Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Magdeburger Kuriositäten

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In Magdeburg gibt es manche Außergewöhnlichkeit zu entdecken. Das macht die Stadt für Besucher und Einheimische zu einem erlebenswerten Ort. Einerseits sind es
historische Ereignisse, die der Stadt über mehr als ein Jahrtausend ihre Siegel aufgeprägt haben. Viele davon sind alltäglich, einige außergewöhnlich, und nicht wenige darf man durchaus als kurios bezeichnen.

Andererseits kann man über Magdeburg berichtenswerte Kleinigkeiten erfahren, die
liebenswerte oder eben kuriose Seiten zeigen. KOMPAKT ZEITUNG hat sich auf eine nicht alltägliche Suche begeben.

Von Michael Ronshausen

Warum Autos nicht auf Schienen fahren sollen

Wir starten mit einer jungen Geschichte. Sie ist kaum ein Jahr alt, hat aber gewissermaßen und mit einem kleinen Augenzwinkern auch einen regionalhistorischen Hintergrund. Vor mehr als 90 Jahren war man in Magdeburg zu der Erkenntnis gekommen, dass die Eisenbahnlinien in vielerlei Fällen zu Hindernissen im sich immer weiter entwickelnden Individualverkehr geworden waren. Oft kreuzten noch Schienen die Straßen auf identischem Niveau. Bis zum Ende der 1920er Jahre wurden schließlich fast alle Eisenbahnlinien auf Dämme angehoben, was vielerorts auch die Errichtung von Brücken notwendig machte. Eine dieser mehrspurigen Eisenbahnbrü-cken entstand am damals ebenfalls neu errichteten Buckauer Bahnhof. Weit vorausschauend verlegte man unter der Brücke auch gleich noch die Schienen für eine neue Straßenbahntrasse. Die unfertige Linie von der Leipziger Straße nach Buckau blieb zwar ein kurzes Intermezzo, aber zumindest Eisenbahnen und Autos konnten sich ab sofort nicht mehr in die Quere kommen. Nebenbei bemerkt sollte es am Ende fast genau 80 Jahre dauern, bis sich dort wieder die ersten Straßenbahnen begegneten. Oder besser gesagt, nicht direkt begegneten, denn inzwischen waren die Bahnen breiter geworden, so dass immer nur eine „Elektrische“ gleichzeitig die Buckauer Bahnhofsbrücke unterfahren konnte. Richtig spannend wird die Geschichte aber erst, als es den verantwortlichen Ingenieuren nicht gelang, die nun eingleisige Straßenbahnunterführung auch autosicher zu errichten. Innerhalb weniger Monate gerieten durch eine unübersichtliche Verkehrsführung etliche Autos (natürlich mit ihren Fahrerinnen und Fahrern) ins Gleisbett, welches sich auch noch als Falle entpuppte, aus dem ein eigenes Entkommen nicht mehr möglich war. Eisenbahnen blieben zwar diesmal unbeteiligt, aber nach 80 Jahren kamen sich hier dann doch wieder Schienenfahrzeuge in Form von Straßenbahnen sowie Autos ins Gehege.

Ein sprachlich unzerstörbares Stadtviertel

Auch der Autor dieses Beitrags ist in seiner eigenen Jugend räumlich oft in einem Stadtviertel zu Besuch gewesen, das zum Zeitpunkt dieser Jugend seit einigen Jahrzehnten gar nicht mehr existierte. Egal aus welcher Ecke er kommt, mit dem Begriff Knattergebirge kann fast jeder Elbestädter sofort etwas anfangen. Ein räumlich klar umgrenztes Gebiet mit schiefen Häusern und verwinkelten Gassen, nach Bombenkrieg und Abriss ersetzt durch eine elbnahe Grünanlage und eine vierspurige Autostraße. Betrachtet man heute Fotos dieses Areals, summt dem Betrachter durchaus auch ein wenig Heimeligkeit und das eine Ah und Oh durch den Kopf. Wirklich gegeben hat es diese Kulisse nie. Das – wie der Magdeburger sagt – Knatterjebirje war ein Elendsviertel, und mit hoher Wahrscheinlichkeit war es tatsächlich der dichtbesiedeltste Raum im Europa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Doch gerade wegen dieser aus heutiger Sicht unfassbaren Zustände ist das Knattergebirge in der Erinnerungskultur der Magdeburger noch genauso präsent, als hätte dort grad jemand eine der wackeligen Türen zugeschlagen. Erhalten bleibt das Viertel auch sprachlich, betritt der Magdeburger heute eine fadenscheinige Gegend heißt es meist sofort, „hier sieht´s ja aus wie im Knatterjebirje“.

Hannover – Nirgendwo – Berlin

Eigentlich sollte man der Meinung sein, dass Magdeburg durchaus eine beachtenswerte Stadt ist, die man nicht einfach so vom nationalen und damit auch vom internationalen Verkehrsgeschehen abhängen kann. Tatsächlich ist man dieser Tatsache früher auch gefolgt, egal, ob es die überregionale Politik war, oder ob die kommunalen Entscheidungsträger den entsprechenden Druck ausgeübt haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es konkret zwei Projekte, die Magdeburg auf lange Sicht recht weit nach vorne bringen sollten, und letztlich auch dorthin gebracht haben: der Mittellandkanal und die Autobahn. Bei beiden Verkehrswegen, die sich in der Hauptrichtung zwischen Ost und West erstre-cken, gab es planerisch durchaus die Idee, sie deutlich nördlicher und somit zumindest auch kürzer und damit kostengünstiger verlaufen zu lassen. Am Ende wurde dafür gesorgt, dass Magdeburg unmittelbar an diese neuen und bedeutenden Verkehrsadern angeschlossen wurde, doch leider ging dieser Willen – und vermutlich auch der notwendige Verstand – irgendwann verloren. Noch vor der Wende wollte die damalige Bundesrepublik auf Rechnung der DDR auch Westberlin wieder an einen modernen und leistungsfähigen Schienenweg anschließen. Dieser hätte in den Zeiten der deutschen Teilung auch problemlos jenseits aller Großstädte wie Magdeburg und Potsdam stattdessen über Stendal und reichlich flachem Land verlaufen können. Mit der Wende hat sich diese Ausgangslage natürlich deutlich verändert, aber leider nicht nach dem Ermessen der Bahnplaner. Zwischen Hannover und Berlin wurde großteils parallel zur sogenannten Lehrter Bahn eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke nahe Stendal errichtet und Magdeburg wurde von diesem Verkehrsweg ausgeschlossen.

Wie eine Königin verschwindet – und wiedergefunden wurde

Der Verlust bedeutender Verstorbener aus historischer Zeit ist kein Ausnahmefall. Manchmal tragen Kriege zum Verschwinden solcher Grabstätten bei, oft erlischt auch irgendwann das Interesse der Öffentlichkeit an Personen, die, egal auf welchem Feld sie unterwegs waren, das Leben mit gestaltet oder sogar mitbestimmt haben. Auf die wohl bekannteste und wenn man so will auch berühmteste Magdeburger Tote treffen diese Gründe für das Verschwinden allerdings nicht zu. Editha (* um 910 – † 26. Januar 946), die erste Ehefrau des Königs und späteren Kaisers Otto, war vor und nach ihrem Tod allseits beliebt sowie jeder Erinnerung wert. Aber irgendwann war sie trotzdem „verschwunden“ und der Verbleib ihrer sterblichen Überreste nur noch eine Angelegenheit dunkler Legenden und fragwürdiger Vermutungen. Zwar war ihr vermutlich bereits drittes Grabmal aus dem Jahr 1510 in fast vollständiger Sandsteinpracht erhalten geblieben, aber bis vor einigen Jahren war dieses Grab nach Wissen all derer, die sich dafür interessiert haben, nur ein Kenotaph, ein leeres Denkmal. Die tote Königin galt gewissermaßen als verschollen. Noch vor 100 Jahren war das Wissen um die tatsächlich existierende Ruhestätte der Königin wesentlich umfassender, selbst die damalige Literatur bezeichnete den Grabstein auch als echtes Grabmal. Erst 2008 konnte der Archäologe Rainer Kuhn dieses Verschwindemärchen aufklären und später mit wissenschaftlichen Methoden die Existenz Edithas sterblicher Überreste auch nachweisen. Heute ruht die Königin wieder tatsächlich und wie immer in ihrem Grabmal, das man heute auch guten Gewissens als solches bezeichnen darf.

Tote? Top Secret!

Die Magdeburger Lebenden zu finden ist relativ einfach! Früher konnte man dafür sogar Adressbücher einsehen, es gibt immerhin noch das Telefonbuch, und manchmal findet sich auch eine gesuchte Adresse im Netz. Ein bisschen, nein, ein erhebliches Stück problematischer wird es da bei den Magdeburgerinnen und Magdeburgern, die nicht mehr unter uns weilen. Es existiert zwar eine weltweit zugängliche Datenbank namens „Find a Grave“, sie beschäftigt sich aber eher mit den Reichen, Schönen, Bekannten und Berühmten, sprich mit den Prominenten, die bereits selber irgendwann den letzten Weg antreten mussten. Das können wir doch auch, dachte sich demzufolge vor wenigen Jahren eine junge Magdeburgerin, wir bauen uns einfach unsere eigene Datenbank. Natürlich hatte die aus Bu-ckau stammende Dame bei diesem Projekt auch die datenschutzrechtlichen Aspekte im Blick. Jeder Verstorbene sollte bereits mindestens seit 20 Jahren auf einem der vielen Magdeburger Friedhöfe ruhen, und zumindest ein Nachfahre sollte zur Aufnahme des Toten in ein digitales Verzeichnis sein Einverständnis geben. Doch trotz exzellenter Recherchefähigkeiten und hohem Arbeitseifer musste die an Friedhöfen interessierte Frau ihre Idee letztlich selber zu Grabe tragen. Die Stolpersteine kamen nicht von den Toten und auch nicht von den noch lebenden Anverwandten, sie wurden ihr von der Stadt in den Weg gelegt. Die Diskussion gipfelte am Ende sogar in einem Verbot, die kommunalen Friedhöfe zu Recherchezwecken zu betreten.

Auch im Dom wird’s dunkel

Nachvollziehbaren Schätzungen zufolge besuchen jährlich rund 200.000 Besucher den Magdeburger Dom zu touristischen Zwecken. Ohne hier eine Domführung veranstalten zu wollen muss aber wenigstens gesagt werden, dass diese Gäste für den Dombesuch auch allen Grund haben, immerhin ist der Dom neben seiner Hauptfunktion als Gotteshaus auch ein lebendiges Museum und ein mehr als 1000 Jahre alter historischer Ort, an und in dem mehr als nur Stadtgeschichte geschrieben wurde. Bekannt ist der Dom aber insbesondere im Winter auch als ein Raum der Stille, und wenn man so will auch der menschlichen Verlassenheit. Die Gottesdiens-te finden in den kalten Monaten sowieso im beheizbaren Remter statt, und an manchen Wintertagen finden sich kaum zehn Besucher ein, um die Kathedrale zu besichtigen. Im Herbst 2003 hatte dann ein Domführer den zuerst belächelten Einfall, insbesondere den Magdeburgern den Dom aus einer anderen, gewissermaßen fokussierten Perspektive zu zeigen. Mit ein wenig Presserummel und immerhin 100 gedruckten Eintrittskarten sollte die Veranstaltung „Domführung bei Nacht“ erstmals an den Start gehen, zweifellos auch mitgetragen von ein wenig Überheblichkeit. Tatsächlich standen dann an einem Freitagabend um 22 Uhr mehr als 2.000 Besucher vor dem Domportal, alle „bewaffnet“ mit einer Taschenlampe und erwartungsfroh gespannt, was es denn unter diesen Bedingungen zu sehen gäbe. Über die nächsten Monate und Jahre hinweg hat sich der Ansturm natürlich aufgelöst, aber die Domführungen mit Taschenlampe gibt’s immer noch. Besonders kurios war allerdings irgendwann einmal der Anruf eines Unternehmers, der für seine Mitarbeiter eine solche Domführung bei Nacht buchen wollte. Sie sollte jedoch sonnabends stattfinden, möglichst um 16 Uhr.

Da kannste nich meckern

Dem Magdeburger kann man zweifellos die eine oder andere sprachliche Besonderheit anhängen. Und vielleicht gehört es in der Elbestadt wirklich ein wenig zum guten Ton, ab und zu mal ein wenig herumzuquengeln und dabei ein ganz besonderes Sprachbild zu bedienen. Wenn es wirklich mal richtig optimal läuft, und sei es nur beim pünktlichen Erscheinen der Straßenbahn, dann heißt es nicht etwa prima, gut, oder ich komme noch rechtzeitig zur Arbeit, dann kann der Magdeburger da ganz einfach sagen: Da kannste nich meckern. Aber auch jenseits dieser negativen Bejahung hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein bis heute tragendes Sprachbild entwickelt, das es richtig in sich hat und welches dem Berlinerischen kaum nachsteht. Dass man beispielsweise berchuff (bergauf) in den Harz fährt, versteht sich fast von alleine. Wichtig ist natürlich, dann beim Wandern die richtigen Botten (Schuhe) an den Mauken (Füßen) zu haben. Und wenn es dann Middach (Mittag) geworden ist, dann kann man ja schon mal für ein Stündchen in irgendein Jlasbierjeschäft (eine Biergaststätte) einkehren. Vielleicht ist ja auch ein Katzenwürjer (Fleischer) mittenmank (dabei/in der Nähe), der einem irgendwas aus Hinundherjepeltztem (das ist Hackfleisch) in die Futterluke (dem Mund) schiebt. Und wenn eben die Fennje (Pfennige) doch nicht reichen, dann muss die Hungerpeitsche (Angel) herhalten, um vielleicht einen Maurerkarpfen (irgendeinen billigen Fisch) aus dem Teich zu holen und die Plauze (den Magen) doch noch füllen zu können. Tatsächlich wäre die Liste dieser magdeburgischen Begriffe fast unerschöpflich. Nicht nur für Zugewanderte empfiehlt sich das „Machteburjer Wörterbuch“ von Ursula Föllner, welches das Thema und die Zusammenhänge eingehend auseinanderposamentiert (erklärt).

Alte Steine, neue Steine, Steine aus der halben Welt

Besuchen wir zum Ende unserer kleinen Magdeburger Kuriositätengeschichte noch einmal den Magdeburger Dom, besuchen wir auch eine recht umfangreiche Sammlung steinerner Bauteile, die vor mehr als 1.000 Jahren durch Otto den Großen nach Magdeburg gebracht worden waren. Heute sind es meist große Säulen aus Granit, Marmor und Porphyr, die über diese lange Zeit erhalten geblieben sind, aber auch ein großes und ursprünglich aus Ägypten stammendes Taufbecken, kunstvoll zusammengefügte Bodenbeläge und sogar Ottos Grabplatte zeugen immer noch von dem umfangreichen Materialimport. Reduziert man diese heute logistisch kaum noch erklärbaren Arbeiten auf das Wesentliche, muss man einfach sagen, Otto wollte hier auch optisch ein wenig auf große Show machen. Natürlich war man im 10. Jahrhundert auch in Magdeburg bereits in der Lage, kunsthandwerklich hochwertige und sehenswerte Gebäude zu errichten. Bauteile wie die in Ravenna und anderswo zusammengeplünderten Spolien selber herstellen konnte man indes noch nicht. Der König und baldige Kaiser lieferte mit diesem steinernen Schmuckwerk hingegen einen deutlichen Beweis für seine organisatorischen und finanziellen Fähigkeiten und damit wohl auch für seine große Macht. Etwas mehr als 1.000 Jahre später entstand unmittelbar neben dem Dom und weniger als 100 Meter von ihm entfernt ein neues, letztlich auch Macht symbolisierendes Gebäude, nämlich der Neubau der Sachsen-Anhalt-Filiale der Norddeutschen Landesbank, kurz: der NORD/LB. Der mehrteilige Großbau, den einige für eine Peinlichkeit und andere für den ganz großen Wurf halten, dominiert heute die komplette Westseite des Domplatzes, beeindruckt aber vermutlich alle Betrachter mit einer steinernen Fassadenverkleidung in sanftblauer Marmorierung. Diese besteht zwar nicht aus italienischen oder gar ägyptischen Antiken, allerdings wäre Otto von dem hier zur Anwendung gekommenen brasilianischen Naturstein auch 1000 Jahre später bestimmt hellauf begeistert gewesen.

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