Freitag, September 17, 2021
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Magisches Blau

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Keine Farbe löst so unterschiedliche Emotionen aus wie das Blau. Die Spanne reicht von der Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit bis hin zum Einswerden mit der Natur. Weil es aber auch für Aufbruch steht, unterlegen politische Organisationen und Parteien ihre Visionen mit einem Blau. Frauen verschaffen sich mit blau gefärbten Haaren eine besondere Aura. | Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Blau gilt als die liebste Farbe der Deutschen. Dresden hat das Blaue Wunder und Magdeburg hatte den Blauen Bock. Im alten Preußen wurde das Berliner Blau erfunden, ein weltweit hochgeschätztes Farbpigment. Das Meissner Porzellan adelt sich seit drei Jahrhunderten mit den blauen „Gekreuzten Schwertern“. Vicky Leandros besingt es in dem Schlager „Blau, blau ist das Meer“ und das Künstlergespann Armin Mueller-Stahl und Günther Fischer hat in den Fünfzigern eine skurrile Ballade über eine „Blaue Kuh“ geschaffen, die die DDR-Funktionäre sehr verärgert hat. Es ist die Geschichte einer Kuh, die zuerst ihre eigene Milch austrinkt und danach sich selbst, bis nur noch ein blauer Fleck bleibt und am Ende verschwindet auch der. Grund des Ärgers war die Vermutung, dass mit „Der Blauen Kuh“ die DDR gemeint war. Aber wie erklärt sich diese Begeisterung für das Blau?

Warum sind die Blue Jeans blau?
Blue Jeans sind immer noch begehrt und blaue Nylonmäntel waren es einige Zeit auch. Es war der englische Physiker Isaac Newton der im 17. Jahrhundert als Erster beschrieb, dass ein Glasprisma das Sonnenlicht, ähnlich den Wassertröpfchen in einem Regenbogen, in Farben aufspaltet. Aber wir sind doch tagtäglich auch ohne Prismen von vielfältiger Farbigkeit umgeben! Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Wenn uns ein Gegenstand farbig erscheint, dann „klaut“, pardon, korrekterweise muss es heißen „absorbiert“, dieser Gegenstand eine Komponente der Regenbogenfarben aus denen das weiße Sonnenlicht zusammengesetzt ist. Welche Komponente dabei entzogen wird, bestimmt die chemische Natur des Gegenstandes. Der verbleibende Rest des Sonnenlichtes erzeugt die Farbigkeit. Im Fall der Blue Jeans entzieht ein zum Färben eingesetzter Farbstoff (oft Indigo) dem auf die Hose fallenden Licht seine gelborange Komponente, und das lässt dann die Hose blau aussehen. Jetzt muss aber auch noch ergänzt werden, dass wir blau nur durch das Zusammenspiel der „blau-sehenden“ zapfenförmigen Sehzellen in der Netzhaut der Augen, und der Mithilfe des Gehirns sehen können.

Blau war schwierig zu färben
Grüne Blätter und Pflanzen gibt es zu Hauf, aber das Blau ist in der Natur selten und war deshalb lange Zeit schwer verfügbar. Dass die Natur arm an Blau ist liegt am niedrigen Energiegehalt des gelborange-farbenen Lichtes. Damit diese energierarme Strahlung von Molekülen absorbiert werden kann, müssen in den Molekülen die Elektronen auf besondere Weise „hüpfen“ können. Diese Art des „Hüpfens“ macht es der Natur und den Chemikern so schwer „blaue“ Moleküle zu designen.

Im europäischen Mittelalter war das Wildkraut Färberwaid die Quelle für den blauen Indigofarbstoff. Später wurde es aus den Indigopflanzen Ostasiens gewonnen, die den farblosen Grundstoff, das Indican, in einer viel höheren Konzentration enthalten. Für die Färber war das Blaufärben eine durchaus erfreuliche Angelegenheit, denn sie kamen dadurch in den Genuss von vielen Litern Bier. Zuerst wurden die Blätter des Färberwaids in einem großen Gefäß mit reichlich Färberurin vermischt. Danach wurden die zu färbenden braungelben Stoffe einen halben Tag in die Brühe gelegt und anschließend an der Luft getrocknet. Unter dem (oxydierenden) Einfluss des Sonnenlichtes verwandelte sich dann das Braungelb der Stoffe langsam in ein strahlendes Blau. Übrigens,

        der extensive Biergenuss verhalf den Färbern zwecks Ausnüchterung zu einem Ruhetag, daher auch die Rede vom „Blaumachen“. 

Um vom Import des ostasiatischen Indigos unabhängig zu werden, investierte der damals größte Chemiekonzern, die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) vor 150 Jahren die gigantische Summe von 18 Millionen Goldmark in die synthetische Herstellung von Indigo. Dieser Farbstoff war über Jahre so populär, dass es ein Buch über seine Geschichte („Anilin“) lange Zeit zu einem Bestseller geschafft hat. Auch nachdem man Indigo reichlich zur Verfügung hatte, blieb das Färben mit diesem eine He-rausforderung, denn Indigo ist wasserunlöslich und hat auch keine Affinität zu den Fasern der Baumwolle oder Schafwolle. Will man mit Indigo färben, muss es zuerst in das lösliche, farblose Leuko-Indigo umgewandelt werden, das sich in den Fasern löst. Anschließend muss es wieder in das blaue, unlösliche Indigo zurückverwandelt werden. Diesem Prozedere (unlöslich → löslich machen und umgekehrt), der Küpenfärberei mit Indigo, verdanken die Blue Jeans ein Stück ihrer Popularität.

Blau als Sehnsuchtsfarbe
Man kann sich leicht vorstellen, dass es der Anblick des wolkenlosen blauen Himmels oder der des blauscheinenden Meeres war, der bei den Literaten der Romantik die Vorliebe für das Blau geschaffen hat. Einer von ihnen, Novalis (weniger bekannt als Friedrich von Hardenberg), erschuf mit dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ das zentrale Symbol der deutschen Romantik – „Die Blaue Blume“. „Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.“

In der Romantik war „Die Blaue Blume“ das Symbol für die Sehnsucht nach der Ferne, nach ewiger Liebe, nach Grenzenlosigkeit, der Freude am Wandern, aber auch des Unerreichbaren. Für die Romantiker waren die Kornblume und die Wegwarte deren irdische Verkörperung. In ihrer Denkungsart steht „Die Blaue Blume“ auch für das Verschmelzen von Mensch, Natur und Geist, und andererseits das Streben nach Naturerkenntnis und Selbsterkenntnis. Diese Sicht haben die Hippies der Flower-Power-Bewegung aufgegriffen. Zeitgleich gab es in der 68er Studentenbewegung den Slogan, „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot“. Dieser Angriff galt der deutschen Literatur, um diese als „erstarrte Studienrichtung“ zu brandmarken.

„Ich schau dir in die Augen, Kleines.“
sagte Humphrey Bogart zu seiner Filmpartnerin Ingrid Bergmann in dem frühen Blockbuster „Casablanca“. Dieser Manneswunsch trifft am ehesten auf blauäugige Männer zu, die mit Vorliebe auf Frauen mit blauen Augen stehen (was umgekehrt nicht für blauäugige Frauen gelten soll). Erklärt wird das damit, dass die Nachkommen von blauäugigen Paaren stets blaue Augen haben und daher jeden Zweifel an der Vaterschaft ausschließen. Da man davon ausgehen kann, dass der Mehrzahl der Männer dieser Vererbungsgang unbekannt ist, scheint hier das Unterbewusstsein der Ratgeber zu sein. Bei braunäugigen Paaren ist die Vererbung nicht so einfach, da diese sowohl die Erbanlage für braune und blaue Augen besitzen. Deshalb kann ihr Neugeborenes auch mit blauen Augen bezaubern. Blaue Augen spiegeln allerdings einen Mangel wider, denn bei diesen enthält die Iris kein oder wenig Melanin. Weil dieser Pigmentfarbstoff vor der Schadwirkung der Sonnenstrahlen schützt, haben auch Blauäugige ein erhöhtes Risiko an einem Melanom im Augeninneren zu erkranken. Trotzdem gelten blaue Augen unbestritten weltweit als Schönheitsideal. Das gilt heute umso mehr, weil es immer weniger Menschen mit blauen Augen gibt. Ursache dafür ist die dominante Vererbung der Erbanlage für braune Augen. Zu der Vorliebe für blaue Augen hat aber auch Hollywood ein bisschen mit Schauspielern, wie Marilyn Monroe, Paul Neumann oder Brad Pitt beigetragen.

Blaues Blut adelt
Das Private der Blaublütigen in den Klatschspalten findet auch heute noch seine Leser. Die Rede vom blauen Blut des Adels hat seinen Ursprung im spätmittelalterlichen Spanien („sangre azul“). Im Unterschied zur Mehrzahl der dunkelfarbigen Spanier stammten deren Adlige lange Zeit von den Habsburgern ab. Diese hatten eine blassere Hautfarbe und pflegten diese zudem durch das Meiden des Sonnenlichtes. Blässe galt damals (und auch noch später) als Ausdruck einer noblen Herkunft. Mit der Pflege der Blässe haben es allerdings einige Damen übertrieben, wie die englische Königin Elisabeth I. (1533 – 1603). Gleich vielen anderen verwendete sie als Make-up eine Paste aus giftigem Bleiweiß und Eiweiß, wodurch ihr Gesicht immer stärker vernarbte und sie zu einem der ersten „Fashion Victims“ wurde.

Zurück zum blauen Blut. Als Folge der gepflegten Blässe schimmerten die unter der Haut gelegenen Venen der Adligen stärker durch. Nach der Vertreibung der Mauren aus Spanien (Reconquista), und weil es auch damals schon Rassismus gab, legten viele Adlige besonderen Wert auf die Sichtbarkeit ihrer Blaublütigkeit, und somit ihrer Reinrassigkeit. Aber blaues Blut gibt es trotzdem, das haben u. a. Hummer, Tintenfische und vereinzelt Krebse. Blau ist es deshalb, weil im Hämoglobin, dem Transportvehikel für den Sauerstoff, das Eisen gegen Kupfer ausgetauscht ist. Vögel werben mit Gesang und einem farbigen Federkleid um Sexualpartner. Aber das Blau eines Wellensittichs ist nicht die Folge eines in den Federn eingelagerten blauen Farbpigmentes. Auch diese Federn enthalten nur die schwarz-braunen Melanine. Blau erscheint das Gefieder deshalb, weil die Mikrostruktur der Äste von deren Federn das einfallende Licht auf eine bestimmte Art und Weise bricht.

Das Blau in der Kunst
Weil die Farbe Blau so emotional aufgeladen ist, ist sie auch in der Kunst ein begehrtes Ausdrucksmittel. Die Maler der Renaissance setzen ein blaues Farbpigment (Ultramarin) für die Darstellung der Jungfrau Maria ein. Aber stabile, blaue Farbpigmente waren selten und sehr kostbar. So weiß man von den Niederschriften Albrecht Dürers, dass eine Unze (28,35 g) Ultramarin einen Handelswert von 10 Dukaten hatte, die wiederum einem Wert von 34,9 g Gold entsprachen. Im Vergleich dazu kostete sein prächtiges Haus in Nürnberg rund 275 Dukaten. Ultramarin wurde durch Pulverisierung des Halbedelsteins Lapislazuli hergestellt. Später kam dann das Kobaltblau und das farbintensive, ungiftige Berliner Blau dazu, ein frühes Kunstprodukt der Chemie aus Eisen-Atomen und Blausäure-Molekülen (Fe4[Fe(CN)6]3). Dieses fand unter verschiedenen Bezeichnungen (Preußisch Blau, Pariser Blau, Antwerpener Blau oder Turnbulls Blau) breite Anwendung, auch in der Malerei. So ist die berühmte „Große Welle von Kanagawa“ des japanischen Künstlers Hokusai vom Berliner Blau geprägt. Blaue Farbpigmente spiegeln auch die Befruchtung der Malerei durch die Chemie wider, weil Blau die Darstellung von Himmel, Wasser, Dämmerung, Schatten, Nacht ermöglicht, und außerdem die Farbpalette abrundet. Mit der leichteren Verfügbarkeit von erschwinglichen, blauen Farbpigmenten experimentierten dann auch zunehmend jüngere Maler aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit diesen, wodurch der Weg für den Impressionismus geebnet wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es die Expressionisten um Wassily Kandinsky und Franz Marc, die mit dem Künstlerverein „Der Blaue Reiter“ den Aufbruch der Kunst zu einer neuen geistigen Qualität propagierten. Weil flächenhaft aufgetragenes Tiefblau eine vom Betrachter empfundene Sogwirkung hat, machte sich der französische Performance-Künstler Ives Klein mit diesem farbpsychologischen Effekt einen Namen mit monochromer Kunst.

Blau spielt mit der Seele
Blau gilt auch als die Farbe der Kühle, Reinheit, Treue, Spiritualität und zugleich als Sehnsucht nach einer immateriellen Welt. Es gibt die „Blaue Stunde“, den kurzen Zeitabschnitt vor Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang, dem eine besondere romantische Stimmung nachgesagt wird. Die Farbtherapie setzt das Blau zur Beruhigung und Entspannung ein. Zur Behandlung nervöser Schlaflosigkeit werden blaue Farbanstriche im Schlafzimmer oder blaue Bettwäsche empfohlen. Blaue Farbbestrahlung soll belastende Klimakteriumsbeschwerden mildern. Weil Suchterkrankte den Kontakt zu ihrer inneren Mitte verloren haben, versucht man diese mit einer Blau-Bestrahlung bei der Ich-Findung zu unterstützen. Blau steht aber auch für das Unklare und Ungewisse (ins Blaue reden; die Fahrt ins Blaue) und der (lügenhaften) Vorspiegelung (blauer Dunst).

Frauen färben sich die Haare blau, weil dieses die Frau zu einem Hingucker macht und ihr zugleich eine Aura von Unnahbarkeit, Einsamkeit und attraktiver Fremdheit verleiht und Männer, die erkaufen sich mit blauen Pillen versickerndes Selbstbewußtsein.

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