Lutki

Auch wenn Sie nicht wissen, liebe Leserinnen und Leser, was Lutki sind, und solche auch niemals zu Gesicht bekommen, so werden Sie doch zustimmen, dass der Spreewald eine wunderbare Landschaft ist. Fließe durchziehen das Land, überall Bäume, an vielen Stellen himmlische Ruhe, Kahnfahrten, Paddeln, Radfahren, Wandern, eingelegte Gurken und anderes Gemüse. Und Lutki? Ein Wort der sorbischen Sprache. Es bedeutet „kleine Menschen“, wir würden sie wahrscheinlich als Zwerge bezeichnen, so, wie sie in deutschen Märchen vorkommen. Die Verwandtschaft von „Lutki“ mit unserem „Leute“ ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen; denn Sorbisch als slawische Sprache gehört, ebenfalls wie Deutsch, zur großen Familie der indogermanischen oder indoeuropäischen Sprachen. Und wer in der Schule zu DDR-Zeiten noch den obligatorischen Russischunterricht erlebt hat, kann sich vielleicht noch an das russische Wort „люди“ erinnern, auf Deutsch, gemäß dem Wörterbuch, „Leute, Menschen“. Mich erinnert dieses russische Wort auch noch an die sow-jetischen Soldaten, die bis 1994 im östlichen Teil Deutschlands stationiert waren. Wenn sie zu Manövern fuhren, oder überhaupt bei Transporten übers Land, saßen sie, jedenfalls die einfachen Rekruten, gewöhnlich auf der Ladefläche von Lkws. Dann waren vorn und hinten am Lkw Schilder mit der Aufschrift „Leute“ in deutscher Sprache angebracht. Zu sehen waren solche Schilder mit der russischen Aufschrift „люди“ auch nach dem aserbaidshanisch-armenischen Krieg im September 2020, als russisches Militär zur Trennung der Kriegsparteien in das Gebiet Berg-Karabach einzog. Dieser Krieg hatte übrigens auf jeder Seite mindestens dreitausend Opfer gekostet, und als Anfang Dezember 2020 in der aserbaidshanischen Hauptstadt Baku eine „Siegesfeier“ mit großer Militärparade ablief, saß der türkische Präsident Erdogan einträchtig neben Aliyev. Zum Hintergrund: Im 1. Weltkrieg wurden durch die türkische Regierung systematisch über eine Million Armenier umgebracht, der Deutsche Bundestag hatte dazu 2016 in einer Resolution die Türkei des Völkermords bezichtigt.

Doch zurück zu uns in Deutschland. Die Offiziere des Stabes der sowjetischen Militäradminis-tration hätten sich doch damals mal lieber an das, sagen wir mal, Verkehrsministerium der DDR wenden sollen, wie ein solches Schild aussehen müsste und könnte. Und dieses Ministerium hätte wahrscheinlich einen Brief mit ungefähr diesem Inhalt geschrieben: „Liebe sowjetische Genossen! … Bezüglich der Aufschrift auf den Hinweisschildern an Euren Lkws teilen wir Euch mit, dass die Aufschrift ,Leute‘ in unserem Sprachgebrauch nicht üblich ist. In keinem Gesetz, in keiner Anordnung, auch in keinem Polizeibericht könnt Ihr dieses Wort finden. Daher schlagen wir Euch vor, anstelle von ,Leute‘ zu schreiben: ,Personentransport‘ oder ,Personenbeförderung‘. Mit sozialistischem Gruß …“. Ja, tatsächlich, „Leute“ finden wir in der an mehrere Personen gerichteten Anrede, wobei dem Redner diese Personen meist bekannt sind, bei Schriftstellern, in mündlichen Erzählungen u. a. Dem Wort haftet eine gewisse Vertraulichkeit an, während „Person“ oder „Personen“ mehr mit dem offiziellen Schriftverkehr, vor allem mit dem Amtsdeutsch, verbunden ist. Wenn Sie die Beförderungsrichtlinien eines Verkehrsunternehmens studieren, können Sie finden, dass Personen (und eben nicht „Leute“), die ohne Fahrschein angetroffen werden, eine Geldstrafe zahlen müssen.
Schade, dass wir jetzt nicht reisen dürfen. Aber im vorigen Jahr war das zeitweise noch möglich. Und da hat, um auch Kindern die Schönheiten des Spreewalds nahezubringen, ein Lübbenauer Medienhaus eine schön gestaltete Broschüre herausgebracht, unter der Bezeichnung – und die liegt dann auch gleich auf der richtigen Wellenlänge, nämlich mit einem Schuss Englisch – „Urlaubsreich Kids Spreewald“. Darin werden viele Sagenfiguren beschrieben, wie eben auch die schon erwähnten Lutki, die unter der Erde wohnen sollen. Weil es im Spreewald aber auch viel Wasser gibt, gibt es auch ein Reich des Wassermanns und seiner Töchter. Aber Vorsicht! Die Broschüre warnt (wörtlich): „So manch Jüngling ist dabei dem Charme der Wassermanntöchter erlegen und wart auf nimmer Wiedersehen in den Tiefen der Spree verschwunden.“ Wart’ ‘s ab, liebe Freunde, wir sehen uns erstmal das „nimmer“ und das „Wiedersehen“ an. „nimmer“ heißt „niemals“, „nie mehr“, und ist als Wort eigentlich im Aussterben begriffen. Wir treffen es noch in Märchen und vielleicht noch bei Schriftstellern und Dichtern aus den vergangenen Jahrhunderten. Für die Aussagen zur Sagenwelt ist es allerdings sogar sehr gut gewählt, nur hätten die Redakteure vorher mal in den Duden schauen sollen. Jetzt, nach der Rechtschreibreform, die es in unserem deutschen Sprachraum vor rund 20 Jahren und in späteren Korrekturen gab, geistert überall in den Köpfen der Menschen etwas von Getrenntschreibung herum. Viele Wörter sollen angeblich nicht mehr zusammengeschrieben werden, sondern eben getrennt. Verunsicherung allerorten! Freunde, auch der allerneueste Duden (von August 2020) schreibt „Nimmersatt“, „auf Nimmerwiedersehen“ vor, also zusammengeschrieben!

Und dann kommt in dem Satz (siehe oben) „wart“ vor. Richtig geschrieben, steht sogar im Duden: „wart (2. Pers. Plur. Indikativ Prät. von sein)“. Für die Leserinnen und Leser, deren Schulzeit schon eine Weile her ist, erläutern wir diese Abkürzungen, indem wir ganz einfach das Verb „sein“ konjugieren (= beugen, also Formen mit den persönlichen Fürwörtern bilden): ich bin, du bist, er ist, wir sind, ihr seid, sie sind – das ist das Präsens, also die Gegenwart. In der einfachen Vergangenheit heißt dies: ich war, du warst, er war, wir waren, ihr wart, sie waren. In dem Satz mit dem verschwundenen Jüngling wäre also „… und war auf Nimmerwiedersehen … verschwunden“ ausreichend. Aber wahrscheinlich ließen sich die Schreiberinnen der Zeilen davon leiten, dass sie schon mal etwas gelesen oder gehört hatten, was so klingt: „und er ward nicht mehr gesehen.“ Ein solcher Ausspruch wird auf Luthers Übersetzung der Bibelstelle 1. Mose 5,24 zurückgeführt – „Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt“ – und ist zu einer Redensart geworden. Wir würden heute ganz einfach schreiben: „… und er wurde nicht mehr gesehen.“

Mit „Happy Action to you“ werden wir eingeladen, noch weitere schöne Orte des Spreewalds kennenzulernen. Zum Beispiel das Dorf Dissen am Gurkenradweg. Dort soll sich ein Aueroxenreservat mit Naturspielplatz befinden. Gleich vorweg: Das gibt es nicht! Wenn Sie doch selbst schon mal dort waren, dann haben Sie allerdings Auerochsen gesehen. Nochmal: Auerochsen. Das Wildrind war schon lange ausgerottet, durch sogenannte Rückzüchtung ist es gelungen, wieder Auerochsen-Zuchtstiere (Achtung, kein Rechtschreibefehler: Zucht-stiere, also die männlichen Tiere) und -Kühe in Zoos heranzuziehen. Besondere Förderung hatte diese Rückzüchtung durch die Nazis erfahren, denn der Auerochse als urgermanisches Tier verkörperte in ihren Augen Kraft und Zähigkeit.

Es gibt im Spreewald außer der Ruhe noch viel anderes zu entdecken. Rund 250 Wehre sorgen dafür, dass das in den letzten Jahren immer knapper werdende Wasser nicht ungehindert nach Norden abfließt. Da die Wehre sehr hinderlich für die Schifffahrt, in unserem Falle für die Kähne und Paddelboote, sind oder sie ganz unmöglich machen, wurden Schleusen erfunden. Wenn Sie also eine Kahnfahrt machen oder mit dem eigenen oder einem gemieteten Boot paddeln, dann werden Sie sicherlich mehrere der insgesamt rund 100 Schleusen passieren, es sei denn, Vorhängeschlösser blockieren die Schleusen, wie in den letzten Jahren, um eben das Abströmen von Wasser zu verhindern. Sollten Sie selbst Schleusen betätigen müssen, ist es angebracht, einige Ausdrücke zu kennen: Schleusentor bergwärts (Oberwasser, oberes Tor) – das ist die Richtung, aus der das Wasser kommt; hier ist der Wasserstand höher als hinter dem Schleusentor talwärts (unteres Schleusentor, Unterwasser) – in diese Richtung fließt das Wasser. Es trainiert die Muskeln und die Gelenkigkeit, die Schleusung selbst vorzunehmen. Vielleicht sind aber auch Kinder oder Jugendliche als Helfer vor Ort, die sich mit dem Öffnen und Schließen der Schleusentore einen Groschen verdienen wollen. In einem solchen Falle könnten Sie wahrscheinlich diesen Spruch hören:

Ob Schleusenwärter groß oder klein,
wir lassen Sie in die Schleuse rein.
Wir lassen Sie auch wieder raus,
und wir hoffen, Sie geben einen aus.
Wird weniger gegeben als vermutet,
wird der Kahn sofort geflutet!

Keine Angst, das Fluten wird Ihnen nicht passieren!
Ihr Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer