Mittwoch, August 10, 2022
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Markgraf Geros Vermächtnis

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Geht’s um Baukunst und große Geschichte, gibt’s in Sachsen-Anhalt was zu sehen! Hier findet man Hundertwasser, in echt und mit äußerem „Anstrich“. Man findet die Moderne, den Historismus und die architektonischen Epochen, die dieser Zeit voraus gegangen sind, bis hin zu beiden gotischen Kathedralen in Halberstadt und Magdeburg und die noch früher entstandenen Kirchen der Romanik. Möchte man den steinernen Reichtum des Landes erlebt haben, darf man einen Ort am nördlichen Harzrand nicht außen vor lassen: Gernrode, mit seiner bereits im 10. Jahrhundert errichteten Stiftskirche St. Cyriakus. Der Bau gehört zwar auch zur Stilepoche der Romanik, seine Entstehungszeit liegt aber im Zeitalter ottonischer Herrscher.

Mit schlechtem Willen könnte der historische Prachtbau heute gut als Ausrede für schlampig arbeitende Architekten dienen. In der Kirche – zur Entstehungszeit war sie durchaus ein Riesenbau – gibt es horizontal kaum einen rechten Winkel. Schlimmer noch, man muss sich sogar fragen, wie es die Baumeister vor gut 1.000 Jahren schafften, das klassische Winkelmaß von 90 Grad derart zu vernachlässigen. Eine verlässliche Antwort auf diese Frage gibt’s nicht, vermutlich war es das übliche Schnell-schnell-schnell und Weg-weg-weg. Und wirklich wichtig war ein wenig mehr Sorgfalt sowieso nicht, das Bauwerk sieht zwar aus wie eine Kirche, ist aber nebenher auch eine dickwandige Trutzburg, gebaut für die Ewigkeit, was immerhin bis heute funktioniert hat.

Ereignisgeschichtlich muss man St. Cyriakus zweifellos noch genauer unter die Lupe nehmen, statt nur die zahllosen schiefen Ecken dieser Kirche zu betrachten. Bereits ab 959 gab es im Ort ein von Markgraf Gero gegründetes Damenstift. Während der mehrjährigen Abwesenheit König/Kaiser Ottos wurde Gero zum wichtigsten Mitspieler im nordalpinen Machtgefüge und als der Markgraf 965 starb, konnte er vermutlich in seiner noch im Entstehen begriffenen Stiftskirche beigesetzt werden. Durch die im anhaltenden Gebet begriffenen Stiftsdamen war auch für Geros Seelenheil (und nicht zuletzt auch für die bleibende Erinnerung an ihn) nachhaltig gesorgt. Auf der letzten Reise seines Lebens, von Magdeburg über Quedlinburg nach Memleben, wird auch Otto der Große im Frühjahr 973 im Stift und in der Kirche eingekehrt sein, um seinen nun schon toten Gefolgsmann zu besuchen. Und obwohl es noch andere Bauwerke aus der ottonischen Epoche im heutigen Sachsen-Anhalt gibt, dürfte bei der Gernröder Stiftskirche kaum daran zu zweifeln sein, dass Otto sie auch tatsächlich betreten hat.

Den langen Zeitenlauf ihrer Geschichte hat die Kirche gut, aber nicht unbeschadet überstanden. Ab der nachreformatorischen Auflösung des Frauenstifts (1616) begann sie zu verfallen, die gottesdienstliche Nutzung wurde eingestellt. Etliche der Stiftsgebäude fielen dem Abriss anheim, vermutlich auch als Folge des voranschreitenden baulichen Verfalls. Der eigentliche Kirchenbau wurde als Lager landwirtschaftlicher Güter zweckentfremdet. Glaubt man der Überlieferung, endete die Ostkrypta – zweifellos eine Weihestätte der frühmittelalterlichen deutschen Architekturgeschichte – gemeinsam mit der später hinzugefügten Westkrypta als Kartoffelkeller. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts klärte sich der Blick bezüglich der Bedeutung dieses bau- und zeitgeschichtlichen Schatzes. Unter dessau-anhaltischer Verantwortung und unter der Regie des preußischen Konservators Ferdinand von Quast wurde die Kirche entrümpelt und wieder nutzbar gemacht. Von Quast hatte dabei weitgehend freie Hand und konnte der Kirche sogar einen historisch nicht ganz koscheren Vierungsturm hinzufügen, wohl einfach, weil er optisch gut ins vermutete Bild einer mittelalterlichen Kirche passte.

In erhebliche Mitleidenschaft waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Treppentürme geraten. Sie dominierten das bereits im 12. Jahrhundert umgebaute Westwerk und wurden um 1907 fast vollständig neu errichtet. Heute zeigt sich die Kirche wieder wie in der Zeit der dort lebenden und betenden Stiftsdamen. Die gibt es zwar nicht mehr, genutzt wird der Kirchenbau stattdessen als evangelische Pfarrkirche. Zu den bedeutendsten Ausstattungsstücken gehören das Grabmal Markgraf Geros und das aus der Frühzeit der Kirche stammende Heilige Grab. Obwohl St. Cyriakus seit rund 30 Jahren der vielleicht wichtigste Punkt auf der sachsen-anhaltischen Straße der Romanik ist, gehört die Kirche nicht zu den touristisch überlaufenen Zielen. Für Besucher geöffnet ist das Gotteshaus, außer sonntags, derzeit täglich von 10 bis 17 Uhr. Nach dem Sonntagsgottesdienst um 10.30 Uhr kann die Kirche ab 12 Uhr besichtigt werden. Anmeldungen für Führungen sind unter der Rufnummer 039 485 / 275 (Mo-Fr 9-12 Uhr) empfohlen. Michael Ronshausen

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