Meine Ex sagt…

… dass es gut sei, dass wir nur aus zwei Haushalten kommen. Es würde ja immer schwieriger, sich mit anderen zu verabreden. Zuhause fiele ihr immer öfter die Decke auf den Kopf. Dadurch fühle sie sich häufig melancholisch und einsam. Sie gehe doch aber arbeiten und träfe dort allerhand Leute, entgegnete ich. Es sei nicht vergleichbar, mit Kollegen zusammenzuarbeiten oder mit Freunden über Gott und die Welt zu quasseln. Hand aufs Herz, sagte ich zu ihr, in dieser Zeit reden doch alle über Corona. Da würden sich die Themen im Job und privat doch gar nicht unterscheiden. Meine Bemerkung ignorierte sie ein-fach. Ich gestand mir ein, dass ich die Naseweiß-Floskel besser für mich behalten hätte. Diese wachsende Tendenz zur Vereinsamung aus Mangel an Freizeitmöglichkeiten nehme gewiss zu. Ob das aber nicht auch ein Hinweis auf eine gewisse Einfaltslosigkeit in unserer Zeit sei, fragte ich und argumentierte weiter, dass es vor 100 Jahren weder Fitnessstudios, noch TV-Geräte gab, kein Internet und kaum Telefone. Da wohnten aber über-wiegend große Familien zusammen. Bei denen konnte gar keine Einsamkeit aufkommen. Da stimmte ich zu. Andererseits wären nicht so viel Selbstbeschäftigung, Selbstfindung oder Selbstoptimierung möglich gewesen. Möglicherweise wäre dieser permanente Selbstkosmos – was und wer mir wann und wie gut tun würde, einer der Gründe, warum man seltener mit anderen zusammen träfe. Je öfter und länger jemand in sich hi-neinhören würde, um so weniger bekommt er von anderen mit. Das könnte doch eine Quelle für den Mangel an Begegnungstiefe sein. Gemeinsame Gruppenaktivitäten könnten ein enges Zusammenleben nicht ersetzen, behauptete ich. Meine Ex sah mich ungläubig an. Ich wusste ja, dass sie zum Jogakurs ging, einen intensiven Austausch über Kosmetik pflegte und weiteren solcher schönen Beschäftigungen nachging. Spitzfindig fragte ich noch, ob sich wegen der seltenen Begegnungen nicht enorm an Kosmetikprodukten sparen ließe. Schließlich müsste sie sich nicht permanent für die Öffentlichkeit schminken. Hätten wir mal lieber über Corona geredet, wetterte meine Ex. Mein Einwurf sei völlig überflüssig. Erstens hätte sie das nicht nötig, zweitens sei es für ihre Hautpflege und drittens ginge es mich auch nichts an, wie viel sie für Kosmetika ausgeben würde. Zumindest hatte ich mich mit dem Satz in die Einsamkeit katapultiert. Thomas Wischnewski

Vielleicht gefällt dir auch