Freitag, Juli 1, 2022
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Manchmal verstehe ich nur Bahnhof

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Diese Redewendung verstehen Sie doch, liebe Leserinnen und Leser: „Ich verstehe nur Bahnhof.“ Das bedeutet, dass ich nichts verstehe von dem, was da gesagt oder geschrieben wird. Wie, Sie verstehen alles? Wunderbar, dann sind Sie ein Glückspilz und heben sich wahrscheinlich von der breiten Masse der Menschen ab.
Mir geht es aber so, dass ich ohne Bücher und Nachschlagewerke kaum noch die einfachsten Zeitungsartikel und Rundfunkbeiträge verstehen kann. Das fängt an bei der Wahl des Oberbürgermeisters der Stadt Magdeburg. Halt, da haben sich ja auch mehrere Frauen als Kandidatinnen für diesen Pos-ten beworben. Politisch korrekt müsste das dann heißen: Wahl der Oberbürgermeisterin der Stadt Magdeburg. Oder doch anders? Und steht nicht auf den Briefbögen, die aus dem Rathaus kommen, „Der Oberbürgermeister der Stadt“? Ist alles neu zu drucken, wenn eine Frau das Rennen macht?
Das sind also die sogenannten Gendersachen. Aber als brave Bürger und Bürgerinnen der Stadt, und dann als Wählerinnen und Wähler, studieren wir aufmerksam, was die Kandidatinnen und Kandidaten so darstellen, wie alt sie sind, welche Tätigkeiten („Jobs“) sie bisher geleistet haben usw. Beruf und Tätigkeit wird heutzutage häufig in einen Topf geworfen. So sagte ich neulich in unserer Volleygruppe zu einem Sportsfreund: – Du warst ja lange nicht da. Antwort: – Viel Arbeit, keine Zeit. – Was machst du? – Projektierung von Solaranlagen. – Was ist denn dein Beruf? – Projektleiter. – Projektleiter ist doch kein Beruf. Was hast du gelernt oder studiert? …. Bisher wurde doch meist unterschieden zwischen dem erlernten Beruf und der ausgeübten Tätigkeit. Die jetzige Tätigkeit kann sich natürlich völlig unterscheiden von dem Beruf, den man mal vor Jahren nach Schulbesuch, Lehre oder Studium ergriffen hat. Und Projektleiter oder Abteilungsleiter oder selbst Generaldirektor sind ja keine Berufe, sondern Tätigkeiten, zu denen man ernannt wurde oder die man sich selbst erarbeitet hat.
Und da liest man dann in den Zeitungen und Flyern, wie sich die Kandidatinnen und Kandidaten persönlich vorstellen. Eine der Kandidatinnen gibt an, sie sei Rekruiterin. Beruf oder Tätigkeit, das spielt hier erstmal keine Rolle. Rekruiterin, was ist denn das? Schon im preußischen Heer, also vor mehreren hundert Jahren, gab es Rekruten. Das waren junge Männer, die ihren Wehrdienst leisten mussten. Frauen und Mädchen waren damals in der Armee nicht zugelassen. Ob die junge OB-Bewerberin vielleicht in einer Bundeswehreinheit für die Einstellung von neuen Soldaten zuständig ist? Halt, lieber Freund, das Wort heißt ‘Rekruiterin’, vergiss also nicht den Buchstaben ‘i’. Also doch nichts mit ‘Rekruten’ zu tun? Schauen Sie auf die Überschrift, liebe Leserinnen und Leser, und dann sehen Sie sich den zweiten Abschnitt dieses Textes an. Ich verstehe nur Bahnhof, und ohne eine Reihe von Wörterbüchern ist das Verstehen wohl nicht mehr möglich.
Alles wird immer teurer. Wir wissen nicht, was uns der Krieg in der Ukraine noch alles bringt. Die Getreidemengen aus diesem Land ernähren rund 400 Millionen Menschen auf unserem Planeten. Wir müssen damit rechnen, dass auch bei uns die Preise für Brot und Brötchen anziehen. In Magdeburg gibt es zwar immer weniger eigenständige Bäckereien, aber es gibt genug Läden und Kaufhallen, wo wir uns mit Backwaren eindecken können. Und manche Inhaber von Einrichtungen haben überhaupt keine Furcht vor der Konkurrenz. Denn sie gründen sogar ein Backoffice. Toll, wenn dort die Brötchen ein paar Cent billiger als im Supermarkt sind. Ob da aber auch Crowdworker auf Gig-, Click- oder Crowdworking-Plattformen tätig werden können, dazu fehlen uns noch die Daten. Junge Leute, bewerben könnt ihr euch doch trotzdem. Vielleicht ist die Workload ganz erträglich. Und wenn ihr Erfahrungen mit den Service Skills habt, dann könnt ihr als Allrounder auch woanders punkten.
Seid ihr dann angestellt, dann bemüht euch bald um konstruktive Feedback-Gespräche. Mit Start, Stop und Keep seid ihr da auf der richtigen Seite. Wenn die jungen Damen vorher eine lange Nacht hatten und tiefe Augenringe entstanden sind, dann ist ein orangener Concealer zu empfehlen. Ob andere Challenges auch so einfach zu bewältigen sind? Seid überzeugt, dass euch die Community immer zur Seite steht.
Nun ein ganz anderes Thema. Als Kind, so erinnere ich mich gerne, hatte ich ein kleines Aquarium. Die ersten und meisten Fische waren kleine Guppys und dann Schwertträger. In der Natur, und das müssen auch unsere Leserinnen hier zugeben, stellen die männlichen Tiere meist das schönere Geschlecht dar, d. h. sie haben mehr natürlichen Schmuck als die weiblichen Exemplare zu bieten. Die männlichen Guppys sind farbig, die weiblichen mehr grau und einfarbig. Bei den Schwertträger- Fischen tragen die Männer hinten an der Schwanzflosse ein Schwert, daher auch der Name. Das Gesagte soll nun der Übergang zu LGBTIQ sein. LGBTIQ ist die Abkürzung für ‚lesbian, gay, bisexual, trans, intersex und queer‘. Es geht hier eben um die Frage, welche Geschlechter unsere Menschen in der heutigen Zeit aufweisen können. Wer bisher angenommen hat, es gäbe nur Männlein und Weiblein auf der Welt, der wird schon allein mit einer solchen Aufzählung eines Besseren belehrt. In unserer deutschen Grammatik haben wir die drei Geschlechtswörter ‚der‘, ‚die‘ und ‚das‘, die eigentlich mit dem Geschlecht gar nichts zu tun haben und als Bezeichnungen nur erfunden worden sind, um für ‚Artikel‘ in der Grammatik auch ein deutsches Wort zu haben. Dabei können manche Substantive auch mehrere Artikel haben: der Verdienst – das Verdienst, der See – die See, der Leiter – die Leiter, usw. Aber nun diese geschlechtliche Vielfalt bei Menschen! Da wird von trans Menschen gesprochen, es gibt inter Frauen und auch nichtbinäre Menschen. Wenn Sie mal etwas in der Schule im Grammatikunterricht von Adjektiven gehört haben – vergessen Sie das bitte. ‚trans‘ habe ich bisher immer so als Silbe in zusammengesetzten Adjektiven (Adjektiv = Eigenschaftswort) betrachtet, z. B. bei ‚Transatlantisches Bündnis‘, womit die NATO gemeint ist, und damit ist gemeint, dass das Bündnis von Nordamerika über den atlantischen Ozean nach Europa reicht. Aber jetzt ist ‚trans‘ ein Eigenschaftswort geworden, und das wird auch nicht gebeugt. ‚Beugung‘ heißt, dass das Adjektiv dekliniert werden kann, und damit ändern sich am Ende des Wortes die Buchstaben. Beispiel: der dicke Mann (Nominativ, also 1. Fall), des dicken Mannes (Genitiv, 2. Fall), dem dicken Mann (Dativ, 3. Fall). Aber ‚trans‘ bleibt immer gleich. ‚trans‘ hängt zusammen mit ‚Transition‘, auf Deutsch ‚Übergang‘. Die Erläuterungen zur Grammatik treffen auch auf ‚inter‘ zu. Wenn da oben ‚queer‘ steht, dann denken Sie bitte nicht, das sei ein Schreib- oder ein Druckfehler. Nein, richtig geschrieben. Und was es bedeutet, dazu können wir hier nur eine Definition aus dem Internet wiedergeben: Queer ist eine positive Selbstbezeichnung für Personen, die nicht heterosexuell und/oder cisgeschlechtlich sind. Wenn Fremdwörter mit anderen Fremdwörtern erklärt werden, dann muss man doch noch immer tiefer graben: Was ist ‚cisgeschlechtlich‘? Cisgeschlechtlich bedeutet Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht. Nun, alle Unklarheiten beseitigt? Können Sie nun auch selbst einschätzen, ob Sie binär oder nichtbinär sind?
Das Leben ist kompliziert und wird immer komplizierter. Da werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicherlich zustimmen. Dass sich eine solche Tendenz auch in der Sprache ausdrückt, das ist eigentlich auch selbstverständlich. Aber muss dies wirklich dazu führen, dass wir manchmal wirklich nur noch Bahnhof verstehen? Und dass das Nichtverstehen immer mehr zunimmt?
Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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