Meilenweit entfernt

Man darf die Zustände der Schulen keineswegs one weiteres nach dem Zustande der Presse beurteilen. Zwischen Setzern und Lerern findet ein nicht unbeträchtlicher Abstand statt; in den Druckerein herschen der Natur der Sache nach vil festere Gebraüche als in den Schulen; in jenen wird mechanisch gearbeitet, in disen soll zum selbständigen Denken gefürt werden. Die jungen Leute, welche als Lerlinge in die Druckereien treten, lernen hier allmählich nach den in disen her-schenden Gebraüchen (sogenannten Hausorthographien) setzen.

… Die Unterrichtsbehörden erkannten es als Aufgabe der Schulen von der Volksschule an bis zum Gymnasium hin ire Schüler zur Festigkeit in der Schreibung der Muttersprache zu gewönen. Dis setzt eine feste Schreibung voraus; dise war aber in der Tat bei den Lerern und dem denkenden Teile des Volkes nicht mer vorhanden.“

Nanu, was soll das? Wollen die uns hier falsche Rechtschreibung beibringen? Die sollten doch mal lieber in den Duden gucken!

Duden? Ja, Duden, Herr Duden. Konrad Duden wurde 1829 in Wesel als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Nach dem Abitur 1846 studierte er vier Semester Geschichte, Germa- nistik und klassische Philologie an der Universität Bonn. Aus nicht bekannten Gründen brach er sein Studium ab und verdingte sich als Hauslehrer. Es gelang ihm, die erforderlichen staatlichen Prüfungen für seine Lehrertätigkeit später nachzuholen. 1869 wurde er Direktor des Gymnasiums in Schleiz (Thüringen). Er erkannte, welche Schwierigkeiten seine Schüler mit der deutschen Rechtschreibung hatten, und die waren nicht nur mit mangelhaften Kenntnissen verbunden. Deutschland sah zur damaligen Zeit aus wie ein Flickenteppich, Kleinstaaten überall. Zwar gab es bereits den Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens, und Preußen bemühte sich, durch die Kriege 1864 und 1866 einen einheitlichen Bundesstaat mit Anschluss der südlichen deutschen Länder Bayern, Baden und Württemberg zu schaffen. In den Amtsstuben, die Verordnungen und Gesetze in deutscher Sprache auszuarbeiten hatten, gab es, was die Rechtschreibung betrifft, keinerlei Einheitlichkeit, nicht einmal innerhalb eines kleinen Ländle. Manche vertraten die Meinung „Schrei-be so, wie du sprichst“, also das Prinzip der Aussprache sollte dominieren, andere verlangten die Einhaltung der historisch gewachsenen Schreibweise von Wörtern. Woran sollten sich Schüler, Gymnasiasten, Zeitungsredakteure oder Buchdrucker orientieren?

Duden war sich dieser Misere bewusst. Er begann, Regeln zu formulieren, und stellte eine Wörtersammlung zusammen, die er 1872 veröffentlichte. Die Zeit damals war eigentlich güns-tig für sein Vorhaben, ein einfaches und einheitliches Regelwerk zu schaffen. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal in Versailles, während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 bis 1871, der preußische König Wilhelm I. zum Kaiser gekrönt. Die Bildung des neuen Kaiserreichs führte zu einer Vielzahl neuer Gesetze, Weisungen, Verordnungen, Erlasse u. ä., die natürlich in deutscher Sprache abgefasst werden mussten, und da war die mangelnde Einheitlichkeit in den Schreibweisen hinderlich. Frankreich als unterlegene Partei des Krieges hatte 5 Milliarden Francs an den Sieger zu zahlen. Und das Land erfüllte tatsächlich seine Verpflichtungen! Profiteure auf deutscher Seite waren in erster Linie die Oberen des Kaiserreichs selbst, das Militär und, nach Abzug der kärglichen Abfindungen für die Kriegerwitwen und Kriegsinvaliden, die deutschen Banken. Letztere wiederum in- vestierten in zahlreiche neu entstehende Aktiengesellschaften und andere Privatunternehmen, was insgesamt zu einem ungeheuren Aufschwung der Industrie und des Bauwesens führte. In Berlin wurden, um die ständig wachsende Zahl von Arbeitskräften unterbringen zu können, die ersten Mietskasernen gebaut. Es begann die Zeit der Gründerjahre. „Gründer“, so hieß es damals, nicht Start-up, womit sich heute gebrüstet wird.

Eine Aktiengesellschaft braucht eine Satzung, das ist der Gesellschaftervertrag, der natürlich – wir wiederholen uns hier – in deutscher Sprache abgefasst sein muss. Die in den bisherigen Kleinstaaten bestehenden Gesetze mussten in Übereinstimmung mit den auf Reichsebene geltenden Vorschriften gebracht werden. Mit der neuen Reichsverfassung fielen die Zollschranken innerhalb Deutschlands weg; mit dem neuen Münzgesetz galt ab 1876 die Goldmark als alleiniges Zahlungsmittel, es verschwanden Taler, Groschen und Sechser; an der Stelle von sächsischer Postmeile, von Fuß, Elle und Rute wurde der Meter als Längenmaß eingeführt; der Generalstab bewirkte die Nutzung des Kilogramms als Gewichtseinheit; das Posttaxgesetz 1872 schuf ein Einheitsporto, die ehemalige Reichspost der Fürsten von Thurn und Taxis wurde abgeschafft. Die Eisenbahnen erhielten eine Aufsichtsbehörde, u. a. auch für die Durchsetzung einer einheitlichen Signalgebung. Die für uns heute unvorstellbare Erschwernis des Eisenbahnverkehrs durch 20 (!) Zeiten innerhalb Deutschlands wurde allerdings erst 1893 durch die MEZ (Mitteleuropäische Zeit) beseitigt. Die Zeichen standen also auf Vereinheitlichung, ähnlich unserer jetzigen Situation in der Europäischen Gemeinschaft.

Es ist also ganz selbstverständlich, dass das neue Kaiserreich auch eine einheitliche Recht-schreibung braucht. Nicht, um „im Trend“ zu liegen, sondern um, wie wir es darzustellen versucht haben, den Erfordernissen der Wirtschaft, der staatlichen Verwaltung und des Militärs Genüge zu tun.

Natürlich erkannten dies auch die Regierenden. Kultusminister Adalbert Falk berief daher eine Orthographische Konferenz ein, auf der vom 4. bis 15. Januar 1876 vierzehn Fachleute, darunter auch Konrad Duden, – zur Kenntnis an unsere Damenwelt heute: es waren nur Männer anwesend – unter der Tagesordnung „Verhandlungen zur Herstellung größerer Einigung in der Rechtschreibung“ Probleme der Rechtschreibung diskutierten.

Von Interesse für uns heute ist, welche Themen damals als Probleme angesehen wurden und wie weit wir heute von den damaligen Positionen entfernt sind.

• Zu Zeiten des Barock (17., 18. Jahrhundert) wurden viele Schmuckelemente eingesetzt. Und das nicht nur im Bauwesen, sondern auch in der Sprache. So wurden deutsche Wörter mit dem Buchstaben ‘h’ geschmückt, völlig überflüssig, weil er ja auch gar nicht als Laut gesprochen wird: Zierath, Armuth, Alter-thum, Reichthum, Thür, Thor, Nothwendigkeit, Unterthan, Thal, Vortheil. Eines der Ziele der Konferenz war, diesen überflüssigen Buchstaben ,h’ wegfallen zu lassen. Es sollte wieder heißen: Glut, Not, Atem, Altertum, Ungetüm, Teil, verteidigen. Interessant dabei, dass der deutsche Kaiser darauf bestand, dass das Substantiv ,Thron’ aber nicht verändert werden dürfe.
• Die Endung ,-niß’, z. B. in Gleichniß, Vermächtniß, sollte durchgehend ,-nis’ geschrieben werden.
• Die Pluralformen von Fremdwörtern auf ,-ie’, wie bei Theorien, Sympathien, sollten wieder allgemein mit zwei ,ee’ geschrieben werden: Theorieen, Sympathieen.
• In Fremdwörtern sollte das ,c’ weitgehend durch ,z’ ersetzt werden. Es wurde eben damals Socialdemokratie, Centralkomitée, Civil geschrieben.
• Verben auf ,-iren’ sollten nun alle mit ,ie’ geschrieben werden, also stolzieren, inspizieren statt stolziren, inspiziren.
• Die Vokalverdoppelung sollte in Wörtern wie Ware, Schar beseitigt werden, aber in scheel, Paar etc. bleiben.
• Die Lautverbindung schst sollte ganz vermieden und z. B. du wäscht, statt du wäschst, geschrieben werden.
• Es wurde auch erwogen, die gemäßigte Kleinschreibung einzuführen, d. h. die meis-ten Substantive und substantivierten Wörter mit kleinem Anfangsbuchstaben zu schreiben.

Und was ist daraus geworden? Ja, Beschlüsse gab es. Aber was nützen sie, wenn sie letztlich nicht wirksam werden. Die Konferenz von 1876 war gescheitert! Die Länder des deutschen Kaiserreichs lehnten Reformen ab. Man beschimpfte sich weiter wechselseitig als „Leffel-Fraktion“ und „Fi-Partei“, die eine nach dem his-torischen „Löffel“, die andere nach der von den Phonetikern vorgeschlagenen Schreibung von „Vieh“ benannt. Und Reichskanzler Bismarck soll geäußert haben, dass man den Menschen zumute, sich an neue Maße, Gewichte, Münzen zu gewöhnen, man verwirre alle gewohnten Begriffe, und nun wolle man auch noch eine Sprachkonfusion einführen. Das sei unerträglich. Beim Lesen auch noch Zeit zu verlieren, um sich zu besinnen, welchen Begriff das Zeichen ausdrückt, sei eine unerhörte Zumutung. Er werde das zur Kabinettsfrage machen, wenn Unterrichtsminister Falk auf solchen Schwindel eingehe.

Zu den Ergebnissen der Orthographie-Konferenz von 1876 erschien ein Buch von Prof. Dr. G. Michaelis, woraus wir ganz oben, zu Beginn des vorliegenden Artikels, ein paar Sätze zitiert und dabei aber auf die ursprüngliche Druckschrift Fraktur verzichtet haben. Mangelnde Deutschkenntnisse sollte man dem Herrn Professor aber nicht vorwerfen, aber der kurze Ausschnitt zeigt, wie meilenweit wir heute in der Rechtschreibung von damals entfernt sind. Aufschlussreich in den angeführten Zeilen ist auch noch, dass auf Druckereien und Hausorthographien eingegangen wird. Denn diese waren es, die nach ihrem Gutdünken bestimmten, auf welche Art und Weise Wörter und Sätze in Büchern und Zeitungen zu schreiben sind.

Auch wenn die Konferenz 1876 keine zu der Zeit in die Praxis umgesetzten Ergebnisse gebracht hat und die Beschlüsse mehr als Bestandsaufnahme aufzufassen sind, lässt sich nicht leugnen, dass die Wichtigkeit der Sprache in den Beziehungen zwischen den Menschen auch schon vor über 130 Jahren erkannt worden ist.

Zum Abschluss versuchen wir, Ihnen etwas von dem damals herrschenden Geist zu vermitteln:

„Das deutsche Reich, es ist in neuer Herlichkeit erstanden; es ist erfüllt was Jakob Grimm einst in das Stammbuch eines Freundes schrieb:
Wie nach Krig und Brand
Gottes Segen kommt ins Land,
Steigt auch einmal wider
Deutschlands Retter von der fernen Höhe
nider.
Mögen nun die Beschlüsse der Konferenz als ein bedeutsamer Anfang zum Durchbruch einer besseren Schreibung unserer Muttersprache dem ganzen deutschen Volke, allen deutschen Regirungen und dem deutschen Reiche zu Heil und Segen gereichen!“

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer