Dienstag, September 21, 2021
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Magdeburgs Profi-Boxstall SES mit erfolgreichem Nachwuchs-Konzept

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Magdeburgs Profi-Boxstall SES mit erfolgreichem Nachwuchs-Konzept. Jüngstes Beispiel: Junioren-Weltmeister Michael Eifert. | Von Rudi Bartlitz

Es bot sich ein eigenartiges, wenn nicht sogar schon beklemmendes Bild, als vor einigen Wochen irgendwo in Sachsen-Anhalt der Gong zu einem berufsmäßigen Faustkampf geschlagen wurde. Da tapsten zwei ältere Kaliber durchs Seilgeviert, zusammengerechnet kamen sie auf eine stolze Altersmarke von knapp unter Hundert. Austrainiert erschienen höchstens ihre Assistenten in der Ecke. Nur keine hektische Aktion, besser ließe sich das Kampf-Mantra, sollte es ein solches gegeben haben, wohl kaum umschreiben. Die Bewegungen der beiden gereichte jedem gemächlichen Spaziergänger zur Ehre. Wasser auf die Mühlen all derjenigen also, die dem Preisboxen ohnehin keine große Zukunft mehr voraussagen.

Hätten dieselben Skeptiker vor einigen Tagen auf der Magdeburger Seebühne am Ring gesessen, ihr Urteil wäre wahrscheinlich weniger drastisch, wenn nicht sogar diametral anders ausgefallen. Was da, vor allem von jungen Boxern, unter dem ein wenig an alte FDJ-Zeiten erinnernden Motto „Jugend voran“ an Feuer und Leidenschaft, an Tempo und technischer Brillanz zu sehen war, ließ den Zuschauer jubeln – nicht nur innerlich. Vier Akteure des Jahrgangs 1997 waren allein an diesem Abend zu besichtigen, allesamt in ihrer Gewichtsklasse schon Junioren-Weltmeis-ter, allesamt unter dem Patronat des Magdeburger SES-Teams. Dessen Chef Ulf Steinforth: „Wer wissen will, wie die Zukunft des deutschen Boxens aussieht, muss sich deren Kämpfe anschauen.“ Kämpfe, die die Inte­gri­tät einer Sport­art unterstrichen, von der einige hartnäckig meinen, sie sei auf dem Weg, zum Kirmes­bo­xen degra­diert zu werden.

Speziell zur Förderung der besten Talente hat SES vor Jahren eine kleine Staffel innerhalb der eigenen Mannschaft formiert, genannt „Team Deutschland“. Dessen Erfolgsrezept, so wie Steinforth es sieht: ein behutsamer Aufbau der begabtesten Schlagdraufs der Szene. Oder anders gesagt: „Eine Niederlage ist in diesem Alter bei uns kein Kriterium“, so der Promoter, „nicht weiter im Team Deutschland entwickelt zu werden.“ Etwas Vergleichbares sucht man in der internationalen Faustkampf-Szene vergebens. Weit mehr als ein halbes Dutzend Junioren-Weltmeister hat das Magdeburger Unternehmen inzwischen hervorgebracht. Darunter solche wie Supermittelgewichtler Robert Stieglitz und Halbschwergewichtler Dominic Bösel, die später auch bei den „Großen“ den höchsten Welt-Gürtel eroberten.

Zwei, die derzeit nach ganz oben streben, sind die beiden Halbschwergewichte Tom Dzemski und Michael Eifert. Der eine Sohn des SES-Cheftrainers Dirk Dzemski, der andere in Bautzen geboren, seit langem im Allgäu lebend. Beide, wie gesagt, 1997 auf die Welt gekommen, beide unter dem SES-Logo startend. Als sie nun auf der Seebühne durch die Seile kletterten, brachten sie quasi als Morgengabe schon drei Junioren-Titel mit; verliehen von den vier großen Weltverbänden. Jetzt ging es darum, wer tatsächlich der Jahrgangsbeste ist. Vor einem Jahr waren sie an selber Stelle schon einmal aufeinander getroffen. Da siegte Dzemski. Anschließend gab es ein gehöriges Ballyhoo, weil der Ausgang höchst umstritten war.

„Dieser Sieg hat sich nicht wie ein Sieg angefühlt”, blickte Dzemski auf jene Augustnacht 2020 zurück. „Ich konnte mich nicht richtig freuen. Nach dem Kampf ist in den sozialen Medien zu viel auf mich eingeprasselt. Von Betrug und von Schiebung wurde da geschrieben”, berichtet der Mann aus Glauzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) über einen Facebook- und Instagram-Shitstorm. Selbst sein Vater und Trainer meinte, ein Remis wäre damals gerechter gewesen. Auch Eifert witterte seinerzeit Ungerechtigkeit, sagte noch im Ring tief enttäuscht, dass er auf den Punktzetteln keine Chance habe und auch einen Rückkampf vermutlich nur durch Knockout gewinnen könne.

Es war bei diesem erneuten Stallduell also gehöriger Dampf auf dem Kessel. Und Eifert zeigte, dass er die richtigen Lehren aus der ersten Begegnung gezogen hatte. „Die Niederlage hat mich motiviert, noch härter zu arbeiten, an der Schlagkraft, an der Taktik, an der Ausdauer”, erklärte er vor dem ersten Gong. Genau das tat er dann. Hinzu kam eine unglückliche Szene in der dritten Runde, als Eifert nach einer Ermahnung des Ringrichters, die Dzemski als Trennkommando auffasste und einen Schritt zurück machte, noch einmal hinlangte und den Kontrahenten „anbimmelte“, wie es in der Boxersprache heißt. Der Angeknockte zog sich beim Rückwärtsstolpern zudem eine Fußverletzung zu, die Waage neigte sich fortan unübersehbar zu Eiferts Gunsten. Hinterher strahlte der Mann aus Bayern, im Arm nun Junioren-Weltmeistergürtel von gleich drei Verbänden. „Ich hätte noch lange weitermachen können“, meint er, als seien die zehn Runden ein Klacks gewesen. Seinem Kampfnamen „Diesel“, den ihm einst sein Nachwuchstrainer („Michas Motor läuft immer”) in Kaufbeuren verpasste, hatte Eifert wieder einmal alle Ehre gemacht. Er lebe für das Boxen, versichert er auf seiner Homepage. „Boxen war für mich immer schon mehr als nur ein Sport. Es ist meine Leidenschaft und mein Leben.“
Eifert liebt das Boxen so sehr, dass er – der gelegentlich zur Entspannung mal locker einen Marathon einstreut – auf nahezu alles verzichtet, was ihm vom großen Ziel, ein erfolgreicher Profi zu werden, abhalten könnte. Jüngst hat er in Kempten, wo sein Trainer Ali Celik ein Sportstudio betreibt, sogar ein Zimmer direkt über dem Gym bezogen. „Jetzt hat er die ganz kurzen Wege“, lächelt Celik. Disziplin steht bei seinem Schützling ganz oben. Be Stronger Than Your Excuses, stärker sein als die eigenen Entschuldigungen, an diesem Motto orientiert sich der 23-Jährige. Er trinkt keinen Alkohol, geht selten aus. „Ich habe nicht einmal Zeit für eine Freundin”, gestand er Allgäuer Journalisten.

Außer Eifert stand an diesem Abend noch ein anderer Gewinner früh fest: Chef Steinforth. Nicht nur, dass sein Jugend-Konzept überzeugte – wie die Auseinandersetzung auch geendet hätte, die WM-Gürtel wären bei SES geblieben. Der bis dahin in 17 Gefechten ungeschlagene Dzemski nahm es sportlich: „Nun weiß ich wenigstens, wie sich eine Niederlage anfühlt.“ Jetzt wird er sich erstmal intensiver seinem im Herbst 2020 begonnenem Sportstudium, das wegen Corona bisher nur vor sich hinstotterte, widmen. Und im Ring kann er auf das Steinforth-Wort bauen, wonach eine Niederlage noch längst kein Grund ist, nicht im Team Deutschland „weiterentwickelt“ zu werden.

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