zu einer geistigen Leistung zusammenfügen. Wir Hirnforscher haben nicht geringste Vorstellung davon, wo im Gehirn der Buchstabe A repräsentiert wird und wie, wo und wie das M und wo und wie das Z. Geschweige denn, wo im Gehirn alle die Bücher und Skripten abgelegt sind, aus denen wir zuvor gelernt haben. Auf welche Weise lässt sich darin blättern, wie sieht das inwendige Lesen der gespeicherten Textstellen aus?

Andererseits wissen Hirnforscher eine ganze Menge darüber, wie die Motoren beschaffen sind, die unsere Hirnleistungen überhaupt erst ermöglichen, so auch die des Lesens. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um molekulare Pumpen für Stoffe, die sie durch die äußeren und inneren Zellgrenzen (Membranen) zu transportieren haben. Vor allem sind das Ionen, atomare oder molekulare Träger von elektrischen Ladungen also. Diese sorgen für die elektrische Spannung, die an den Membranen anliegt und mit deren Änderung Informationen kodiert und weitergeleitet werden.

Insgesamt kommt in unserem Oberstübchen eine Leistung von etwa 20 Watt zusammen – einem Fünftel des Energieverbrauchs unseres Körpers. Immerhin, denn die Hirnmasse entspricht nur etwa 2 Prozent der Körpermasse. Unser Gehirn verfügt über etwa 100 Milliarden reichlich verzweigter Nervenzellen und etwa ebensovielen Begleitzellen, Gliazellen genannt. Die Nervenzellen bilden jeweils hunderte, zum Teil auch zehntausende hochspezialisierte Kontaktstellen aus, sogenannte Synapsen. Über sie werden Informationen von Zelle zu Zelle ausgetauscht und weitergeleitet. Nur wenige solcher synaptischer Schaltstellen sind erforderlich, um jede der 100 Milliarden Nervenzellen mit jeder anderen zu verbinden – ein wahrhaft gigantisches Schaltwerk. Bald deutlicher, bald weniger deutlich abgegrenzt gibt es darin funktionelle Zentren, die sich von anderen solchen Funktionszentren unterscheiden. Zum Beispiel lässt sich als Teil der Sprachzentren ein spezielles Lesezentrum nachweisen. Wird es durch einen Schlaganfall außer Gefecht gesetzt, gelingt das Lesen plötzlich nicht mehr. So tragisch das für die Betroffenen auch ist, solchen Beobachtungen sind detaillierte Kenntnisse zur Organisation der Lesebefähigung zu verdanken. Bei Menschen mit einer angeborenen LeserechtschreibSchwäche ist die Hirnaktivität in diesem Zentrum verringert. Konzentriertes Üben verbessert die Fähigkeiten. Dann heißt es: lesen, lesen, lesen! Überhaupt ist anzuraten: viel lesen! Lesen bedeutet für das Hirn viel Arbeit, und das tut ihm gut. Mit bildgebenden Verfahren ist dabei ein Mosaik aus aktivitätskodierenden roten, gelben, grünen und blauen Flecken auszumachen, das durch seine Kleinteiligkeit auf eine insgesamt höhere Aktivität schließen lässt. Ganz besonders gilt das dann, wenn Schul- und Lehrbücher verschlungen werden – eine auch im Wortsinn schweißtreibende Arbeit, vor allem in Prüfungszeiten. Menschen, die aus innerem Antrieb oder beruflich engagiert gewöhnt sind, viel zu lesen, halten ihr Gehirn auf Trab. Das erweist sich als gewinnbringend auch im Alter. Und gerade im Alter. Selbst wenn es nur um Romanhandlungen geht, hat sich der Lesende die hier beschriebenen Personen als leibhaft agierende Wesen vorzustellen, deren Handlungen und emotionale Reaktionen zu verinnerlichen, das Umfeld, die Spannung der Geschichte, Hoffnungen und Enttäuschung muss er nachvollziehen und Zusammenhänge mit früheren Abläufen erkennen. Unbekannte Begriffe zwingen zum Nachschlagen. Nicht alles, aber vieles davon bleibt hängen, die Lektüre verwandelt uns. So, wie das reale Erleben, doch gemessen am Aufwand an Zeit und Mühen und Geld ist Lesen weit effektiver.

Besser durch Lesen klug werden als durch Schaden! In Berichten zur jüngsten PISA-Studie heißt es, bei uns in Deutschland habe jeder fünfte der
Neunt(!)-Klässler große Mühe, Texte zu lesen und zu verstehen. An Schulen, die keine Gymnasien sind, sei es fast jeder Dritte, Tendenz steigend. Unser Deutschland, im Weltvergleich gerade mal Mittelfeld! In Sachen Kultur, Wissenschaft und Technik war es einst Vorreiter für die Welt! Nun rätseln die Bildungspolitiker, wie die Lesefähigkeit, eine der Schlüsselkompetenzen, zu steigern sei. Ihre Forderungen sind immer dieselben: mehr Geld, mehr Lehrer, mehr Digitalisierung und überhaupt mehr Anstrengungen. Nicht etwa seitens der Schüler, nein, die Gesellschaft ist gemeint, meistenteils solche Menschen, die lesen können! Zur Abwechslung sei mal an die Umkehrung gedacht, an Verhältnisse, wie sie früher üblich waren: Diejenigen, um die es geht, die Schüler, sollten sich mehr anstrengen, und das mit spürbaren Konsequenzen! Auch Mutter und Vater müssen ran, Elternteil eins wie zwei, gerade dann, wenn sie vorgezogen haben, fürderhin getrennte Wege zu gehen. Öfter mal versuchen, das auf dem Rücken liegende, fernsehende oder mit dem teuren
Handy spielende Kind umzudrehen und auf die eigenen Beine zu stellen. Wenn es umfällt, ist das sogar gut, sofern es dadurch lernt, sich selbstständig hochzurappeln. Zum Beispiel eben den Hirnmotor durch vieles Lesen auf Touren zu bringen.

Prof. Dr. Gerald Wolf ist seit 2015 regelmäßig mit Beiträgen in der KOMPAKT ZEITUNG vertreten. Außerdem wirkte er maßgeblich an der Initiierung des wissenschaftlichen Beirates für die redaktionelle Arbeit mit

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