Meine Ex sagt …

… sie würde bestimmt keinen Mann mehr kennenlernen. So düster sollte sie sich ihre Zukunft aber nicht vorstellen, sagte ich. Wie ich mir vorstellte, dass sie jemanden treffen könne. Die Cafés und Restaurants sind seit Wochen geschlossen. Und das würde nach jetziger Lage wohl noch eine Weile so bleiben. Egal mit wie vielen Männern sie online flirten würde, am Ende könne man sich einfach nicht beschnuppern. Stimmt, dachte ich. Vielleicht könnte sie jemanden in ihre Wohnung einladen oder sich in der eines Mannes empfangen lassen. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, rief sie prompt aus. Einen Unbekannten in die Wohnung lassen bzw. in dessen Behausung gehen? Bei mir hätten sich offenbar ein paar Synapsen verknotet. Erstens sei das für Frauen viel zu gefährlich und es gebiete der Anstand, nicht bei der erstbesten Gelegenheit in die Privatsphäre einzubrechen. Am Ende ist man sich real gar nicht sympathisch, und möglicherweise sei der Typ dann ein Stalker und weiß sofort, wo man wohne. Damit hatte sie natürlich recht. Diese Aspekte hatte ich nicht bedacht. Wie es mit einem Spaziergang im Park wäre, fragte ich noch. Das sei schon denkbar, aber das Wetter ist manchmal richtig mies. Und überhaupt sollte man doch Kontakte einschränken und mit anderen auf Abstand bleiben. Die Virus-Pandemie hat viele ungünstige Folgen. Mein Vorschlag an sie lautete: Sie könne sich doch in dieser Zeit viel intensiver mit jemandem schreiben, schließlich telefonieren, Videochats gingen doch auch. Manche Leute kennen sich doch überhaupt nur online. Ich sollte mich über ihre Situation nicht auch noch lustig machen. Klar könne man das alles machen, aber wochenlang schreiben oder virtuell reden – das würde sie auf Dauer nicht aushalten. Ich sollte mir mal vorstellen, sie verliebt sich auf diese Weise in einen Typen und vergeht dann vor Sehnsucht. Aber da wäre doch immer noch der Parkspaziergang. Und dann könnten sie immer noch beschließen in ihre oder seine Wohnung zu gehen. So einfach sei das alles nicht. Ich hätte eben kein Verständnis für ihr Problem. Meinen Pragmatismus könne ich gut für mich behalten. Und Weihnachten – wie sie das verbringen würde, fragte ich? Da käme sie dann zu mir. Ich hatte ein entschiedenes Jein herausgestottert, weil meine Pläne ganz andere waren. Als herzlosen, unempathischen Kerl beschimpfte sie mich und ließ mich mit dem Dezemberabend allein.

Thomas Wischnewski

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