Magdeburgs Radsport-Legende Gustav-Adolf Schur war der populärste Sportler der DDR. In diesem Monat feiert er seinen 90. Geburtstag

Von Rudi Bartlitz | Die Stimme von Radio-Legende Heinz-Florian Oertel näherte sich an diesem Maientag 1955 wieder einmal höchstem Tremolo. „Ich weiß nicht, was sie gerade zu Hause tun.“, rief er aufgeregt ins Mikrofon, das damals noch die Dimension eines mittleren Gebläses besaß. „Aber tun sie etwas, was sie an einem großen Feiertag tun. Denn unser Gustav-Adolf Schur hat die Friedensfahrt gewonnen.“ Bei aller Euphorie, ohne die Oertel-Reportagen nun einmal nicht zu haben waren, recht hatte er in einem: Ja, es war ein Feiertag damals in der polnischen Hauptstadt. Für den noch jungen DDR-Sport bedeutete Schurs Sieg bei der Radfernfahrt Prag – Berlin – Warschau, die die meisten nur unter dem Namen Friedensfahrt kennen, den bis dahin größten internationalen Erfolg seit der Staatsgründung. Der Durchbruch, gewissermaßen.

Der, der diese Jubelstunde ausgelöst hatte, schaute nach Überqueren der Ziellinie zunächst ein wenig verwundert drein: „Wieso sagt der Oertel, wir haben gewonnen? Ich habe doch gewonnen.“ Aber Schur wäre nicht Schur, wenn er sich nicht kurz darauf, verschmitzt lächelnd, korrigiert hätte. „Was Oertel meinte war: Die DDR hat gewonnen. Da hatte er Recht damals.“ Wenn in einer kurzen Episode festgehalten werden sollte, wer dieser Schur ist, den alle Welt nur mit seinem Spitznamen „Täve“ kennt, was ihn ausmacht – dies wäre so eine Geschichte. Erfolgreich, aber trotz allem bescheiden. Nicht der Einzelne zählt, das Kollektiv, in diesem Fall der Staat, steht über allem. An diese Maximen hat sich der Mann, der noch kurz vorm Mauerfall zum populärsten Sportler der 40-jährigen DDR-Geschichte gekürt worden war, zeitlebens gehalten. „Und davon werde ich auch nicht mehr abgehen“, sagte er im Gespräch mit der KOMPAKT-Zeitung. Am 23. Februar wird „Täve“ Schur 90 Jahre alt.

Pläne für eine rauschende Geburtstagsfete schmiedet der Witwer – Ehefrau Renate, mit der er 58 Jahre verheiratet war und vier Kinder hat, verstarb im Mai 2020 – nicht. Dafür sorgt schon die Corona-Mauer. So zerschlug sich die Absicht, das Jubiläum eventuell im Friedensfahrt-Museum im rund 30 Kilometer südlich von Magdeburg gelegenen Klein Mühlingen zu begehen. „Ich halte mich penibel an die Pandemie-Vorgaben“, sagt er. „In dieser Hinsicht bin ich ein ganz vorbildlicher Staatsbürger. Ich werde also nur im ganz kleinen Kreis mit der Familie feiern.“ Und überhaupt, die 90, für „Täve“ sind sie ohnehin nur eine Zwischenstation. „Ich will 100 werden.“, bekräftigt er zum wiederholten Male. „Auch in gefährlichen Zeiten.“ Das meint er wirklich ernst. Selbst wenn er inzwischen zu ahnen beginnt: „Ab 90 wird das ein harter Kampf. Mit jedem Jahr spürt man die Knochen mehr …“ Zuletzt war es das Knie.

An Kniebeschwerden war weit und breit nicht zu denken, als der Mann aus dem Magdeburger Vorort Heyrothsberge 1950 seine Rad-Laufbahn begann. „Ich war ein Spätzünder, habe erst mit 19 richtig mit dem Rennsport angefangen. Aber dann ging es ab wie eine Rakete.“ Er habe damals vor allem davon profitiert, dass er als Schlosser-Lehrling beim Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) jeden Tag mit dem Tourenrad nach Salbke und zurück fuhr. Und dass er sich quälen konnte, belastbar war: „Jeden Tag bei Wind und Wetter bin ich die 30 Kilometer im Affenzahn gefahren. Das hat mich stark gemacht.“ Schur besaß eine Energie, die sein Sohn Jan – 1990 im Rad-Mannschaftsfahren Olympiasieger – einmal als „viehisch“, aber eben auch bewundernswert schilderte: „Wenn der sich vorgenommen hatte, 150 Kilometer zu fahren, ohne zu pinkeln, dann hat er’s geschafft. Und wenn ihm die Blase platzte.”

Bereits ein Jahr nach seinem scharfen Start gewann der Sohn eines Ziegeleiarbeiters, der bei Grün-Rot (später Aufbau Börde) Magdeburg mit dem Radsport begann, mit „Rund um Berlin“ sein erstes größeres Rennen. Einmalig bis dahin: Binnen zwölf Monaten startete er von der sogenannten allgemeinen Klasse in die höchste Leistungskategorie durch. Wiederum ein Jahr später gehörte er schon der Nationalmannschaft an, bestritt seine erste Friedensfahrt. Heute würde man ihn wohl als Rookie bezeichnen. Aber es sollte erst der Anfang einer Karriere werden, die es in der DDR so nicht wieder geben sollte.

1955 triumphierte er erstmals bei der Friedensfahrt. „Ich hatte was drauf und wurde von Jahr zu Jahr besser. Meine Leistungsfähigkeit wuchs immer mehr und in diesem Jahr war ich dran.“ Dabei war er schon vor dem Premieren-Sieg bei der „Tour de France des Ostens“ ein Star in der DDR. Die 1953 eingeführte Wahl zum “Sportler des Jahres” hatte Schur stets für sich entschieden, am Ende sollten es neun Ehrungen werden. Der Sieg auf der 2.214 km langen Tortur von Prag nach Warschau verhalf ihm dann zum internationalen Durchbruch. „Das gesamte Ausland wurde aufmerksam. Später bei der WM hing alles an meinem Hinterrad”, erinnert er sich.

Hinterrad hin, Hinterrad her, zweimal holte sich Schur das regenbogenfarbene Trikot des Welt-Champions, 1958 im französischem Reims, ein Jahr darauf im niederländischen Zandvoort. 1960, bei den Titelkämpfen auf dem heimischen Sachsenring, das war unter den Millionen Fans zwischen Rügen und Erzgebirge ausgemachte Sache, krönt „Täve“ seine Karriere mit dem WM-Hattrick. Etwas, was zuvor noch keinem gelungen war. Es sollte anders kommen. Was sich an jenem 13. August (an dem niemand ahnen konnte, was ein Jahr später in Berlin passieren würde) auf der Motorrad-Rennstrecke im sächsischen Hohenstein-Ernstthal ereignete, ließ den Kapitän der DDR-Mannschaft endgültig zur Legende aufsteigen.

Es war Dramatik pur, was sich auf dem 8,7 Kilometer langen Rundkurs vor 200.000 (!) Zuschauern abspielte und danach immer wieder in Büchern, Filmen und tausenden Artikeln beschrieben wurde. In Kurzfassung: Erst holten Schur und sein Teamgefährte Bernhard Eckstein in einer entfesselnden Verfolgungsjagd den enteilten Belgier Willy Vandenberghen ein, dann verzichtete der Magdeburger selbstlos zugunsten seines Freundes auf die eigene Siegchance. Ihm erschien der sichere Titel für sein Land wichtiger als der persönliche Triumph. Er wurde zum Idol einer ganzen Generation, sein Name zum Sy-nonym für Erfolg und Geradlinigkeit. „Und bei allem“, ergänzt sein Freund Wolfgang Lichtenberg, mit dem „Täve“ bis ins hohe Alter regelmäßig Radtouren bestritt, „ist er Mensch geblieben. Einer, der nicht vergessen hat, wo er herkommt.“

Besser hätte es damals für die DDR-Propaganda gar nicht laufen können. Was für eine Geschichte für die Medien! Natürlich war Schur spätestens seit den beiden Friedensfahrtsiegen zum Vorzeige-Athleten schlechthin aufgestiegen. Seit 1958 saß er für die FDJ (später die SED) in der Volkskammer. Nun auch noch diese menschliche Größe. Vor den Augen der gesamten Sportwelt. Einer, der das „Wir“ nicht nur verbal über das „Ich“ stellt. Konnte die Überlegenheit des sozialistischen Systems denn augenfälliger demonstriert werden? Entgegen kam den Funktionären freilich, dass sich Schur nicht verstellen oder verbiegen musste. Er handelte so, weil es ihm sein innerer Kompass, seine Einstellung, so vorgaben.

Der „Spiegel“ schrieb zur Wendezeit, halb anerkennend, halb spöttisch, über ihn: „Täve kann sagen, was er will – Jubel ist ihm sicher. Denn Täve ist so, wie der Sozialist immer sein wollte: Täve fährt Trabi, Täve trinkt nicht, raucht nicht, Täve isst jeden Morgen warme Haferflockensuppe, um die Magenwände zu stärken. Täve ist bescheiden, immer fröhlich, sieht aus wie eine Mischung aus Hans Modrow, Fred Astaire und Sepp Herberger und redet auch so.“

Die Wurzeln für Schurs politischen Weg liegen in seiner Kindheit. „Für mich ist 1945 eine Welt zusammengebrochen“, räumte er 1990 in seiner letzten Rede vor der Volkskammer ein, kurz bevor diese aufgelöst wurde. „Der Krieg hat mich geprägt wie nichts anderes. Eine so große Angst wie bei den Bombenangriffen habe ich nie wieder gehabt im Leben. Ich habe mir gesagt: Nie wieder Krieg! Daraus ist auch meine spätere Einstellung entstanden.“ Eine Einstellung, die ihm nach der Wende massive Vorwürfe seiner Gegner einbrachte (und weiter einbringen), er verteidige das System DDR, das politische wie das sportliche, bis in alle Ewigkeit, sei ein unverbesserlicher Betonkopf. Aus dieser politisch geprägten Sicht seiner Gegner resultiert auch, dass die Aufnahme in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports zweimal abgelehnt wurde – obwohl sie unter anderem von der Sport-Dachorganisation DOSB vorgeschlagen worden war.

Die „Frankfurter Allgemeine“ beschrieb es so: „Ihn einen Ewiggestrigen zu nennen ist keine Beleidigung. Schließlich empfindet Schur es nur als konsequent, wie er weiter zu dem steht, was er zeitlebens vertrat.“ Gregor Gysi, unter dessen Führung Schur zwischen 1998 und 2002 vier Jahre für die PDS im Bundestag saß, sieht es so: „Weil er die Nazizeit erlebt hat, war er gegenüber der DDR wahrscheinlich großzügiger.“ Und sein Sohn Jan sagt in einem MDR-Film über seinen Vater: „Er hat sich nicht verbogen. Deshalb wurde der Alte zur Zielscheibe. Aber ich denke, die DDR wünscht er sich nicht zurück.“ Sein Vater habe nur Angst davor, dass das, was in jenen Zeiten geschaffen wurde, heute „nicht ausreichend geachtet wird“.

„Täve“, glaubt man seinen Worten, ficht all das politische Palaver um seine Person mittlerweile nicht mehr an. Wenn es ihn denn je ins Mark getroffen hat. „Ich bleibe ein Linker“, sagt er. „Und wem das nicht passt, der lässt es.“