Sonntag, August 14, 2022
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Medien in der Krise oder im Wandel?

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Zeitungsauflagen schrumpfen, Medienschelte wächst, die Berichterstattung erfolgt mehr
und mehr per Video, wenn gelesen wird, dann vorrangig Überschriften oder Kurznachrichten. Die aktuelle Welt der Medien ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung und dieser wird vielfach mit Ohnmacht begegnet, anstatt den Kern einer Chance zum Wandel zu erkennen. Der Versuch einer Betrachtung über die eigene Branche.

Von Thomas Wischnewski

Im Selbstverständnis der Presse wird in der Regel der Anspruch formuliert, man berichte nur über Tatsachen und Fakten, und weil man vielfach mit ausgebildetem Personal an der Front der Nachrichten stünde, seien Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit gewährleistet. Mit dieser verkürzten Erklärung wird die Entwicklung in und um Medienbetriebe/n jedoch ausgeblendet.

Medienarbeiter, also solche, die Beiträge für TV, Hörfunk, Zeitungen oder Online-Portale erzeugen – vergessen werden dürfen dabei auch zahlreiche Fachredakteure für technische, wissenschaftliche, medizinische und viele andere branchenspezifische Publikationen nicht – sind bekanntlich Journalisten. Nun wird deren Zahl in Deutschland auf etwa 70.000 geschätzt. Da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, kann sich quasi jeder so nennen, der regelmäßig auf irgendeinem Kanal Beiträge veröffentlicht. Sogar Leute, die ihr Einkommen aus sozialen Grundsicherungen beziehen und von daher meist über viel Tageszeit verfügen, können sich als Journalisten betätigen. Erreichen solche Akteure eine größere Öffentlichkeit, haben sie quasi durch ihren Kanal ein Medium erzeugt. In der heutigen Onlinewelt ist das oft die Normalität. Wirklich neue, mit Wirtschaftlichkeit untersetzte Medien sind die Ausnahme. Die Gesamtzahl festangestellter Redakteure betrug laut Angabe des Verbandes Deutscher Zeitungsverleger (VDZ) 2019 rund 36.000 Köpfe. 13.000 davon waren bei Zeitungen beschäftigt, 9.000 bei Zeitschriften, 7.000 beim Öffentlich-rechtlichen TV und Hörfunk und etwa 7.000 beim Privatradio und -fernsehen. Gemessen an vielen anderen Branchen in der Republik sind Journalisten also eine relativ kleine Kaste. Der Trend rückläufiger Jobs für Journalisten lässt sich weltweit beobachten. In den USA sank die Anzahl angestellter Redakteure bei Zeitungen im Jahr 2008 mit rund 71.000 auf weniger als 31.000 im Jahr 2020.

Gegenüber den Millionen Akteuren auf sogenannten Social-Media-Kanälen müssen und wollen sich Medienleute in ihrer Existenz und Bedeutung behaupten. Die viel zitierte „Macht der Medien“, weil sie über bestimmte traditionelle Institutionen wie Nachrichtenagenturen, Sendeanstalten, Zeitungsverlage o. ä. Redaktionsbetriebe verfügt, lässt sich heute eher daher begründen, dass Beiträge, Auszüge davon, Videobotschaften und Zitate innerhalb der vielfältigen Online-Plattformen und Messengerdienste ihre Weiterverbreitung finden. Theoretisch könnten alle Teilnehmer bei Facebook, Twitter, Instagram & Co. die bestehende Medienwelt mit eigenen Inhalten überstrahlen. Und das passiert in der Summe der verbreiteten Inhalte auch – egal, ob sinnvoll oder unsinnig, Fake oder Fakt.

Private Medienhäuser verdienen mit ihrem Geschäft Geld. Wobei sich die Ertragssäulen vielfach verschoben haben. Sogenannte Großverlage wie Bertelsmann, Springer, Holzbrinck oder die Funke Mediengruppe betreiben heute zahlreiche Online-Portale, bei denen es um Shopping-Angebote, Partnervermittlung oder Vermittlungsdienste geht. Die Welt der eigentlichen Nachrichten ist enorm geschrumpft. Am besten liest man es an der Entwicklung der regionalen Tageszeitungen ab. Wurden 1995 deutschlandweit täglich rund 18,1 Millionen regionale Tageszeitungen verbreitet, hat sich die Zahl bis heute mit etwa 10 Millionen Exemplaren fast halbiert. Sowohl vom Personalvolumen, von den verkauften Exemplaren bis hin zum Umsatz lässt sich überall ein Rückgang feststellen.

Am Selbstbehauptungspotenzial zur eigenen Bedeutung herrscht innerhalb der Medienwelt dennoch kein Mangel. Während Informations-, Programm- und Lesebeiträge bei privatwirtschaftlichen Anbietern vor allem gegenüber der Spaß- und Werbeunterhaltung in Social-Media-Kanälen verlieren, behauptet sich insbesondere der Öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR). Dessen Finanzierung ist derzeit noch durch das Pflichtgebührensystem gesichert, egal, wie sich das Nutzerverhalten auch verändert. Langfristig wird sich der öffentliche Medienbereich dem Veränderungsdruck beugen müssen. Das fällt dort allerdings besonders schwer. Hier wirkt nämlich ein Mechanismus, der allen größeren Organisationen innewohnt.

Die oberen Etagen im ÖRR verdienen überdurchschnittlich gut. Die Gehälter von Intendanten und Landesfunkhausdirektoren bei der ARD liegen über denen von Ministerpräsidenten. Auch angestellte Journalisten in den einzelnen Redaktionen werden ausgesprochen gut entlohnt. Es gibt auch unter den freien Journalisten ein lohnenswertes Honorarsystem. Beispielsweise können Beiträge an eine ARD-Länderanstalt verkauft werden und im Verbund der anderen ebenfalls angeboten werden. Im günstigsten Fall wird derselbe Beitrag dann dreimal zu denselben Sätzen vergütet und man kann schon mal mit rund 1.000 Euro am Tag Entlohnung nach Hause gehen. Von solchen Einkommensmöglichkeiten können Kollegen bei anderen Branchen oft nur träumen. In einer Untersuchung haben die Heidelberger Professoren, Burkhard Schmidt, Rainer Nübel, Simon Mack und Daniel Rölle im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung den Zustand der Journalismusbranche in Interviews unter die Lupe genommen. Ihren Erkenntnissen nach hätten 60 % der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten daran gedacht, ihren Job an den Nagel zu hängen. „Die Journalismusbranche steht kurz vor einem kollektiven Burnout”, warnte die Bundesvorsitzende der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), Tina Groll. Arbeitsbedingungen und Einkommen sind dem allgemeinen Spartrend unterworfen. Aber Einkommenshöhe ist noch lange kein Maßstab für Unabhängigkeit, Objektivität bzw. Qualität. Befinden sich Redakteure so ziemlich am Ende ihres aktiven Berufslebens, kursiert meistens die Vorstellung, dass man auf seine „alten Tage“ nicht mehr anecken wolle. Jüngere Kollegen unterwerfen sich dagegen den vermeintlich vorherrschenden politischen Vorstellungen der Kollegenschaft. Wie zuvor angedeutet, sind solche Mechanismen in jeder größeren Arbeitsorganisation zu finden. Im ÖRR, der Anpassung an Entwicklungen benötigt bzw. sich mit vielen nachrichtlichen und Meinungsimpulsen auseinandersetzen muss, ist Anpassung geradezu fatal.

Neben dem Bedeutungsverlust innerhalb des Online-Universums, dem wirtschaftlichen Niedergang sowie einem veränderten Nutzungsverhalten muss auch das journalistische Personal betrachtet werden. Blickt man heute auf die Ausbildungsgänge und deren Inhalte, findet man eine Ausrichtung auf technisches Handwerk, ein wenig Medientheorie, praktische Übungen, Vermittlung von Dramaturgie, Videoschnittkunde und Medienrecht. Damit ist man als Journalist jedoch nicht für die Welt draußen gerüstet. Vor Jahrzehnten war es noch üblich, dass Journalisten mit einem abgeschlossenenen Fachstudium in die Redaktionen kamen. Diplom- oder Masterabschlüsse in Recht, Germanistik, Wirtschaft, Naturwissenschaft und anderem befähigten zu einem Volontariat, bei dem man nur noch das jeweils redaktionelle Handwerk im Print- oder elektronischen Bereich erwarb. Solche inhaltlichen Qualitäten sind heute Seltenheit. Dafür steigen vielfach Menschen mit politischen Überzeugungen ins Medienkarussell und wundern sich, dass ihnen Ablehnung entgegenschlägt. Ein medialer Niedergang fußt eben teils auch auf innere, selbstverantwortete Prozesse.

Die Beteuerung durch Medienleute, dass Medien inhaltliche Qualität widergäben, seriös, wahrhaftig oder umfassend berichten würden, ist ein hilfloses Rufen. Was und wie welches Medium auch immer begriffen wird, entscheiden einzig deren Rezipienten. Vernachlässigt in der Selbstbetrachtung wird in der Regel ebenso, dass jede Veröffentlichung, egal ob in Bild, Ton oder gedruckt, nur einen winzigen Momentausschnitt der hyperkomplexen Wirklichkeit darstellt. Nachrichten sind allenthalben Minimalaspekte, he-rausgelöste Fakten aus einem Gesamtzusammenhang oder verengte bzw. verkürzte Sichtweisen. Dazu kommt die Multiplizierung eines Ereignisses durch die Widergabe in vielen Medien, deren ständiges Wiederholen am Tag und millionenfachen Teilens in sozialen Medien oder durch die Beförderung durch Algorithmen. Das alles hat am Ende nichts mehr mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit zu tun. Der Bonner Philosoph Prof. Markus Gabriel kritisiert den heutigen Zustand an Vorstellungen von der Welt allgemein. Seiner Auffassung nach sind zum Beispiel alle Teilwissenschaften eben nur „Halbwahrheiten“, weil sie niemals ein reales Bild von unserer Welt erzeugen können, schon wegen der heutigen Erkenntnisquantitäten nicht. Gabriel beklagte kürzlich während einer Diskussion zur „10. phil.cologne“, dass teils romantisierte Vorstellungen über die Natur, den Menschen darin oder die Tierwelt, gigantische politische Auswirkungen hätten. Ansichten darüber, dass „die Welt gerettet“ werden könnte, werden auch durch das Sendungsbewusstsein mancher Medienaktivisten aufgegriffen und mit vermeintlich pädagogischem Auftrag verbreitet.

Der Klimawandel, der uns nicht nur durch hohe Sommertemperaturen, Trockenheit, einzelne Wettererscheinungen und vieles andere mehr medial vorgeführt wird, hängt nicht allein am CO₂. Egal, wie oft das noch in Schleifen gepredigt wird, es müssten, um der Wahrheit dazu wirklich näher zu kommen, neben Treibhausgasemissionen, Sonnen- und elektromagnetische Einflüsse auf die Erde und unzählige, tägliche regionale Ereignisse zusammengenommen werden. Doch dazu sind Nachrichtenformate einfach zu kurz. Dennoch bleiben solche Verkürzungen Medienalltag. Verheerend sind gleichsam IT-Einflüsse innerhalb von Medien. Hier geht es vorrangig um die Erzielung guter Reichweiten. Dementsprechend werden Überschriften zu provokanten Zuspitzungsfetzen zusammengestutzt. Der Beitrag darunter hat oft nichts mit der eigentlichen Trigger-Headline zu tun. Medienkonsumenten werden von solchen Verbal-Überhitzungen dauerhaft enttäuscht. Harmlose Inhalte werden zu Thriller-Meldungen aufgepumpt. Das hat nichts mit Journalismus zu tun. Der heutigen Info-Hitze gegenüber erscheint der alte BILD-Boulevard fast harmlos. Auch das Abschreiben und Verbreiten von Nachrichten aus einer bestimmten Quelle, die dann als Massenfutter von anderen Redaktionshyänen nachgekäut werden, helfen der Branche nur weiter in den Sterbevorgang. Vom inneren inhaltlichen Medienwandel ist also wenig zu sehen. Man kann natürlich gern weiter auf das verkürzte Verhalten von Medienkonsumenten wettern. Die Klage wird jedoch nichts ändern. Ein Wandel kann nur mit einem herausragenden Angebot glücken. Davon ist jedoch wenig zu sehen.

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