Mal nichts von Corona

Das Leben geht weiter. Und so ist es nicht verwunderlich, dass aufmerksame Leser unserer Kompakt-Zeitung sich auch für andere Themen interessieren. So wie Frau Martina Herzsprung aus Gerwisch, die in einer Leserzuschrift mehrere Fragen zum Gebrauch unserer deutschen Sprache stellt.

  1. Die Stadt Magdeburg wirbt für sich als Stadt Ottos des Großen. Aus Sicht der Grammatik werden alle Bestandteile des Namens dekliniert. Beispiele: „In Magdeburg, der Stadt Ottos des Großen /Ottos des Großen – Genitiv/, wohnen rund 240 000 Menschen.“ Ähnlich: „Zu Zeiten Karls des Großen, also um das Jahr 800, existierten noch keine Nationalstaaten wie Frankreich oder Deutschland.“
  2. Kann man von humanitären Katastrophen sprechen? „Humanitär“ heißt doch menschenfreundlich, wohltätig. Sollte man nicht doch von “humanen Katastrophen” oder nur einfach von Katastrophen sprechen? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Beide Wörter sind Sy- nonyme, also sinnverwandte Wörter, und es ist kaum ein Unterschied in ihren Bedeutungen zu definieren. „Die Eroberer waren noch ziemlich human mit den Gefangenen umgegangen, denn sie ließen sie am Leben.“ Eine Sprache ist ständig im Wandel, und es scheint daher, dass sich mit „humanitär“ auch mehr und mehr die Bedeutung in der Richtung „humanitär = auf die Not der Menschen bezogen“ durchsetzt. Vielleicht ist auch hier der Einfluss des Englischen zu sehen. Im Oxford Illustrated Dictionary, einem reich bebilderten englischsprachigen Lexikon, gibt es unter dem Eintrag „humanitarian“ den kritischen Hinweis, dieses Wort würde von Reportern häufig unrichtig anstelle von „human“ gebraucht. Wir können also nicht ausschließen, dass Wendungen wie „humanitäre Katastrophen“ aus Übersetzungen englischsprachiger Quellen stammen. An anderer Stelle hatten wir schon auf Ähnliches verwiesen, wie z. B. internationale Studenten, die doch eigentlich als ausländische Studenten bezeichnet werden müssten. Im ARD-Fernsehen gab es neulich an einem Abend, während der Sendung zum Börsengeschehen in Frankfurt, Hinweise zum Verhalten in der Coronakrise, und da wurde auf einer Tafel schriftlich tatsächlich „soziale Distanz“ angemahnt. Damit war nicht gemeint, dass zwischen dem Börsenberichterstatter und einem Obdachlosen wirklich soziale Distanz herrscht, sondern dass die Menschen gegenwärtig körperlichen Abstand zueinander halten sollen, und auf Englisch heißt dies „social distance“.
  3. Kaufmann oder Kauffrau? Beide Bezeichnungen sind richtig. Ausbildungsberufe sind z. B. Kaufmann oder Kauffrau für Büromanagement. Die Leserin hat wahrscheinlich noch ein Abschlusszeugnis für einen kaufmännischen Beruf erhalten, als die Spezifizierung nach Geschlechtern noch nicht üblich war. Ob es lohnt, sich eventuell mit großem Aufwand neue Papiere ausstellen zu lassen, muss sie selbst entscheiden.
  4. Warnung im Radio: „Vorsicht! Auf der Autobahn … kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen!“ Es könnte ja aber auch eine Falschfahrerin sein. Damit müssten wir ja nun voll in die gendergerechte Sprache einsteigen. Wie soll der Radiosender nun seine Warnung ausstrahlen? Es ist natürlich so, dass viele Jahrhunderte lang die Männer das Sagen in der Wirtschaft, in der Politik, im Staat, hatten, und das drückt sich auch in der Sprache aus. 1996 wurde in der Europäischen Union eine Mitteilung zu „gender mainstreaming“ veröffentlicht, seitdem gibt es Diskussion dazu, auch dazu, dass eine juristische Verankerung erfolgen müsste. Vorherrschend sind dennoch noch immer die männlichen Bezeichnungen von Berufen, Pos-ten in Behörden usw. Ob dies jemals überwunden werden kann, ist fraglich. In offiziellen Dokumenten wird sich häufig so beholfen: „Sprachliche Gleichstellung: Status- und Funktionsbezeichnungen gelten ungeachtet ihres grammatikalischen Geschlechts als geschlechtsneutral.“ (Punkt 10 der Richtlinien des Landes Sachsen-Anhalt zur Gewährung von Soforthilfen in der Coronakrise.) Auf jeden Fall, liebe Leserin, ist nichts davon bekannt, dass aufgebrachte Hörer diskutieren, ob Falschfahrer oder Falschfahrerinnen unterwegs sind. Ganz abgesehen davon, dass schlecht erkennbar ist, was für eine Person am Steuer eines Fahrzeugs sitzt, noch dazu, wenn es dunkel ist.
  5. Was sich an den gerade behandelten Punkt anschließt, ist ein sehr guter Vorschlag unserer Leserin: Um manches geschlechtsneutral auszudrü-cken, könnte man wohl „-schaft“ anhängen? Lehrerschaft, Schülerschaft, Studentenschaft, Erzieherschaft, Zuhörerschaft, Leserschaft, Ärzteschaft usw., statt zu schreiben oder zu sprechen: -er, -innen. Dieser Gedanke ist durchaus aufzugreifen. Er könnte dann Anwendung finden, wenn er insbesondere von solchen Personen verwirklicht wird, die an exponierter Stelle stehen und häufig in den Medien auftreten. Vielleicht hören wir bei der nächsten Neujahrsrede unseren Bundespräsidenten sagen: „Liebe Mitbürgerschaft …“, anstelle von „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger …“. Aber dann tauchen Bedenkenträger auf, denen auch das nicht gefällt. Das sind doch alles Ausdrücke, so könnte argumentiert werden, die grammatisch männlichen Geschlechts sind und an die einfach -schaft angefügt wurde: Pflegerschaft, Verkäuferschaft, Kraftfahrerschaft usw. Die derzeitige Situation jedoch, mit Schrägstrichen oder Sternchen oder ähnlichem zu kennzeichnen, dass man sich gendergerecht ausdrücken und schreiben will, ist unbefriedigend. Abgesehen davon, dass niemand richtig weiß, wie man solche Wortgebilde aussprechen soll: Pflegerinnen, Verkäuferinnen.

Zum Schluss: Bleiben Sie aufmerksam und vor allem gesund!
Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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