Mai-Feiertage – aber kaum ein Grund zum Feiern

Der 1. Mai steht vor der Tür. Dann folgen am 9. Mai der Muttertag, am 13. Mai Christi Himmelfahrt und am 23. Mai ist Pfingstsonntag. Das zweite Frühjahr mit seinen schönen Familienfeiertagen und Festen, mit Möglichkeiten des Zusammenseins und gemeinsamer Unternehmungen steht unter pandemischen Einschränkungen. Für viele bleibt ein hilfloses Schulterzucken. Wer über ein Freizeitgrundstück verfügt oder einen Garten, wird die Tage mit hoffentlich schönem Wetter wenigstens mit den seinen im Freien verbringen können. Na klar, man kann auch anderweitig draußen etwas unternehmen. Fahradausflüge, Wanderungen oder Spaziergänge beispielsweise. Mit Abstand natürlich und nicht mit mehr Personen als zugelassen. Aber ab wie viel Abstand wird man möglicherweise als nicht erlaubte Zusammenkunft mehrerer Personen angesehen? Komische Zeiten erzeugen komische Sitten – unter uns allen.

Realisieren Sie auch, dass Polarisierung und Spaltung in der Gesellschaft zunehmen? Seit 2015 haben drei große Themen den Zeitgeist bewegt. Erst waren es Flüchtlingsströme und Migration, die Aufschreie, Abwehr und Verteidiger auf den Plan riefen und eine diametrale Gegnerschaft erzeugten. Dann kam die Klimaschutzbewegung, in der sich Befürworter organisierten und solche, die manche Forderung für überzogen hielten. Jetzt sind es die Einschränkungen zur Corona-Pandemie, welche einen Riss durch die Gesellschaft ziehen. Zum Feiern ist einem da nicht zumute. Am Tag der Arbeit, an dem insbesondere Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen und Einkommensgerechtigkeit demonstrieren: Was sagen Gewerkschaftsvertreter in diesem Jahr jenen Beschäftigten, die gar nicht arbeiten dürfen oder nur unter großen Einschränkungen. Rund eine Million Menschen haben 2020 in Deutschland ihre Arbeit verloren. Mehr als die Hälfte davon waren sogenannte Minijobber. Die Zahlen hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linken zusammengestellt. Demnach hätten 477.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ihren Job verloren. Bei den geringfügig Beschäftigten gab es im vergangenen Jahr 526.000 Jobs weniger.
Solidarität ist ein schönes Wort und es wird häufig ausgesprochen und als Maßstab für soziales Engagement herausgestellt. Aber wo ist die Solidarität mit jenen Menschen, die für den Gesundheitsschutz der anderen Einkommen verlieren. Für einige kommt das gar einer schleichenden Enteignung gleich. Wird für diese Menschen auch demonstriert? Oder sind das die stillen Opfer, für die man sich nicht lautstark einsetzt, bei denen es keinen Aufschrei gibt, wie gegenüber solchen, die die Corona-Politik kritisch begleiten? Den Verstorbenen durch das Virus zu gedenken und an den Schmerz ihrer Angehörigen zu erinnern, ist nur die eine Seite der Pandemiefolgen. Die andere darf darunter nicht vergessen werden.

Dürfen wir zulassen, dass sich die Gesellschaft selbst spaltet? Es ist ja gar keine von oben verordnete Spaltung. Risse tun sich auf zwischen den Menschen, trennen Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen, zerstören Freundschaften und sozialen Zusammenhalt. Auch wenn es darum geht, Menschen vor den Gefahren einer Virusinfektion zu schützen, darf man doch alle, die durch die gesetzten Beschränkungen beeinträchtigt werden und auf sich aufmerksam machen, nicht wegwischen. Sie gar als Leugner etikettieren. Wo ist da die vielbeschworene Solidarität? Und sind es häufig nicht genau jene, die eine Solidargemeinschaft fordern, die andere nun diffamieren, nur weil sich Kritik regt? Und erzeugen nicht solche, die noch mehr Einschränkungen fordern, nicht genau das Bild des biederen Spießbürgers, der sich anpasst und geschehen lässt, was verordnet wird? Das waren doch in der Vergangenheit die als geringschätzig Eingestuften, weil sie in zwei Diktaturen schleichend alles hingenommen hätten.

Ins Private zieht man sich zurück. Im Privaten werden die Diskussionen geführt. Im privaten Umfeld werden Ohnmacht und auch Verzweiflung erlebt. Egal, welche Notlagen draußen entstehen, die Schwachen leiden leise. Oft haben sie keine Stimme, manchmal sind es ebenso alte Menschen, wie bei den Risikogruppen. Kinder haben oft nur ihre Eltern als Anwälte, Menschen, denen es an Mut fehlt, auf ihre Situation aufmerksam zu machen, harren aus und hoffen so lange, bis es dann zu spät ist. Es gibt sie alle, die unverschuldet Leidenden, die heute selten eine Stimme haben, und über die in Medien wenig geredet wird.

So bleibt an den Feiertagen für manche wenig Trost und wenig Spaß am Feiern. Es geht darum, dass wir an uns selbst appellieren und Kontakt und Verbindungen suchen, Aufmerksamkeit schenken und Hilfe anbieten, damit die Menschen, die still leiden sich im Leid nicht allein fühlen. Man kann miteinander reden und nach Ideen suchen, um die missliche Lage zu erleichtern. Das müssen wir tun. Das ist auch Verantwortung und man darf nicht nur in die Richtung von Kritik wettern.
Thomas Wischnewski