Freitag, Dezember 2, 2022

Männer sind risikovollere Autofahrer*innen

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Der Magdeburger Stadtrat hat über die Verwendung gendergerechter Sprache in allen amtlichen Veröffentlichungen abgestimmt. Das kann als Eingriff ins nationale Kulturgut gewertet werden. Aber vielfach wird im Anliegen für mehr Geschlechtergerechtigkeit eine patriarchalische Sprache benutzt – also genau solche Begriffe, die überwunden werden sollen. Eine Streitschrift über kurzsichtige Ideen und ein Beitrag zur Verständigung | Von Thomas Wischnewski

Eine Mehrheit im Magdeburger Stadtrat hat den Antrag der Fraktion Die Linke unter dem Titel „Otto meint alle – Geschlechtergerechte Sprache in der Landeshauptstadt“ unterstützt. Nun werden viele Benachteiligungen Geschichte sein und Gerechtigkeit – zumindest auf den Schriftstücken – wird in die Amtsstuben einziehen. „Von Frauen und Menschen, deren Geschlechtsidentität weder männlich noch weiblich ist, wird erwartet, sich über die männliche Sprachform mit zu definieren“, so heißt es in der Antragsbegründung. Man lasse sich die Formulierung zu Frauen, deren Identität nicht weiblich sein soll, auf der Zunge zergehen. Ich weiß, dass der Satz anders gemeint ist und dass die Unterscheidung „Frauen und Menschen“ aufgrund des nachfolgenden Teilsatzes entsteht. Man kann die Formulierung drehen und wenden, wie man will, es bleibt missverständlich. Ein „oder“ zwischen Frauen und Menschen hätte es vielleicht gelöst. Die Sprache ist eine komplizierte Sache. Und der Sprache wird viel Übel bei der Entstehung von Benachteiligung, Ungerechtigkeit und Gewalt gegenüber Schwächeren zur Last gelegt.

Das generische Maskulinum
Auf der Anklagebank sitzt seit über 30 Jahren das generische Maskulinum. Die grammatikalische Männlichkeitsform ist das Resultat eines langen kulturellen Entwicklungsweges. Es hätte sich durch jahrhundertelange Pflege von Machtverhältnissen schuldig gemacht. In diesen ganzen dunklen Zeiten mussten sich Frauen in einer „vermännlichten“ Ausdrucksform mitgenannt fühlen. Manche sehen darin gar eine Unterdrückungsfunktion. Ja, an Benachteiligungen in der Geschichte gibt es keinen Zweifel, auch keine in der Gegenwart. Da, wo Unausgewogenheit sichtbar wird, muss man für eine Beseitigung eintreten. Allerdings Worten und deren grammatikalischer Verwendung maßgebliche Verantwortung für ökonomische, soziale Diskrepanzen und Differenzen in anderen Bereichen anzulasten, ist vielleicht etwas zu viel des Guten. Genauso wenig werden Änderungen in der Schreibweise künftig Ungerechtigkeiten überwinden. Wäre das Genus tatsächlich Hauptursache für Ungleichheiten, müssten die Türken eine Vorbildnation in Sachen Gleichstellung sein. Die türkische Sprache kennt nämlich kein generisches Maskulinum.
Dass sich andere Geschlechter in Pluralformen, die von einem männlichen Singular abgeleitet werden, nicht mitgenannt fühlen, das müssen Männer akzeptieren. In der Überschrift „Männer sind risikovollere Autofahrer*innen“ steckt letztlich dieselbe Abstraktion als würde man die einfache Pluralform verwenden. Insofern haben zusätzliche Bezeichnungen, die geschlechtliche Unterschiede verdeutlichen sollen, ihre Berechtigung. Wenn allerdings ökonomische Probleme zwischen Frauen und Männern mit den Wortverwendungen in Zusammenhang gebracht werden, ist dies mindestens fraglich, wenn nicht gar absurd.

Frauenrechte und Entwicklungen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit – wie beispielsweise das Frauenwahlrecht vollzogen sich am Anfang des vergangenen Jahrhunderts leider unter dem „bösen“ Maskulinum. Selbst die heute so zahlreich aufgefächerten sozialen Geschlechtervorstellungen entwickelten sich unter dem bisherigen Deutsch. Es ist deshalb fraglich, ob die traditionelle Kultursprache für deren Behinderung bzw. Abwertung sorgt. Diffamierung vollzieht sich im Konkreten, wird möglicherweise per Definition verfestigt oder gar schlichtweg unterstellt.

Manche Feministinnen und auch einige Genderwissenschaftler vertreten durchaus die Ansicht, dass Sexus – also das biologische Geschlecht – und Genus – das linguistische – gleichzusetzen wären. Sogar bis dahin, dass die Ausprägung biologischer Unterschiede gar auf Sprache zurückzuführen seien. Dies soll hier nicht weiter betrachtet werden. Wichtiger erscheint die Erzählung darüber, wie die patriarchalische Gesellschaft überwunden werden soll. Dabei fallen vielfach solche Worte wie Macht und Kampf für oder gegen etwas. Die Verwendung solcher Ausdrucksformen enthält dieselbe Militanz wie sie dem Partriarchat zugewiesen wird. Offenbar unterscheiden sich Kämpferinnen für mehr Gerechtigkeit weder in ihrer Wortnutzung noch in Mitteln und Methoden von der des Patriarchats. Manches Bemühen um Gleichberechtigung erscheint nur mit einem entgegengesetzten Vorzeichen und kann daher nicht zu einer Überwindung führen.

Vielfach ist von der Dekonstruktion tradierter Rollenbilder die Rede. Judith Butler schrieb darüber erstmals in ihrem 1990 veröffentlichten Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“. Egal, welche kulturelle Konstruktion auch entstanden ist. Deren Dekonstruktion wird letztlich auch nur mit Konstruktion begegnet. Ein unterstelltes männliches Dominanzgehabe wird vielfach in ein weibliches Pendent umgewandelt. Ich würde anstatt der Verwendung martialischer Begriffe wie Macht und Kampf vorschlagen, eher von Kooperationsdifferenzen zu sprechen. Grundsätzlich darf das soziale Wesen Mensch als eines, das nach Kooperation strebt, angesehen werden. Bei der heutigen Entwicklung mit Gleichstellungsnormen, Quoten und zahlreichen Diskursen ist es an der Zeit, nicht noch mehr Zwistigkeiten in die Debatte zu streuen. Differenzen wird es zwischen Individuen immer geben. Das können biologische, ökonomische, in der sozialen Stellung begründete, ethnische oder kulturelle Besonderheiten sein. Grundsätzlich geht es jedoch bei einem Zusammenwirken um das Ziel von Kooperationen. Wer zu kämpfen fordert, will offenbar nicht kooperieren. Heute weiß man selbst in den Genderwissenschaften, dass sprachliche Abgrenzung und begriffliche Definition eher für eine Verfestigung von Vorstellungen führen und eben nicht die Überwindung von Rollenmustern fördern.
Überbewertung des Codes

Aber bleiben wir bei der Sprache: Gerechtigkeit, Gleichberechtigung realisieren sich nicht ausschließlich in Sprechakten oder Schriften, sondern im Gesamtkomplex tatsächlicher menschlicher Interaktion, also rechtlichen, wirtschaftlichen, emotionalen und vor allem individuellen Erfahrungen. Letzteres konnte noch nie durch Erklärung nachhaltig vermittelt werden. Die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden ist dafür Beleg, dass Worte weder Fehler, Probleme noch private Krisen verhindern könnten. Im Gegenteil, ihr Wortsinn besteht gerade darin, dass man ähnlichen Konfliktsituationen künftig angemessener begegnen kann.

Das eigentliche Problem, warum Sprache in Sachen Gerechtigkeit so viel Gewicht beigemessen wird, liegt meines Erachtens an einem grundsätzlichen Irrtum: Worten bzw. Aussagen wird unterstellt, eine Rahmenfunktion zu besitzen. Hier liegt wohl ein Missverständnis vor. Der eigentliche Rahmen ist die Wirklichkeit, jedes Wort ist nur ein Code, um Realität und Geschehnisse zu kennzeichnen und vermittelbar zu machen. Deutlich wird dies durch ein kleines Beispiel. Noch bevor ein Kleinkind das Wort Tisch kennenlernt, hat es bereits Erfahrungen mit der Sache gemacht, ist vielleicht dagegen gestoßen und sitzt daran. Im Verlauf des Lebens machen wir viele Erfahrungen mit dem Ding Tisch, lernen hunderte unterschiedliche Formen und viele Materialien kennen. Der Code bleibt indes derselbe. Genauso verhält es sich mit jedem Wort, das wir lernen. Den Rahmen bilden unzählige reale Situationen. Sie bereichern das Wortverständnis. Jeder nutzt zur Selbstbezeichnung das Wort „ich“. Das ändert sich bis zum Tod nicht mehr, aber rund 2,5 Milliarden Sekunden realen Geschehens formen die Persönlichkeit.

Wenn heute vielfach eine Verrohung von Sprache beklagt wird, blickt man auf die verbreiteten Begriffe, schaut jedoch nicht auf die sich veränderten Bedingungen. Wer Sprache ändert, muss damit rechnen, dass die Funktion von Verbindlichkeit und Stabilität, die der Sprache innewohnt, aufgeweicht werden. Als im real existierenden Sozialismus Gruppen besondere Förderungen genießen sollten – so wurden Kinder aus Arbeiterfamilien häufiger in Bildungschancen bevorteilt – führte dies nicht zu grundsätzlich mehr Gerechtigkeit. Eher das Gegenteil war der Fall. Die Bevorzugung einer bestimmten Klientel hat stets die Benachteiligung einer anderen zur Folge. Die demokratische und freie Gesellschaft, die von jeder politischen Bühne gefordert wird, braucht das freie Spiel der Kräfte im facettenreichen Aufeinandertreffen von Frauen und Männern oder anderer Geschlechteridentitäten. Es bedarf gesellschaftlicher und individueller vielseitiger Erfahrungen, um sich immer wieder auf den Weg einer Kooperation zu machen.

Von Feministinnen wird auch beklagt, dass Frauen allzu oft auf ihr Geschlecht reduziert würden. Mit der Sichtbarmachung möglichst vieler Geschlechter erscheint gerade das Sexuelle, auf das niemand reduziert werden will, in den gesellschaftlichen Vordergrund gestellt zu werden. Welchen Sinn haben Debatten um ökonomische oder soziale Gerechtigkeit, wenn dabei stets Geschlechterunterschiede hervortreten. Es geht doch stets darum, möglichst Unterschiede zu überwinden. Es wäre wünschenswert, dass sich in abgeänderten Schreibweisen die Formen des Zusammenlebens harmonisierten. Allerdings realisiert sich dies eben nicht in festgesetzten Codes. Kritisiert man die Form der Sprachverbiegung, wird man schnell mit Wissenschaftsstudien, die alles mögliche herausgefunden haben sollen, erschlagen. Dazu sei angemerkt, dass diese Wissenschaft ausschließlich auf Sprachverständnis baut. Will man den Homo sapiens vorrangig über seine Sprechakte erklären, vermittelt man ein sehr mechanistisches Menschenbild. Kulturkonstruktivistische Thesen mit kulturkonstruktivistischen Mitteln an sich selbst zu beweisen, ist wie der schöne Ausspruch, dass sich die Katze in den eigenen Schwanz beißen würde. Soziale Geschlechter unterliegen einer Konstruktion und Autokonstruktion. Gleichfalls bilden sie sich durch Abgrenzungen und definierte Differenzen. Ungleichgewichte entstehen also mit der Forderung nach Anerkennung eines Andersseins also automatisch mit.

Wissenschaftskanon verhindert Kritik
Die These, dass im generischen Maskulinum ansich ein Kern von Ungerechtigkeit steckt, ist auch deshalb widersinnig, weil damit unterstellt wird, dass Menschen nicht ausreichend abstraktionsfähig wären. Die Mathematik mit ihrer höchsten Form an Abstraktion und innerer Logik ist der beste Beleg dafür, über welches hohes Abstraktionsvermögen Menschen verfügen. Im Prinzip wird uns das über die Einführung von Schreibvorgaben abgesprochen. Dieses Abstraktionstalent und die unerschöpfliche Kreativität des Menschen sind es, wodurch sich Rollenbilder und Geschlechtervorstellungen verändert haben. Deren Beschreibung ist im Prinzip nur ein Verständigungs- und Kommunikationsakt, dies taugt nicht als Haupterklärung für die Quelle ihres Hervortretens. Die Sozialwissenschaften haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine wichtige Aufgabe erfüllt. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass biologistische Sichtweisen überwunden werden konnten. Heute erscheinen die Genderwissenschaften allerdings die geis-tig-sozialen Aspekte gegenüber den genetischen und biologischen überzubetonen bzw. letztere vielfach auszuklammern. Möglicherweise sind kritische Forschungen und Interpreationen schon deshalb nicht möglich, weil sich ein sozialwissenschaftlicher Kanon durchgesetzt hat, unter dem konträre Sichtweisen erdrückt werden.

In den Amtsstuben der Landeshauptstadt wird jetzt jedenfalls gendergerecht geschrieben. Für die letzte große Rechtschreibreform als umfassenden Eingriff in die Sprach war noch ein Beschluss der Kultusministerkonferenz nötig. Zu vermittelnde Sprache ist nämlich Ländersache. Dass grundsätzliche Schreibweisen auch kommunal verordnet werden, könnte rechtlich bedenklich sein. Es obliegt den nachfolgenden Generationen, das Phänomen Sprache unter den genannten Argumenten erneut zu prüfen und herauszufinden, ob Schreibweisen tatsächlich einen positiven Einfluss auf das vielseitige Miteinander von Menschen hätte. Ich würde es jedenfalls bezweifeln.

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