Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Magdeburger Gesichter: Weg zum Herzen der Schüler

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Es war keine außerordentliche Zusammenkunft, als Johann Gottfried Gurlitt (geboren 1754), Professor und Direktor der Schule des Klosters Berge, am Abend des 17. September 1802 Lehrer und Zöglinge vereinte. Vielmehr nutzte er die Veranstaltung zur Vorstellung des jungen Theologen Ernst Friedrich Gabriel Ribbeck, dessen Laufbahn als Lehrer ihren Anfang nahm. Die zehn Stühle vor dem Katheder waren anfangs den Abgängern der Einrichtung zugewiesen worden. Ihnen übergab Gurlitt das Reifezeugnis, nicht ohne Mahnung, sich auch künftig den Sinn für moralische Güte, Schönheit und Stärke zu bewahren.

Eigentlich hatte Gurlitt mit der Einführung Ribbecks und der Verabschiedung des Jahrgangs seine letzte Pflicht im Amt erfüllt und rief dem Auditorium mit wenigen Worten ein herzliches Lebewohl zu. In diesem Moment reichte ihm einer der Eleven das von den Schülern beauftragte Porträt und sprach mit leiser Stimme das „Lied der Wehmut“. Kaum war die Elegie verklungen, gab es stürmische Ovationen. Gurlitt gehörte zu den wenigen Pädagogen wie vielleicht Basedow, Steinbart, Campe, (…) und sicher Rötger, die den Weg zum Herzen ihrer Schüler fanden. Einen Ortswechsel hätte er nie geplant. Im Gegenteil! Die Jahre seit 1778 als Lehrer und Rektor nannte er die glücklichste Zeit seines klösterlichen Lebens. Zum Schluss, während der Oberdirektion des adjungierten Abtes Schewe, traten Misshelligkeiten über „gegenseitige Rechte“ auf, die Unruhe, Verdruss brachten. Im Oktober erst hatte ihn Heinrich Julius Willerding, Hauptpastor an St. Petri und Scholarch von Hamburg, einst Prediger in Magdeburg, ermuntert, sich am Johanneum zu bewerben.
Mit hanseatischem Selbstbewusstsein hatte er angemerkt, in Hamburg gebe es keinen Abt, und wohl kein Schulmann in Deutschland beziehe „einen so hohen festen Gehalt“. Vier Monate später konnten Willerding und Johann Jacob Rambach, Hauptpastor an St. Michaelis, Gurlitts Bestätigung in den Gremien der Hansestadt durchsetzen. Mitte Juli schrieb Rambach, bis 1765 Rektor am Pädagogium des Liebfrauenklosters zu Magdeburg, dass sich ganz Hamburg freuen würde, wenn er verkünden könnte: „Der vortreffliche Gurlitt ist nun der unsrige, […]“.
Am 9. November 1802 hielt Gurlitt seine Antrittsrede. Er war 48 Jahre alt, Direktor des Johanneums und Professor für orientalische Sprachen am Akademischen Gymnasium, dessen jährlich wechselndes Rektorat ihm bis 1827 fünfmal übertragen wurde. Mit dem Direktorat hatte er die Wiederherstellung einer der traditionsreichsten höheren Schulen Hamburgs übernommen. Die Gelehrtenschule war lange ohne Direktor geblieben, ihr Zustand dürftig.

Die Erfahrung als Lehrer, die Fähigkeiten als Schulleiter und das Geschick in der Verwaltung hatte der Sohn des schlesischen Schneidermeisters Johann Georg Gurlitt aus Konradswaldau in Magdeburg erworben. In dieser Tätigkeit hatte er noch Zeit für wissenschaftliche Arbeiten, deren Grundlagen schon ab 1762 vom damaligen Konrektor der Thomasschule Leipzig, dem Philosophen und Philologen Johann Friedrich Fischer, gelegt worden waren. Der Vater hatte durch Fleiß bescheidenen Wohlstand erworben und Schlesien mit Frau Johanna Christiane verlassen, war zunächst nach Halle und nach der Geburt des Sohnes mit der Familie nach Leipzig gezogen.

Da Fischer dem Jungen eine Begabung für alte Sprachen bescheinigt hatte, schrieb sich Gurlitt 1772 an der Universität Leipzig für klassische und orientalische Sprachen ein, erweiterte sein Wissen durch historische, philosophische, theologische und philologische Studien und erwarb Kenntnisse in chaldäischer, arabischer und koptischer Sprache und Schrift. Nachhaltig bewegt haben ihn die Predigten Zollikofers. Seine Universitätslehrer waren der Philologe und Theologe Morus, vor allem aber Ernst Platner, der Mediziner und Naturphilosoph, der ihn nach gescheiterten Versuchen als Dozent in Leipzig für Magdeburg empfahl. Als Ziel seiner pädagogischen Arbeit bestimmte Gurlitt die Ausbildung der Schüler zu selbstbewussten und selbstständigen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft.
Im Lernen sah er den entscheidenden Erziehungsvorgang. Dazu legte er halbjährliche Examen und Anreize für besondere Leistungen fest. Schon als Redner der Freimaurerloge Ferdinand zur Glückseligkeit von 1784 bis 1790 vertrat er aufklärerische Ideale und neuhumanistische Ideen. In Hamburg gliederte er dem Johanneum eine Schule für Kaufleute oder Gewerbetreibende an, begründete ein System von Fach- und Leistungsklassen und legitimierte die freie Entscheidung zur Prüfung als Zugang zum Akademischen Gymnasium. Er entwickelte die Begabtenförderung, öffnete das Johanneum für jüdische Schüler und ließ eine Bibliothek einrichten. Er unterrichtete Hebräisch, Arabisch und Griechisch, referierte über die Bücher des Alten und Neuen Testaments.

Obwohl ihm die Frequenz der Schüler kein Maßstab für den Zustand der Schule war, lässt sich die neue Reputation aufgrund des berufsorientierten und lebensnahen Unterrichts an der steigenden Anzahl von Anmeldungen ablesen. Während der französischen Besatzung (1806 bis 1814) erreichte Gurlitt durch Diplomatie und entschiedenes Eintreten für die Belange des Johanneums den Erhalt und die Anerkennung als Lycée. Gicht und Sehschwäche zwangen ihn in den letzten Jahren, seine Entpflichtung zu beantragen. Gurlitt starb jedoch am 4. Juni 1827 im Dienst. Er blieb unverheiratet und stiftete sein Vermögen den Schülern.

Zu bleibenden Leistungen zählen die frühe Biografie Winckelmanns (1797), die archäologischen Schriften (1798/99) und die Schulschriften. Zur 350-Jahr-Feier der Schule erschien 1879 eine Medaille mit den Porträts des Gründers Johannes Bugenhagen und des Rektors Johannes Gurlitt. Das Brustbild nach halbrechts in der seltenen Technik des Punktstichs von Wilhelm Arndt, vermutlich nach einem Bild von Johann Gottlieb Seyffert, zeigt den Pädagogen im Rock mit weißem Hemd, weißer Halsbinde und weißem Jabot. | Von Karlheinz Kärgling

Das Kulturhistorische Museum Magdeburg erinnerte bis Mai 2021 an Magdeburger Gesichter de­s 19. Jahrhunderts. Die Porträts der Sonderausstellung sind weiterhin in jeder Kompakt-Ausgabe zu finden.

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