Sonntag, August 14, 2022
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Magdeburgs einstige Schutzkette

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Eine Spurensuche vor den Toren der Innenstadt | Von Michael Ronshausen

Die roten Punkte verdeutlichen die Lage der 13 Magdeburger Forts, ohne die später
hinzugefügten Zwischenwerke. Sie waren mit römischen Ziffern bezeichnet, und eigentlich
endete die Aufzählung mit der im Süden der Rotehorninsel liegenden Nummer XII. An der südlichen Magdeburger Peripherie gab es jedoch neben dem Fort II auch das Fort IIA.

Traditionell verwendet man im städtebaulichen Zusammenhang in Magdeburg den Terminus der „Perlenkette“ gerne für die Aneinanderreihung der im Süden der Stadt liegenden Ortschaften Buckau, Fermersleben, Salbke und Westerhüsen. Wenig, oder sogar gar nicht, dafür genutzt, umschreibt der Begriff jedoch auch recht treffend einen interessanten und in der Gesamtsicht sogar verhältnismäßig jungen Teil der Magdeburgischen Festungsbaugeschichte. Schlossen sich ursprünglich die 200 Hektar der Befestigungsflächen unmittelbar an die 120 Hektar der Stadtlandschaft an, funktionierte dieses System ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr.

Die qualitativ wie auch quantitativ hochwertiger gewordenen Geschütze zwangen die möglichen Verteidiger zu anderen Maßnahmen. Rund um die traditionelle Festung entstand in den 1860er und 1870er Jahren ein gepanzerter Ring aus massiven und im Verteidigungsfall autarken Außenforts. Der steinern-stählerne Gürtel rund um die Stadt, der später noch mit so bezeichneten Zwischenwerken verdichtet wurde, hätte vermutlich erfolgreich jedem Angreifer das Fürchten gelehrt. Gekommen ist es dazu nie. Der Vorfeld-Panzerring – grob gemessen um die 2000 bis 3000 Meter vor den eigentlichen Festungsanlagen und somit vor der Stadt liegend – behielt seine militärische Bedeutung am Ende nur für wenige Jahre. Nach der am Ende ähnlich strukturierten Festung vor und rundum Köln behielt jedoch auch Magdeburg bis zuletzt seinen militärischen Status aufrecht und trat den Spitzenplatz nur deshalb an die Rheinmetropole ab, weil der Weg bis zum angeblichen Erbfeind Frankreich wesentlich kürzer war.

Der Abriss galt als zu teuer
Während große Teile der stadtnahen Festungsanlagen eingeebnet oder sogar komplett abgerissen wurden, blieben die Außenforts und ihre Ergänzungsbauten meist unangetastet. Erst wenige Jahrzehnte zuvor errichtet, stellten sie die letzte Stufe der traditionellen Festungsbaukunst dar. Derartige Anlagen zu beseitigen war extrem teuer, wie man bereits durch die Abrissarbeiten der alten Festungsanlagen wusste, und so ließ man die Forts im Weichbild der sich bald immer weiter ausbreitenden Stadt einfach liegen. Man überließ sie aber nicht einfach ihrem Schicksal, sondern versuchte sie umzuwidmen und wieder einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Selbst bei zwei heute völlig verlorenen Anlagen zeugen noch die aktuellen Straßennamen „Zwischenwerkstraße“ im Magdeburger Norden und die Straße „Am Fort“ zwischen Buckau und Fermersleben von der früheren Nutzung der Areale.

So entstanden am Beginn des 20. Jahrhunderts Schulen und Sportstätten, aber auch Lagerflächen und am Ende sogar wieder einige als Kasernen genutzte Bauten. Auf einigen der historischen Flächen befinden sich bereits seit Jahrzehnten – und irgendwie zeitgemäß – sogar kleinere Garagenkomplexe. Nur wenige dieser Anlagen wurden um das Jahr 1900 herum komplett entfernt und im Zuge der Stadterweiterung vollständig überbaut. Aber selbst unter diesen wenigen Fällen finden sich in der modernen Topografie bis heute versteckte Hinweise im Stadt- und Straßenbild. Ein Beispiel dafür ist die vor 20 Jahren auch ohne militärische Nutzung als Wohnquartier wiederbelebte Encke-Kaserne, die sich westlich der zentralen Innenstadt in Nord-Süd-Richtung erstreckt und die exakt das ehemalige Areal des Fort IV überdeckt.

Möglich wurde dieser separate Abriss vermutlich nur durch die weitergehende militärische Nutzung des Geländes – von der Befestigungsanlage zur Kaserne – durch den preußischen Kommiss und daher ohne finanzielle Beteiligung der Stadt Magdeburg. Auch ein weiteres, genau genommen gleich zweimal errichtetes Fort exis-tiert heute nicht mehr. Hoch oben im Magdeburger Nordosten entstand im Bereich der mittleren Saalestraße das Fort XIII, von dem aber immerhin noch die fünfeckige Grundstruktur zu erkennen ist. Der wohl zum Zwischenwerk he-rabqualifizierte Bau bekam auf dem Areal des späteren Hellas-Schwimmvereins einen größeren Nachfolger, der dann jedoch ebenso verschwand. Heute befinden sich auf dem Areal eine Einfamilienhaussiedlung und die Sportanlagen des SV Fortuna.

Ein Fünfeck in fast jedem Viertel
Aber selbst nahe Hellas sind die Geländestruktur bzw. der Straßenverlauf in Form eines konvexen Fünfecks noch deutlich erkennbar, auch wenn bauliche Reste inzwischen völlig fehlen. Bereits 1250 Meter weiter westlich befand sich mit dem Fort VII die nächste Verteidigungsanlage, die ebenfalls in ihrer räumlichen Struktur noch gut erkennbar ist und von der bis heute einige bauliche Bestandteile exis-tieren. Innerhalb der teilweise noch sichtbaren Umwallung befindet sich heute der Wilhelm-Bahnik-Sportplatz des TuS 1860 in der Neuen Neustadt. Von hier aus – und jeweils in rund 1000-Meter-Schritten – neigt sich der Gürtel mit einem heute als Kindergarten genutzten Zwischenwerk (Birkenweiler) und dem ebenfalls gut erhaltenen Fort VI (Neustädter Feld) der westlichen Peripherie zu.

Jüngere Pläne, das Areal des Forts mit einer Einfamilienhaussiedlung zu bebauen, hat der Stadtrat vor geraumer Zeit aus Gründen des Denkmalschutzes ad acta gelegt. Fünf Kilometer weiter südlich und von mehreren teilweise gut, teilweise schlecht oder leider auch gar nicht erhaltenen „Perlen“ in der westlichen Kette ergänzt, befindet sich nahe Sudenburg das immerhin strukturell noch erkennbare Fort III, von dem aber keine Baulichkeiten erhalten geblieben sind. Hier gibt es aber Pläne, die schon mehrfach erwähnte Fünfeckform mit dem Bau einer EFH-Siedlung wieder aufzunehmen und nicht nur sichtbar, sondern gewissermaßen ein Stück weit optisch erlebbar zu machen und einen Teil der historischen Topografie zu bewahren.

Zeit für eine Rettung?
Viele der heute noch vorhandenen Anlagen des ehemaligen Fortgürtels befinden sich heute in einem heruntergekommenen, man könnte auch sagen ruinösen Zustand. Immerhin haben sich in den Jahren seit der Wende Menschen zusammengefunden, die bis heute schon bedeutende Teile der eigentlichen Festung vor dem weiteren Verfall gerettet haben, erlebbar und – natürlich waffenfrei – nutzbar machten. Im Zusammenhang mit der Bewahrung des historischen Erbes ist die Bedeutung dieses Engagements gar nicht hoch genug einzuschätzen. Mit Blick auf die „kleinen“ Außenposten der früheren Festung fehlt hingegen heute auch oft der politische und vielleicht auch der gesellschaftliche Wille, sich dieser Frage angemessen zu widmen.

Magdeburg präsentierte sich – wie auch schon in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor – als wichtigste preußische Festung. In den Jahren nach der Aufgabe der riesigen, aber eben auch der kleineren Anlagen vor den stadtnahen Anlagen war man froh, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben. 1899 erschien ein ansonsten hochwertiger und auch detailreicher Stadtplan, der alle nun militärisch nutzlos gewordenen Fortifikationen aus der Karte strich (Karl-Robert Kiess). Auf einen sachkundigen denkmalpflegerischen Erhalt wenigstens einiger der alten Bauten wurde seinerzeit kein Wert gelegt. Diesen Teil der Magdeburger Geschichte zurückzuholen ist auch nicht möglich, und finanzierbar ist er schon gar nicht. Trotzdem wäre es zumindest der Überlegung wert, ein oder vielleicht auch zwei der noch einigermaßen gut erhaltenen Anlagen über den bloßen Denkmalschutzstatus hinaus zu retten und etwas mehr zu tun, als Magdeburgs einstmalige gepanzerte Perlenkette weiter dem Verfall und der Vergessenheit preiszugeben.

Die Magdeburger Forts

Fort I – (Buckau): Vom Fort I existieren heute keine baulichen Anlagen mehr. Auf dem Areal befinden sich neben dem Squash- & Fitnesscenter heute zwei Sportplätze. Unmittelbar am ehemaligen Standort befindet sich nach wie vor die Straße Am Fort.

Fort II – (Reform): Das Fort II lag südlich des heutigen Uniklinikums, unmittelbar an der Leipziger Straße. In seiner Struktur ist es noch erkennbar. Auf dem Gelände befindet sich heute das Freibad Süd.

Fort IIA – (Lemsdorf): Das Fort IIA liegt zwischen Lemsdorf und dem Magdeburger Ring. Es ist strukturell gut erhalten und es existieren bis heute auch einige Bauwerke. Genutzt wird das Areal mittlerweile vom
Arbeiter-Samariter-Bund (ASB).

Fort III – (Sudenburg): Das Fort III lag wenige hundert Meter nördlich der Halberstädter Chaussee. Es wurde vollständig abgetragen, allerdings ist seine fünfeckige Form noch erkennbar. Es gibt Pläne, diese Form mittels einer modernen Wohnbebauung wieder aufzunehmen.

Fort IV – (Beimssiedlung): Das Fort IV lag unmittelbar westlich an der heutigen Beimsstraße und gilt als Totalverlust. Sämtliche Bestandteile wurden abgebrochen und durch die Encke-Kaserne ersetzt.

Fort V – (Albert-Vater-Straße): Das Fort V ist teilweise erhalten, lediglich der südliche Bereich wurde später bei der Neutrassierung der Albert-Vater-Straße überbaut.

Fort VI – (Neustädter Feld): Die Anlage ist gut erhalten und es existieren noch einige der historischen Bauwerke.

Fort VII – (Neue Neustadt): Das Fort VII liegt zwischen der Neuen Neustadt und dem Stadtgebiet Nord. Es ist inklusive einiger baulicher Teile gut erhalten. Innerhalb

des Areals befindet sich heute der Wilhelm-Bahnik-Sportplatz.

Fort VIII – (Curiesiedlung/Hellas): Das Fort ist um 1912 herum vollständig abgebrochen worden, wurde später mit einem Schwimmbad sowie anderen Freizeitanlagen und nach der Wende mit Einfamilienhäusern überbaut. Topografisch unzerstörbar ist jedoch die bis heute erhaltene Fünfeckstruktur.

Fort VIII (frühzeitig verlegt) – (Saalestraße): Das erste und frühzeitig verlegte Fort VIII befand sich im heutigen Dreieck zwischen Saale- und Allerstraße, etwa 100 Meter nördlich der Firmenruine von Portola. Ob im Geländeraster sichtbare Spuren mit dem Fort im Zusammenhang stehen, war nicht zu ermitteln.

Fort IX – (Werder): Das Fort IX befand sich im Norden des Werders und wurde vollständig entfernt.

Fort X – (Berliner Chaussee): Das Fort X befand sich unmittelbar südlich der Berliner Chaussee im Bereich der heutigen ÖHMI AG. Es ist vollständig überbaut.

Fort XI – (Pechauer Platz): Das unmittelbar am heutigen Pechauer Platz gelegene Fort XI ist größtenteils abgerissen, es existieren nur einige bauliche Reste.

Fort XII – (Rotehornpark-Insel): Das Fort XII liegt am südlichen Ende der Rotehornpark-Insel. Es ist strukturell wie auch baulich gut erhalten und unterscheidet sich durch seine ausgerundete Form. Um Gegensatz zu allen anderen Anlagen verfügt es über einen Wassergraben. Es ist vermutlich die bekannteste dieser Anlagen, hier fanden zahlreiche kulturelle Veranstaltungen statt. Zeitweise existierte im Fort auch Gastronomie.

Der Ring der Fortanlagen wurde bald nach seiner Entstehung aus militärischen Gründen noch mit kleineren Zwischenwerken verdichtet. Auch von diesen Anlagen blieben einige im Stadtbild erhalten. In unserem Beitrag werden sie nur am Rande erwähnt.

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