Samstag, August 13, 2022
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Lyssenkoismus heute

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Von Prof. Dr. Reinhard Szibor

Wer kennt eigentlich noch Trofim Denissowitsch Lyssenko? In Deutschland dürfte er wohl nur noch Menschen im Alter von 70 plus bekannt sein, und das wohl auch nur, wenn sie im Osten aufgewachsen sind. Das ist fatal, denn die Zeichen der Zeit stehen dafür, dass der Lyssenkoismus aufersteht. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Kampfansage an die Biologie
Lyssenko wurde in der Sowjetunion und auch bei uns bis in die 60er Jahre als großer Agrarwissenschaftler gepriesen. In Wahrheit ließ er alle Attribute eines Wissenschaftlers vermissen. Er war Scharlatan und Verbrecher. In den 1930er Jahren entwickelte er seine pseudowissenschaftliche Lehre, wonach die Eigenschaften aller Organismen nur durch die Umwelt bestimmt würden. Demzufolge könne man sie durch die Schaffung bestimmter Umweltbedingungen formen. Die Exis-tenz von Genen, die auch schon nach damaligem Erkenntnisstand die Beschaffenheit von Lebewesen fundamental bestimmen, wurde geleugnet. Wer die Genetik verteidigte, galt als Reaktionär und Staatsfeind. Lyssenkos Theorie passte in die Wunschwelt der Kommunisten, die vom Menschen eines neuen Typus träumten, der durch die kommunistische Gesellschaftsordnung zum Sowjetmenschen geformt würde. Die schnöde Welt der Genetik, die der Formbarkeit des Menschen Grenzen setzt, war da störend. Da verwundert es nicht, dass Josef W. Stalin der Lyssenko-Theorie zugetan war und sie zum Dogma erhob. Lyssenko wurde mit unbegrenzter Macht im Wissenschaftsbetrieb ausgestattet, der von da an ein Pseudowissenschaftsbetrieb war. Er schaffte die wissenschaftsbasierte Pflanzenzucht ab und setzte auch weitere bewährte Verfahrensweisen der Landwirtschaft außer Kraft. Als Resultat gab es sich wiederholende Missernten, in deren Folge tausende Menschen verhungerten. Zur gleichen Zeit gab es in der Sowjetunion hervorragende Wissenschaftler, die in der ganzen Welt geachtet wurden, so der Genetiker Nikolai Iwanowitsch Wawilow. Er galt in der wissenschaftlichen Welt als Nobelpreisanwärter. Wawilow wurde infolge der Lyssenko-Politik zum Tode verurteilt. Später wurde er zu einer langjährigen Gefängnisstrafe begnadigt, was ihm aber nicht half, weil man ihn im Gefängnis verhungern ließ. Eines der schrecklichsten Bücher, das ich besitze, enthält einen Bericht über die Tagung der Leninakademie der landwirtschaftlichen Wissenschaften der UdSSR im Jahre 1948. Hier widerriefen alle sowjetischen Genetiker ihre bisherigen Publikationen in dem Wissen, dass sie sonst in sibirischen Arbeitslagern enden würden. Allerdings wurden manche von ihnen trotzdem verbannt.

Heute sind lyssenkoistische Weltanschauungen wieder en vogue, so z. B. wenn es um das Geschlecht von Menschen geht. Es wird behauptet, dass das Geschlecht nicht biologisch festgelegt würde, sondern dass es eine soziale Konstruktion sei. Überhaupt gäbe es nicht nur zwei Geschlechter sondern sehr viele. Queere Strömungen überbieten sich gegenseitig mit Angaben, wie viele es denn seien. Von 64 bis zu mehreren hundert reichen die gängigen Zahlen. Das Geschlecht würde dem Menschen nach deren Ansicht bei der Geburt zugewiesen und man könne es jederzeit abwählen und durch ein anderes ersetzen. Das ist nicht nur eine weltfremde Phantasie, sondern in den meisten westlichen Demokratien eine durch Gesetze legitimierte Handlungsoption.

Biologisch ist eigentlich alles klar
Das Geschlecht eines Menschen wird genetisch bestimmt, nämlich durch die Geschlechtschromosomen X und Y. Die Entscheidung, welches Geschlecht ein Individuum besitzt, fällt im Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Hinsichtlich der Geschlechtschromosomen bringt die Eizelle immer ein X-Chromosom ein, Spermien können entweder ein X- oder ein Y-Chromosom besteuern. Entsteht die Kombination XX wird das Kind ein Mädchen, XY determiniert das männliche Geschlecht. Dass es auch Fehler in der Verteilung der Geschlechtschromosomen gibt, die sich sowohl bei der Keimzellenbildung oder auch unmittelbar nach der Befruchtung einstellen können, ändert nichts an der Tatsache, dass die Geschlechtersituation des Menschen binär ist. Die Anwesenheit des Y-Chromosoms führt dazu, dass Geschlechtshormone gebildet werden, die die Entwicklung des Embryos in männliche Richtung festlegen. In sehr seltenen Fällen kommt es vor, dass eine Mutation bewirkt, dass die Bindungsstelle für das Hormon (Androgenrezeptor) deformiert ist. Bildlich gesprochen passt dann der Schlüssel (das Hormon) nicht in das fehlerhafte Schloss. Dann entwickeln sich die davon betroffenen Individuen zu weiblichen Personen. Sie sind häufig sehr attraktive Erscheinungen, die als weiblicher Partner erfüllte Ehen führen können, allerdings ohne eigene (leibliche) Kinder bekommen zu können. In der Welt des Sports sind sie auf Grund der besonderen Konstellation Frauen ohne Anomalien überlegen. Deshalb wurden sie früher von Wettkämpfen ausgeschlossen. Das ist ihnen gegenüber ungerecht. Starten Sie hingegen in Konkurrenz zu Frauen mit normaler Geschlechtsentwicklung, sind letztere benachteiligt. Es gibt keine Lösung ohne Ungerechtigkeit. Neben dem angeschnittenen Problem gibt es noch weitere Unregelmäßigkeiten, die dazu führen, dass die embryonale Entwicklung der Geschlechtsorgane gestört wird und zum Zeitpunkt der Geburt trotz eindeutiger Chromosomenkonstellation, das Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ausgebildet ist. Das sind Problemfälle, die einer medizinischen Betreuung bedürfen.

Die Macht der Trans-Community
Es gab sie schon immer, Frauen, die lieber Männer sein wollen und umgekehrt. Früher galten sie als Außenseiter, wenn sie ihre Vorstellungen umsetzten und „transgenderten“. Von der Bevölkerungsmehrheit wurden sie diskriminiert. Das war Unrecht. Unbestritten ist, dass jeder Mensch, der sich dauerhaft in seiner Geschlechterrolle nicht wohl fühlt, das Recht haben muss, sich einfach als Angehöriger eines anderen Geschlechts auszugeben. Dabei ist es egal, ob das real existierende komplementäre oder eines der 60 virtuellen Geschlechter ausgewählt wird, die z. B. Facebook seinen Nutzern anbietet. Zu hinterfragen ist allerdings, ob es angemessen ist, mit welcher Macht diese kleine Minderheit ausgestattet ist. Aufbauend auf ihrer These, dass das Geschlecht sowieso nur eine soziale Konstruktion sei, suggerieren sie, dass der Wechsel etwas Normales wäre. Und sie werben sogar bei Kindern und Jugendlichen dafür, es zu tun. Der Öffentlich Rechtliche Rundfunk hilft kräftig mit. Die Zahl der Transkinder explodiert. Kliniken in Deutschland, in denen noch vor Jahren ein Dutzend Kinder vorstellig wurden, verzeichnen eine Verfünffachung der Zahlen. Die Politik gießt die Wünsche der Transgender-Lobby in Gesetze. In Deutschland hat man im vergangenen Jahr die adäquate medizinische Behandlung dieser Kinder kriminalisiert. Jeder Arzt, der „nichtaffirmativ“ behandelt, der also den Wunsch nach Geschlechterwechsel bei Kindern auf Ernsthaftigkeit hinterfragt, setzt sich der Gefahr einer Bestrafung aus. Die abgewählte schwarz-rote Koalition hat ein „Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen“ auf den Weg gebracht. Das besagt, dass man Kinder, die eine geschlechtsverändernde Behandlung mit Hormonen und Operation anstreben, nicht von ihrem Wunsch abbringen darf. Mit Freiheitsstrafe oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine Konversionsbehandlung an Personen unter 18 Jahre durchführt. Bisher waren damit Ärzte und Psychotherapeuten gemeint und Eltern waren von dieser Strafandrohung ausgenommen. Sie durften versuchen, ihre Kinder von ihrem fatalen Wunsch, der ja oft nur temporär besteht und später bereut wird, abzubringen. Die Geschlechtsumwandlung macht die Betroffenen zu lebenslangen Patienten, die mannigfaltige gesundheitliche Schäden davontragen und ständig Hormongaben brauchen. Der Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung bekundet nun die Absicht, Eltern dieser Kinder nicht mehr von der Strafandrohung auszunehmen. Wenn diese es z. B. wagen sollten, ihrer bis zu diesem Zeitpunkt gesunden, minderjährigen Tochter die Amputation der Brüste und der Eierstöcke auszureden, können sie im Gefängnis landen.

Weltweite Renaissance
des Lyssenkoismus
Wenn Naturwissenschaftler nicht gerade eine apokalyptische Prognose zum Klimawandel präsentieren, finden sie in unseren westlichen Gesellschaften heute kaum noch Gehör. Besonders konsequent ignoriert werden die Erkenntnisse der Genetik. Die Botschaft, dass das Geschlecht bei höheren Lebewesen genetisch determiniert wird und danach feststeht, ist heute kaum noch vermittelbar. Die These, dass das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei, gilt sogar als wissenschaftlich. Fatal, dass Menschen, die einen solchen Schwachsinn behaupten, sich als Wissenschaftler bezeichnen dürfen und sogar Lehrstühle besetzen. Auch in Sachsen-Anhalt! Im wissenschaftlichen Bereich wird die biologische Realität zunehmend auf dem Altar der Transgender-Ideologie geopfert. So hat z. B. die britische Ärztekammer in ihrem Leitfaden für eine „inklusive Sprache“ empfohlen, den Begriff „schwangere Frauen“ durch „schwangere Menschen“ zu ersetzen und die Editoren der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift Lancet beschlossen, Frauen als „Körper mit Vagina“ zu bezeichnen. Der UN-Sonderberichterstatter Victor Madrigal-Borloz stellte Ende September der UN-Generalversammlung einen absurden Bericht vor, in dem er u. a. die vom Vatikan vertretene Binsenweisheit, wonach Mann und Frau nicht gleich seien, sondern einander ergänzende, gesellschaftliche Rollen aufweisen, als reaktionär bezeichnet. (Der Vatikan zweifelt übrigens nicht die Gleichwertigkeit der Geschlechter an).

Wer unwiderlegbare Tatsachen ausspricht, hat schlechte Karten. Die bekannte britische Philosophieprofessorin Kathleen Stock, eigentlich von Hause aus als lesbische Feministin ins Lager der LSBTIQ-Bewegung passend, hat auf Druck der radikalen Transgender-Aktivisten ihre Stelle an der Universität Sussex (U.K.) verloren. Der Vorwurf: „Transphobie“! Sie verteidigte die Feststellung, dass das Geschlecht eine biologische Realität sei und nicht nach Belieben gewechselt werden könne. Auch stellte sie fest, dass es für normale Frauen unzumutbar ist, wenn „trans-Frauen“ (Männer!) der Zutritt zu Frauenumkleideräumen und Frauengefängnissen gewährt wird. Auch ein fairer sportlicher Wettbewerb sei nicht möglich, wenn trans-Frauen gegen cis-Frauen antreten. Das sind alles unbestreitbare Tatsachen, aber es wurde daraufhin eine Hexenjagd inszeniert. Ein offener Brief von Fachkolleginnen und -kollegen fand weltweit 600 Unterstützer. Man forderte ihre Entlassung. Es wurden Demonstrationen vor der Uni abgehalten und Steckbriefe von ihr verteilt. Nur wenige Mitarbeiter hatten den Mut, ihre Kollegin öffentlich zu verteidigen „Die Hexe ist tot“, triumphierte man im Netz nach ihrem erzwungenen Rückzug und vermutlich ließen auch einige Dozenten der Leibniz-Universität Hannover, der Ruhr-Universität Bochum, der Universitäten Berlins, der Hochschulen von Augsburg, Tübingen, Erfurt, Aachen und Potsdam die Sektkorken knallen. Sie hatten sich an der Hetzjagd beteiligt. Bevor es soweit war, riet die Universität Sussex Kathleen Stock zum Personenschutz, denn Studenten bilden heute wieder terroristische Organisationen, die man am ehesten mit den roten Garden Chinas und den 68er Studentenhorden um Rudi Dutschke vergleichen kann, aus denen die RAF hervorging. Sie schwenken zwar nicht mehr die Mao-Bibeln, wie seiner Zeit Ulla Schmidt, Jürgen Trittin, Winfried Kretschmar u. a. bekannte Persönlichkeiten, sondern den Katechismus der Gender-Doktrin von Judith Butler, in dem behauptet wird, dass der Mensch fernab von der Biologie so gemacht werden kann, wie es einer Minderheit gefällt. Zum Abschuss freigeben ist auch Joanne K. Rowling. Sie berichtet, dass sie inzwischen mit Todesdrohungen ihr Haus tapezieren könnte. Nein, die „Hexe wurde nicht verbrannt“, sondern nach Nazi-Manier „nur“ ihre Bücher. Die Harry-Potter-Autorin hatte sich ähnlich wie Kathleen Stock geäußert und dazu noch Spott über jene ge- gossen, die das Wort „Frauen (Women)“ durch den Terminus „Menschen, die menstruieren“ substituieren, um Trans-, Inter- und queere Menschen sprachlich zu inkludieren. Die Idee, Menschen nach ihrem Vaginalausfluss zu kategorisieren und Frauen nicht wegen ihrer Wesenseigenschaften zu schätzen, findet sie absurd und frauenverachtend.

In Deutschland schlägt vergleichbarer Hass dem Lehrstuhlinhaber am Institut für Biologie der Universität Kassel, Professor Ulrich Kutschera, entgegen. Er hat an mehreren deutschen Universitäten Redeverbot, weil er von den anerkannten Fakten der Biologie nicht lassen will. In Magdeburg widerfuhr das Wissenschaftsmobbing dem emeritierten Neurowissenschaftler Prof. Gerald Wolf. Er wollte auf Einladung an der Otto-von-Guericke-Universität über Befunde an Gehirnen von Frauen und Männern referieren. Aber ein aufgebrachter studentischer Mob schrie ihn nieder und griff ihn sogar tätlich an, indem er ihm das mitgebrachte Anschauungsmaterial aus der Hand schlug. Soweit so schlecht. Erstaunlich nur, dass aktuell ein Kollektiv von feministischen Studentinnen aus der geistigen Nähe dieser Kreise (ob sie selbst dabei waren, ist nicht bekannt) in ihrer neuen Zeitschrift namens „Tja?!“ eine Förderung der Gendermedizin fordern. Wie will man das realisieren, wenn man die wissenschaftliche Beschäftigung mit den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern mit gewalttätigen Aktionen verhindert?! Logisches Denken und Lernen ist nicht mehr gefragt. Es reicht, wenn man eine Haltung zeigt.

Unser Lyssenkoismus ist viel
humaner als der damalige
Nein, weder im Vereinigten Königreich noch in Deutschland gibt es Straflager wie die sibirischen Gulags, in die man Genetiker oder andere Menschen, die an den Lehren der Biologie festhalten, verbannen könnte. Auch wird niemand von denen erschossen. Die Hinrichtung findet in den Medien statt und endet mit dem Verlust der gesellschaftlichen Reputation und der beruflichen Karriere. Und sollten Eltern, die nach § 2 des Gesetzes zum Schutz vor Konversionsbehandlungen ins Gefängnis kommen, weil sie ihre bis dahin gesunden Kinder davon abhalten, Pubertätsblocker zu nehmen und verstümmelnde Operationen auf sich zu nehmen, ist das auch nicht so schlimm. Das Schicksal von Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der im Gefängnis verhungerte, wird niemand erdulden müssen. In unseren Gefängnissen gibt es gesunde Verpflegung und sogar Sporthallen für Gefangene. Können wir uns nicht glücklich schätzen?!

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