Samstag, Oktober 16, 2021
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Magdeburger Gesichter: Krisenmanager Francke

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August Wilhelm Francke, Sohn eines Pächters und Amtsmannes, besuchte von 1790 bis 1803 das Gymnasium in Brandenburg, bevor er das Studium der Jurisprudenz an der Universität Halle-Wittenberg antrat. Obwohl die Hallenser Universität nach der Eroberung durch die napoleonischen Truppen offiziell geschlossen worden war und ein großer Teil des dortigen Lehrkörpers an andere preußische Universitäten gewechselt hatte, absolviert er noch 1807 das Examen.

Seine berufliche Laufbahn begann Francke als Referendar bei der Kriegs- und Domänenkammer in Magdeburg, die seit dem Tilsiter Frieden vom Königreich Preußen abgelöst und dem Königreich Westfalen zugeschlagen worden war. Mit der Organisation dieses neu geschaffenen Staates im Jahre 1808 wurde dieselbe aufgelöst und Francke bei der Unterpräfektur in Halle angestellt. Als im Folgejahr während des französisch-österreichischen Krieges Mitteldeutschland und insbesondere auch Halle zum Schauplatz mehrerer Aufstandsbewegungen wurde, wurde Francke von der westfälischen Regierung zum Präfekturrat befördert und nach Göttingen versetzt. Die Unruhen an der Elbe hatten die Notwendigkeit einer strafferen Organisation des neuen Staates gezeigt. Francke wurde erneut befördert und wirkte als Generalsekretär am Aufbau des Elb-Departements an maßgeblicher Stelle mit.

Zu diesem Zweck wurde er in die schwach besetzte Garnisonsstadt Magdeburg geschickt. Noch war den Franzosen unter ihrem Kommandeur General Michaud Franckes oppositionelle Haltung verborgen geblieben. Als 1813 der ohnehin rücksichtslose Davoust immer grausamer gegen die nord- und mitteldeutsche Zivilbevölkerung vorging, soll Francke in Konflikt mit dem Marschall geraten sein. Seine daraufhin erfolgte Versetzung nach Osterode war jedoch mit einer erneuten Beförderung zum Unterpräfekten verbunden.

Nachdem sich die politische Situation grundlegend geändert und die Franzosen in der Völkerschlacht bei Leipzig vernichtend geschlagen worden waren, wechselte Francke endgültig die Seiten und erhielt die Stelle eines preußischen Militärgouvernementsrates in Halberstadt. In der Auseinandersetzung der folgenden Jahre um das verfassungsgemäße und rechtliche Verhältnis von Mo-narch und Volk nahm Francke offenbar die „richtige“ Position ein, sodass er nach einer zweimonatigen interimistischen Tätigkeit am Erfurter Hof vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. am 23. Mai 1817 zum Kreislandrat, Polizeidirektor und Oberbürgermeister von Magdeburg ernannt wurde.

Offenbar wurde er in den Folgejahren den in ihn gesetzten königlichen Erwartungen gerecht. Nach der Niederschlagung der Unruhen 1830/1831 trug sich Friedrich Wilhelm III. mit der Absicht, Francke zum Polizeipräsidenten von Berlin zu berufen. Diese Absicht stieß in der Magdeburger Stadtverwaltung auf wenig Gegenliebe: Francke hatte bereits 1823 die Stadtsparkasse gegründet und in der Folge eine Schullehrer-, Witwen- und Waisenkasse sowie eine Holzversorgungsanstalt eingerichtet, das Armenwesen verbessert, Suppenverteilungsstellen organisiert und gemeinsam mit dem Schulinspektor Karl Zerrenner ein für alle Schichten zugängliches Schulwesen aufgebaut.

Auch die Verbesserung der Straßenbeleuchtung und der systematische Auf- und Ausbau der Parkanlagen, insbesondere Herrenkrug und Klosterbergegarten (1825), gingen auf ihn zurück. Mit der Verlegung der kirchlichen Friedhöfe auf ein Gelände außerhalb der Stadt im Jahr 1827 gelang Francke eine merkliche Verbesserung des Grundwassers, und während der Choleraseuche 1831 hatte er sich zudem erst unlängst als erfolgreicher Krisenmanager erwiesen. Angesichts dieser Verdienste war es verständlich, dass die Magdeburger Stadtverordneten auf den umtriebigen Oberbürgermeister nicht verzichten mochten.

Daher unterbreiteten sie König Friedrich Wilhelm III. die Bitte, Francke auf seiner derzeitigen Stelle zu belassen. Die Unruhen 1831 hatten bewirkt, dass die bis dahin gültige, unter Jérôme eingeführte kommunale und stark autoritär ausgerichtete Maire-Verfassung durch die preußische Städteordnung abgelöst wurde, gemäß derer der Oberbürgermeister nicht mehr von der Regierung ernannt, sondern von den Stadtverordneten gewählt werden sollte. In dieser Situation drohte er den Stadtverordneten mit seinem Rücktritt vom Amt, sodass diese sich gezwungen sahen, Friedrich Wilhelm in ihrer Eingabe um eine Bestätigung Franckes als Oberbürgermeister auf Lebenszeit zu bitten.

Nachdem König Friedrich Wilhelm III. nachgegeben hatte und die kommunalen Machtverhältnisse zu Franckes Zufriedenheit gelöst waren, betrieb Francke nun den Ausbau Magdeburgs als wirtschaftlichen Standort. Mit der Förderung der Dampfschifffahrt auf der Elbe und dem zeitgleichen Aufbau großer Speicheranlagen am Neuen Packhof schuf er bis 1836 die Anbindung Magdeburgs an einen modernen Flussverkehr. Nach anfänglichen Widerständen seitens der Kaufmannschaft setzte Francke auch die Anbindung Magdeburgs an ein Eisenbahnschienennetz durch. 1839 wurde zunächst der Streckenabschnitt Magdeburg–Schönebeck eingeweiht, im Folgejahr dessen Verlängerung bis Leipzig bewirkt und 1843 die Linie nach Halberstadt eingerichtet.

Mit der Anlage der Eisenbahnstrecke nach Potsdam war Magdeburg zu einem infrastrukturellen Knotenpunkt geworden, der Dampfschifffahrt und Eisenbahnlinien nach Süden und Osten miteinander verband. Damit einher ging die Verbesserung der Wasserversorgung durch den Ersatz der herkömmlichen Holzrohre durch gusseiserne und die Wasserförderung durch die Dampfkraft. Die Garnisonsstadt Magdeburg wurde den Erfordernissen der industriellen Revolution angepasst.

Frankes Ägide endete im Juni 1848. Er schied freiwillig aus dem Amt als Oberbürgermeister, als er nicht mehr bereit war, die revolutionäre Bürgerschaft gegenüber seinem Monarchen, König Friedrich Wilhelm IV., zu repräsentieren.

Auf dem Porträt trägt Francke einen offenen Gehrock, Weste, weißes Hemd, weiße Halsbinde und weißes Jabot. Am Revers sind ein roter Adlerorden und wohl ein Eisernes Kreuz am weißen Bande befestigt. Er wird im Brustbild nach vorn mit nach links gewendetem Kopf wiedergegeben. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg besitzt au-ßerdem ein repräsentatives Gemälde, das Francke ganzfigurig am Schreibtisch sitzend und einen Plan des Klosterbergegartens erläuternd zeigt und ehemals aus der Industrie- und Handelskammer stammt. Kürzlich konnte außerdem ein Brustbild Franckes von Carl Sieg (1784–1845) für die Ute und Hans Wolfram Stiftung an der Universitätsbibliothek Magdeburg erworben werden.
Karin Kanter

Das Kulturhistorische Museum Magdeburg erinnerte bis Mai 2021 an Magdeburger Gesichter de­s 19. Jahrhunderts. Die Porträts der Sonderausstellung sind weiterhin in jeder Kompakt-Ausgabe zu finden.

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