Machteburch, un nich anners, du Vorel!

Neulich erzählten mir Bekannte, sie hätten gehört, dass Schüler in den ersten Klassen der Grundschule nach Gehör schreiben. Also, der Lehrer liest etwas vor, und die Kinder schreiben die Wörter und Buchstaben so, wie sie sie hören. Das scheint mir eine völlig neue Art und Weise zu sein, wie Kinder in den ersten Jahren ihres Schülerdaseins das Schreiben und Lesen erlernen sollen. Auch wenn eine solche Praxis – falls sie existiert haben sollte – inzwischen aufgegeben wurde, gibt sie Anlass, einige Überlegungen anzustellen.

Um schreiben zu können, muss ich Schriftzeichen kennen. Schriftzeichen sind bei uns in Deutschland und wahrscheinlich auch im sonstigen Europa Buchstaben. Wenn ich jedoch etwas höre, wenn ich etwas spreche, dann sind Laute im Spiel. Die „Erfinder“ der Schrift hatten vor sehr langer Zeit die Aufgabe, Lauten Buchstaben zuzuordnen. Es wird angenommen, dass mit der Herausbildung von Privateigentum und der damit einhergehenden Auflösung der Urgesellschaft die Notwendigkeit entstand, Besitzansprüche zu dokumentieren, und dies geschah dann damit, dass Urkunden ausgestellt wurden.

Was wir hören und sprechen, das sind Laute, nicht Buchstaben. Die Buchstaben, also in der Form einer Schrift, sind der Versuch, Laute materiell darzustellen. Die Zahl der Laute in der deutschen Sprache können wir auf rund 40 bis 50 schätzen. Wir sind uns dessen in der Regel nicht bewusst, und in Nachschlagewerken zur deutschen Sprache, zum Beispiel im Duden, wird wenig oder gar nicht auf Laute Bezug genommen. Wozu auch? Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, Wörter richtig aussprechen zu können. Es fällt höchstens mal auf, wenn ein Wessi das Wort „Spaß“ mit kurzem [a] ausspricht, wo wir doch in unserer Region beim Spaß an den langgedehnten Vokal [a:] gewöhnt sind. Wenn Sie ein für Deutsche ausgelegtes Wörterbuch Englisch-Deutsch zur Hand nehmen, finden Sie für jedes englische Wort eine Umschrift in der sogenannten Internationalen Lautschrift. Wir verwenden im vorliegenden Text eckige Klammern, die Aussprachehinweise entsprechen aus drucktechnischen Gründen jedoch nicht der Internationalen Lautschrift und enthalten hilfsweise Buchstaben und Umlaute unseres deutschen Alphabets.

Im Deutschen haben wir ein vom Lateinischen herkommendes Alphabet mit 26 Buchstaben, dazu könnte man noch die sogenannten Umlaute ä, ö und ü rechnen. Diese 26 Buchstaben sollen also die geschätzt rund 40 bis 50 Laute unserer Sprache abdecken. Wir haben es mit fünf Vokalen, sogenannten Selbstlauten, zu tun, die, wie die deutsche Bezeichnung es besagt, von selbst lauten: a, o, u, e, i. Die übrigen Laute sind sogenannte Konsonanten oder Mitlaute (lateinisch: consono = zusammenklingen, mittönen), die jedoch, und das ist erst bei näherer Betrachtung auffällig, nur einzeln gesprochen zusammen mit einem Vokal mitlauten, aber nicht beim Auftreten in einem Wort! Nur wenn wir die Konsonanten-Buchstaben buchstabieren, geben wir ihnen einen Namen: [be], [ce], [de], … [ef], …[ha], … ku, … [ypsilon], [zet]. Wenn wir jedoch ein Wort aussprechen, nehmen wir nur den Grundlaut des Konsonanten, ohne irgendwelche mitlautenden Vokale. Beispiele von Wörtern: klein, hoch, Hebel, Quelle, bleiben usw. Es ist z. B. vom Buchstaben H im Wort „Hebel“ oder „hoch“ nichts von einem [a] zu hören. Der liebe Leser kann ein x-beliebiges Wort nehmen, vom Buchstabiernamen der Konsonanten wird bei der Aussprache des Wortes – wir wiederholen uns hier – nur der Grundlaut genommen, nicht der Buchstabiername. Sehen wir uns die Aussprache der Vokale an. Beispielhaft betrachten wir den Selbstlaut e.

Eine Regel für die Aussprache, ob e langgedehnt oder kurzgesprochen, gibt es nicht. Und hierin kön- nen Quellen für Rechtschreibefehler liegen:
e langgesprochen, sogenanntes geschlossenes e:
Heer, geben, Speer, Beere („geschlossen“ be-
deutet, dass die Lippen beim Sprechen sich
nicht weit öffnen.)
e kurzgesprochen, ebenfalls geschlossenes e:
bester, hetzen, Netz, Pest
e das ähnlich einem [ä] klingt, sogenanntes
offenes e: der, her, herein, Sperber, Herbst
e unbetont am Wortende, ein fast verschluckter und schwer zu definierender Laut: Hase,
Zuhause, öffnen, Ende, Schule, Hetze
In dem Wort „erleben“ finden wir drei Varianten für die Lautung des e: [ärlebn]. Wenn Sie dieses Wort in Gedanken aussprechen oder vor sich her murmeln, können Sie das nachvollziehen.
Die Verhältnisse sind ähnlich bei den anderen vier Vokalen (a, o, u, i): z. B. Dehnungs-h (Hohn, Huhn), bei i Dehnungs-e (hier, Tier, vier).

Interessant ist die sehr häufig vorkommende Endung er: Schüler, Lehrer, Berater, Öffner. Hören Sie hier ein deutliches r am Ende? Klingt diese Kombination von e+r nicht eher wie ein schwaches undeutliches a? Aber doch unterschiedlich vom alleinstehenden e am Ende eines Wortes (Hase, Zuhause, öffnen, Ende, Schule, Hetze).

Konsonanten, wie wir schon festgestellt haben, werden nur als Grundlaut gesprochen. Dabei ist kein Unterschied in der Aussprache zwischen den Konsonanten d – t festzustellen, wenn sie am Wortende auftreten: Band, bunt, Verbund, Hand, Hund, Geld, Entgelt. Dies trifft auch für b – p zu: Hub, hopp, er schob, Bub, gelb, Skalp.

Die Verbindungen mehrerer Vokale dienen dazu, sogenannte Diphthonge oder Zwielaute darzustellen: au, ei, ai, eu, äu, oi, ui: Haus, Häuser, heute, pfui. Auch hier ist wieder bemerkenswert, dass einige Diphthonge gleich klingen, jedoch unterschiedlich geschrieben werden: heute, Häuser, Ei, Hai, Mai, mein.
Die Verbindungen von mehreren Konsonanten dienen auch dazu, Laute darzustellen:
s-c-h zur Bildung eines Zischlautes: Schwein, schön, haschen, Busch
s-t, s-p zur Bildung eines Zischlautes: Stange, sprechen, stinken, spielen (Anmerkung: Es gibt Gegenden in Norddeutschland, wo kein Zischlaut gebildet wird, dort s-tolpern die Menschen dann über einen s-pitzen S-tein.)
n-g zur Bildung eines Nasallautes: Zange, bange, Angst, kungeln, hängen
n-k zur Bildung eines anderen Nasallautes: blank, hinken, blinken, Bank
c-h zur Bildung des Ach-Lautes: machen, kochen, hoch, Buch (nach den „dunklen“ Vokalen a, o und u)
c-h zur Bildung des Ich-Lautes: ich, mich, Zeche, Recht, sichern (nach den „hellen“ Vokalen i und e)

Die Angleichung zum Ich- oder Ach-Laut geschieht hier von links nach rechts, d. h. der vor c-h stehende Vokal bestimmt, ob ein Ach-Laut oder ein Ich-Laut folgt. In der Phonetik wird diese Regel als progressive Assimilation bezeichnet. Zum Vergleich: Im Russischen haben wir es mit der regressiven Assimilation zu tun, das heißt, dass der nach dem russischen Buchstaben X folgende helle Vokal die Aussprache des X zu einem Ich-Laut macht: стихи (Reime), хитрый (schlau), der dunkle Vokal bewirkt den Ach-Laut: стихотворение (Gedicht), хор (Chor), холостой (ledig), хулиган (Halbstarker). Wenn Sie manche Bewohner der Schweiz sprechen hören, bemerken Sie, dass sie nur mit Ach-Laut artikulieren: fürchterlich, wichtig, manche. Dem Leser wird es nicht schwerfallen, weitere Beispiele, auch zu anderen Konsonanten oder Vokalen, zu finden.

Was hat das nun alles mit den kleinen Mäusen in den unteren Klassen der Grundschulen zu tun? Der Gleichklang von unterschiedlichen Diphthongen, von Konsonanten am Ende eines Wortes, die unterschiedliche Lautung von Vokalen im Wort sind Quellen für Fehler in der Rechtschreibung, nicht nur bei den Kindern der Grundschule, sondern auch für Erwachsene. Ausgangspunkt für das Erlernen des Schreibens und der Rechtschreibung ist die Kenntnis der Buchstaben, des Alphabets. Den Damen und Herren Lehrer der Schulen obliegt die große und zu würdigende Aufgabe, den Kindern die Schriftzeichen beizubringen, die Buchstabiernamen und die Buchstabenkombinationen zur Darstellung der Laute zu vermitteln und im Rahmen des behandelten Wortschatzes die Richtigschreibung zu lehren. Die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben ist, wie wir es oben darzustellen versucht haben, schwierig und an sich schon eine Quelle für Fehler in der Rechtschreibung, wobei wir auch noch daran denken sollten, dass die Kinder in den unteren Klassen naturgemäß noch nicht über gefestigte Muster und Modelle der Richtigschreibung von Wörtern verfügen können.

Danke dem Spaßvogel, der an der Heckscheibe seines Pkw die Aufschrift hat: „Machteburch, un nich anners, du Vorel!“ Zeigt dies doch, dass regionale Besonderheiten der Aussprache zusätzliche Quellen für Falschschreibung sein können, insbesondere bei unseren Schülern der ersten Klassen. Noch ein Tipp für Eltern, die ihre Kinder in Sachen Rechtschreibung unterstützen möchten: Das Kind soll lesen, lesen und nochmals lesen. So prägt sich im Gehirn die Schreibweise eines Wortes ein.
Dieter Mengwasser |Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

Vielleicht gefällt dir auch